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Sind die Störche diesmal zu früh dran?

Schon im Februar wurde der erste Adebar im Landkreis Bautzen gesichtet. Völlig normal, sagen Vogelkundler - und offenbaren ein Geheimnis der Zugvögel.

Am vergangenen Wochenende ist der erste zurückgekehrte Weißstorch im Landkreis Bautzen gesichtet worden. Zu früh sei das nicht, sagen Vogelkundler.
Am vergangenen Wochenende ist der erste zurückgekehrte Weißstorch im Landkreis Bautzen gesichtet worden. Zu früh sei das nicht, sagen Vogelkundler. © privat

Bautzen. Wenn er auftaucht, heißt es, kommt der Frühling und mit ihm Glück und Kinderreichtum: Die Rede ist vom Weißstorch. Der erste Ankömmling wurde am vergangenen Wochenende in Nostitz bei Weißenberg gemeldet. "Sehr zeitig", finden manche. "Völlig normal", sagt dagegen Dr. Winfried Nachtigall vom Förderverein der Vogelschutzwarte in Neschwitz. Es sei, fährt er fort, bei so einer Witterung nicht ungewöhnlich, dass die Vögel bereits Ende Februar zurückkehren. Etwa zehn von ihnen seien bereits in Sachsen angekommen.

Der Storch in Nostitz sei aber scheinbar tatsächlich das erste Exemplar seiner Art, das in diesem Jahr im Landkreis Bautzen gesichtet wurde. Bei ihrer Entscheidung zum Rückflug würden sich die Tiere etwa an Sonnenstand und Tagesdauer orientieren. Und letztlich zähle das Gefühl, führt Nachtigalls Kollege Stefan Siegel aus: "Der Storch kommt, wenn er den Zeitpunkt dafür als gut erachtet."

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Störche kommen zwischen Februar und März zurück

Denn das Zeitfenster für ihn ist denkbar klein: Bis Ende März kehren die Zugvögel im Normalfall in heimische Gefilde zurück. Wer später kommt, sei meist zwischen zwei und drei Jahre alt, männlich und Junggeselle, so Nachtigall. Alle anderen Artgenossen agieren tierisch logisch: Wer als erster ein gutes Nest und einen Partner findet, zudem noch kräftig genug ist, um Jungtiere großzuziehen, der bekommt Gelegenheit zur Fortpflanzung.

Zu spät kommen sollte der Storchen-Partner daher besser nicht, führt Stefan Siegel weiter aus: "Anhand der Beringung der Störche stellen wir fest, dass die Partnertreue groß ist. Aber die Tiere haben halt nicht ewig Zeit bei der Fortpflanzung. Da kann es schon einmal sein, dass die Wahl auf einen anderen Partner fällt."

Seit 2017 beringt Stefan Siegel Jungstörche im Auftrag der Neschwitzer Vogelschutzstation.
Seit 2017 beringt Stefan Siegel Jungstörche im Auftrag der Neschwitzer Vogelschutzstation. © Bernhard Donke

Bei alledem seien die Störche im Landkreis Bautzen im Nachteil, wie Siegel erklärt: "Hier verläuft eine Ost-West-Scheide. Die Westzügler fliegen nach Spanien und Portugal, überqueren dann auf ihrem Weg nach Afrika die Straße von Gibraltar." Oft fänden die Tiere bereits in Marokko ausreichend Futter für die Überwinterung.

Anders sieht es bei den Ostzüglern aus, die besonders in der Oberlausitz verbreitet sind. Sie fliegen über den Bosporus und schließlich über Israel nach Ostafrika. Eine ungemütliche Strecke: "Der Weg ist länger und gefährlicher", sagt Stefan Siegel. Es gebe offene Mülldeponien, auf denen die Tiere zwar Nahrung finden, sich aber häufig auch verletzen würden. Überhaupt sei die Vergiftungsgefahr größer. Hinzu komme die illegale Jagd, der Störche auf dieser Strecke ausgesetzt seien.

50 Prozent der Jungvögel sterben

Wegen all dieser Unwägbarkeiten will sich auf die erwartete Storchenpopulation in dieser Saison niemand festlegen: Rund 65 Jungvögel pro Jahr hat Stefan Siegel im Kreis Bautzen in den vergangenen Brutperioden beringt. Seit 2017 macht er das schon. "Von denen gibt es vielleicht fünf im Jahr, die abgelesen werden", sagt er. Der Rest? "Man weiß nicht, wo die sich aufhalten. Viele überleben den Vogelzug nicht, andere verunfallen im Straßenverkehr oder auf dem Feld." 50 Prozent der Jungen würden das erste Jahr nicht überleben, so Winfried Nachtigall.

Dass der Storch aus Nostitz den Winter in Afrika verbracht oder sogar die Ostroute genommen hat, halten die Vogelkundler jedenfalls für unwahrscheinlich: Zwar gehe man davon aus, dass sich das Zugverhalten der Tiere genetisch vererbe, so Nachtigall, aber: "Alle Individuen reagieren auf aktuelle Bedingungen." Er hält es daher für nicht unwahrscheinlich, dass der Nostitzer Storch den Winter in Spanien verbracht hat - oder Deutschland gar überhaupt nicht verlassen hat.

Jetzt ist die beste Zeit zur Storchenbeobachtung

Gut möglich, dass er mit diesem Verhalten seine Art rettet: "Die Ostzieher haben einfach viel zu wenig Brutreserve, um die Population zu erhalten", sagt Stefan Siegel. Weil die Artgenossen, die nach Westen ziehen, dem evolutionär überlegen seien, verschiebe sich die Ost-West-Scheide der Storchenwanderung zunehmend gen Osten, haben die Wissenschaftler beobachtet. "Falsche Ostzieher", nennt Winfried Nachtigall die Vögel.

Einen Nutzen haben die für die heimische Landschaft übrigens kaum: "Das Interesse am Storch hat historische Gründe. Er ist ein Siedlungsvogel und hält sich in der Nähe der Menschen auf. Genau wie die Schwalbe haben die Menschen ihn schon immer beobachtet", so Nachtigall. Die beste Zeit dafür sei in den kommenden vier Wochen.

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