merken
PLUS Bautzen

"Die Sorben werden heute stärker wahrgenommen"

Im Juni tritt Dawid Statnik erneut zur Wahl als Domowina-Vorsitzender an. Vor zehn Jahren übernahm er das Amt. Im Interview sagt er, was sich seitdem verändert hat.

Domowina-Chef Dawid Statnik will am 12. Juni erneut Vorsitzender des Bundes Lausitzer Sorben werden.
Domowina-Chef Dawid Statnik will am 12. Juni erneut Vorsitzender des Bundes Lausitzer Sorben werden. © dpa-Zentralbild

Bautzen. Dawid Statnik sieht sich als Brückenbauer - innerhalb des sorbischen Volkes sowie zwischen Sorben und Deutschen. Seit zehn Jahren ist der 37-Jährige Vorsitzender der Domowina - und läutete damit einen Generationswechsel im Bund Lausitzer Sorben ein. Am 12. Juni will der Sorbe für eine weitere Amtszeit im Dachverband sorbischer Vereine und Vereinigungen antreten. Miriam Schönbach sprach mit ihm über Selbstbewusstsein und Sorgen der Sorben.

Herr Statnik, wie geht es den Sorben im Jahr 2021?

Ich habe das Gefühl, dass Sorben und sorbische Themen stärker wahrgenommen werden. Wenn wir heute mit einem sorbischen Anliegen kommen, erleben wir eine Offenheit, auch in der Politik. Bei weitreichenden Entscheidungen, wie dem Strukturwandel, werden wir einbezogen. Vor zehn Jahren war es schwierig, Ansprechpartner zu finden - heute haben wir unsere Gegenüber auf Landes- und Bundesebene. Das Netzwerk ist größer geworden, und die Domowina wird als stärkere Stimme der Sorben und Wenden gehört.

Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?

Die Politik ist sensibler für unser Volk geworden, das sorbische Thema wird aber auch innerhalb der Sorben von immer mehr Gruppen aufgenommen. Das drückt sich in steigenden Mitgliederzahlen aus. Gerade sind dem Domowina-Regionalverband Kamenz zwei Jugendclubs beigetreten. Die Arbeit der sorbischen Gremien hat sich professionalisiert. Ein Zeichen dieser positiven Entwicklung ist, dass wir gemeinsam erreichen konnten, dass die Stiftung für das sorbische Volk zum ersten Mal seit der politischen Wende 1990 deutlich mehr Geld zur Verfügung gestellt bekommt.

Die sprachliche Bildung weiter in den Fokus rücken

Der Fachkräftemangel trifft auch die Sorben und Wenden - unter anderem beim Thema Lehrer. Was kann die Domowina da tun?

Anzeige
Familienabenteuerland Sachsen
Familienabenteuerland Sachsen

Die schönsten Regionen Sachsens, die besten Ausflugsziele und kulinarischen Highlights. Hier gibt's Geheimtipps, die garantiert noch nicht Jeder kennt.

Personalmangel in Schulen wie in öffentlichen Behörden ist ein generelles Problem. Wir können mit der Wirtschaft nicht immer mithalten. Unsere Spezifik ist, dass wir neben einer fachlichen Ausbildung eine sprachliche Ausbildung brauchen. Damit wird der Pool von Interessenten klein, zumal viele Sorben auch außerhalb der Lausitz gute Jobs finden. Das bedeutet für uns, dass es eine große Herausforderung ist, für Institutionen Nachwuchs zu finden.

Wie lässt sich diese Aufgabe lösen?

Bisher mussten Bewerber die sorbische Sprache sprechen, vielleicht müssen wir das Pferd künftig aber - auch - von der anderen Seite aufzäumen: Wir müssen schauen, ob Bewerber mit einer fachlichen Qualifikation gewillt sind, unsere Sprache zu lernen. Unser Ziel muss sein, die sprachliche Bildung weiter in den Fokus zu rücken. Der Erhalt der sorbischen Bildungs- und Sprachräume ist der Kern im Fortbestehen des sorbischen Volkes.

Wie sollte aus sorbischer Sicht der Strukturwandel aussehen?

Wir hoffen, dass nicht nur im Speckgürtel Berlins Infrastruktur gebaut wird. Nicht nur Autobahnen und Straßen sind wichtig, wir müssen die Menschen vor Ort zum Dialog bewegen, um das Potenzial der Lausitz zu zeigen. Wir wollen es schaffen, das Sorbische als Alleinstellungsmerkmal der Lausitz zu zeigen. Das Sorbische verstehen wir nicht als ausschließlich touristisches Argument, sondern als Reichtum einer Region - im Unterschied zu vielen anderen ländlichen Regionen. Den Strukturwandel sehe ich vor allem als Chance für die Lausitz.

Es darf keinen Strukturbruch wie 1990 geben

Doch es ist zu befürchten, dass wieder gut ausgebildete Fachkräfte die Region verlassen wie eine ganze Generation nach der Wende.

Deshalb darf es keinen Strukturbruch wie 1990 mit dem Wegfall von 90 Prozent aller Kohlearbeitsplätze geben. Es braucht einen Strukturwandel, der sich den Folgen der Braunkohlegewinnung über viele Jahrzehnte stellt. Die Identifikation mit dem Sprach- und Kulturraum ist dabei für viele wichtig und eine Bereicherung. Das Sorbische ist vielleicht nicht die stärkste Pfeife im Orgelkonzert, wir wollen aber zum Wohlklang beitragen, und womöglich hilft der Strukturwandel auch, gezielt die Sprachrevitalisierung anzugehen, wie das Projekt «Zorja» in der Niederlausitz zeigt.

Was verbirgt sich dahinter?


Da ist eine Gruppe junger Menschen aus Cottbus, die die Idee haben, dass Erwachsene mithilfe eines Stipendiums - ähnlich einem Auslandsjahr - in der Lausitz in die sorbische/wendische Sprache eintauchen können. Finanzieren könnte sich dieses Projekt aus Mitteln des Strukturwandels. Mein Gefühl ist, dass sich der Widerspruch zwischen Tradition und Sorbisch-Sein verliert. Tradiertes darf infrage gestellt werden. Mir fällt auf, Sorbinnen und Sorben sind selbstbewusster geworden. (dpa)

Weiterführende Artikel

Dawid Statnik bleibt Domowina-Chef

Dawid Statnik bleibt Domowina-Chef

Der 37-Jährige wurde als Vorsitzender des sorbischen Dachverbandes wiedergewählt. Zum Erhalt der sorbischen Sprache schlägt er einen Bund sorbischer Schulen vor.

Sorbisch soll so sichtbar sein wie Deutsch

Sorbisch soll so sichtbar sein wie Deutsch

In sorbischen Gemeinden sind zweisprachige Beschriftungen normal. Das Beispiel Rettungswachen zeigt: Gleichwertig sind die Sprachen noch nicht.

Sachse will Grundgesetz ändern

Sachse will Grundgesetz ändern

Dawid Statnik ist nicht nur Domowina-Chef sondern auch Vorsitzender des Minderheitenrates. Der will nun eine Änderung des Grundgesetzes.

Was ist heute im Landkreis Bautzen wichtig? Das erfahren sie täglich mit unserem kostenlosen Newsletter. Jetzt anmelden.

Mehr Nachrichten aus Bautzen lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Bischofswerda lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Kamenz lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Bautzen