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Per Luftbild verschwundenen Burgen auf der Spur

Ronald Heynowski steigt bis zu 400 Meter hoch, um tief in die Erde zu schauen. Auch in der Oberlausitz entdeckt er dabei Überraschendes.

Archäologe Ronald Heynowski erkundet aus der Luft die Geschichte der Oberlausitz.
Archäologe Ronald Heynowski erkundet aus der Luft die Geschichte der Oberlausitz. © Landesamt für Archäologie

Kamenz. Ronald Heynowski sitzt am Computer im Museum der Westlausitz. Der Bildschirm zeigt Luftbilder aus der Oberlausitz. Auf den Felder beginnt die Saat zu sprießen. Dazwischen erheben sich Wälder in der Landschaft, Straßen und Wege verbinden Dörfer und Siedlungen. Andere Darstellungen zeigen Gegenden mit einem Hauch von Schnee. Jasmin Kaiser, die am Museum als Archäologin tätig ist, betrachtet mit ihrem Kollegen des Landesamtes für Archäologie die Fotos. Den Experten geben die Naturaufnahmen Geheimnisse aus der Zeit vor über 1.000 Jahren preis.

Das ungeschulte Auge braucht ein bisschen, um sich in die Archäologie aus der Luft in die Erde hineinzuschauen. „Kreise im Bewuchs auf dem Feld könnten auf Hügelgräber deuten, diese Linie hier im Feld auf einen ehemaliger Graben einer Burganlage. Pflanzen reagieren auf ihren Untergrund, der durch archäologische Strukturen oft verändert ist. Auf einer prähistorischen Grube wurzeln sie tiefer, wachsen langsamer und reifen anders aus“, erklärt Ronald Heynowski. Über diesen alten Gräben seien die Getreidehalme grün, während sie nebenan schon gelb seien.

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Unterwegs im Flugzeug ohne Türen

Der promovierte Archäologe fliegt seit 20 Jahren im Auftrag der Denkmalbehörde des Freistaats für die Luftbildprospektion. Start des archäologischen Rundflugs ist immer der Flugplatz Großenhain. Die Türen des Ultraleichtflugzeugs sind ausgebaut. „Angst darf man nicht haben“, sagt der 61-Jährige. In 300 bis 400 Meter Höhe geht es über die Landschaft zwischen Leipzig, Zittau, Oberwiesenthal und Torgau. 30 Flugstunden gibt es insgesamt im Jahr. Gute Sicht für den Archäologen ist von Mai bis zur Ernte sowie an sacht überschneiten Wintertagen. Bei jeder Tour entstehen um die 1.000 Bilder.

Archäologe Ronald Heynowski erkundet per Luftbildaufnahmen die Geschichte der Oberlausitz. Im Museum der Westlausitz in Kamenz schaut er die Bilder gemeinsam mit Archäologin Jasmin Kaiser (li.) und Leiterin Frederike Friederike Koch-Hinrichs an.
Archäologe Ronald Heynowski erkundet per Luftbildaufnahmen die Geschichte der Oberlausitz. Im Museum der Westlausitz in Kamenz schaut er die Bilder gemeinsam mit Archäologin Jasmin Kaiser (li.) und Leiterin Frederike Friederike Koch-Hinrichs an. © Matthias Schumann

Häufig führt der Weg auch in die Oberlausitz. Unter anderem im Auftrag des Kamenzer Museums des Westlausitz nimmt Ronald Heynowski die zahlreichen Wallanlagen der Region in den Blick. Gut 70 Wallanlagen, darunter 60 slawische Burgen, sind aus der Oberlausitz bekannt. Doch die Experten vermuten, dass längst noch nicht alle alten Siedlungen entdeckt sind.

„Wir nutzen alles, um Geschichte detaillierter beschreiben zu können. Die Zeit zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert ist spannend. Dieses Ende der Vorgeschichte ist die Grundlager unseres heutigen Lebens – und wir wissen eigentlich wenig darüber“, sagt Museumsleiterin und Archäologin Friederike Koch-Hinrichs. Die Luftbildarchäologie sei nur eine Methode, um an neue Informationen aus der Erde zu kommen.

Fragen werden ohne Eingriff in den Boden geklärt

So gehen unter anderem auch knapp 30 ehrenamtliche Denkmalpfleger selbstständig über die Felder, um nach archäologischen Funden Ausschau zu halten. Denn noch immer werden beim Ackern in der Erde Reste der ursprünglichen Besiedlung zu Tage gefördert. Von den Ehrenamtlern erhalten die Archäologen Hinweise, wo man vielleicht genauer hinschauen sollte. Auf diesem Weg sind die Kopschiner Schanze bei Crostwitz wie auch Ostro (Gemeinde Panschwitz-Kuckau) erneut in den Blick der Experten geraten. „Wir haben an der Kopschiner Schanze eine kleine Grabung gemacht und im Vorfeld der Burg Grabenwerk gefunden. Es geht immer darum, bisherige Forschungen zu konkretisieren“, sagt Friederike Koch-Hinrichs.

So sieht die Kopschiner Schanze bei Crostwitz im Winter aus der Luft aus...
So sieht die Kopschiner Schanze bei Crostwitz im Winter aus der Luft aus... © Landesamt für Archäologie, Ronald Heynowski
...und so im Sommer.
...und so im Sommer. © Landesamt für Archäologie, Ronald Heynowski

An dieser Klärung hat auch die Luftbildarchäologie einen Anteil – und zwar ohne einen Eingriff in die Fundstelle und den Boden. Die neue These, dass die Kopschiner Anlage viel größer war als bisher gedacht, sollte geklärt werden. Jüngste Forschungen gehen davon aus, dass sie mit einer Fläche von fast fünf Hektar etwa genauso groß wie der spätmittelalterliche Altstadtkern Bautzens war. „Mit dieser ungewöhnlichen Ausdehnung und ihrem mehrgliedrigen Aufbau hebt sich die Kopschiner Schanze von den anderen Burgen der Oberlausitz ab und erfüllt sogar die Kriterien einer Burgstadt. Wir vermuten, dass die Burg wie Ostro große Bedeutung bei den Milzenern hatte“, sagt Friederike Koch-Hinrichs.

Trockenheit führt zu neuen Erkenntnissen

Dieses Wissen hat Ronald Heynowski mit ins Flugzeug genommen. „Mit dem Blick von oben sind Strukturen besser zu erkennen. Ich kann zwar aus der Luft nicht datieren, ich kann aber die Ausdehnung von Anlagen bestimmen, gerade wenn ich neue Anhaltspunkte habe“, sagt der Luftbildarchäologe. Bei seinem Blick aus dem Fenster mache er es wie beim Pilze-Suchen. Zum einen geht es immer wieder an die bekannten Orte, in der Hoffnung etwas Neues zu entdecken. Zum anderen halten er und der Pilot immer die Augen auf nach neuen Fundstellen.

Zwei Stunden ist das Team jeweils bei den Erkundungsflügen unterwegs, knapp 30 Anlagen lassen sich in dieser Zeit anfliegen. Die Auswertung erfolgt am Boden und mit dem Computer. Für Ronald Heynowski gibt es auch nach 20 Jahren Draufsicht auf Sachsen immer wieder Neuentdeckungen. „Gerade die Trockenheit der vergangenen Jahre führt zu neuen Erscheinungsbildern. Der Wasserpegel sinkt, die Feldfrüchte reifen früher aus. Da fliegt aber inzwischen auch viel Erfahrung mit“, sagt der Angestellte des Landesamtes für Archäologie.

Dort ist er für die Inventarisierung archäologischer Fundstellen verantwortlich – und selbstverständlich freut es ihn, wenn er wieder Neues in die Liste aufnehmen kann. „Denn der größte Teil archäologischer Fundstellen ist unbekannt. Bei unserer Arbeit geht darum, diese Wissenslücken zu verringern.“ Deshalb steigt der Luftbildarchäologe im Mai wieder ins Flugzeug - zur Spurensuche aus der Luft.

Blick aus der Vogelperspektive auf die Blösaer Schanze.
Blick aus der Vogelperspektive auf die Blösaer Schanze. © Landesamt für Archäologie, Ronald Heynowski

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