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Lkw-Ärger im Industriegebiet Salzenforst

Weil an der Autobahn Stellplätze fehlen, weichen Fernfahrer nachts auf andere Flächen aus. Doch das schafft neue Probleme.

Weil es zu wenig Lkw-Stellflächen entlang der Autobahn gibt, weichen Truckerfahrer auf der Suche nach einem Nachtlager auf nahegelegene Parkplätze und in Gewerbegebiete aus - wie hier in Salzenforst.
Weil es zu wenig Lkw-Stellflächen entlang der Autobahn gibt, weichen Truckerfahrer auf der Suche nach einem Nachtlager auf nahegelegene Parkplätze und in Gewerbegebiete aus - wie hier in Salzenforst. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Nein, er möchte jetzt nicht reden. Nur noch eine Kleinigkeit essen und dann schlafen. Der Tag war lang, der nächste wird es wieder. Aber dann lässt sich der Brummifahrer aus Lublin doch auf ein Gespräch ein. Er stellt sich als Andrzej vor, schätzungsweise Mitte vierzig, Bärtchen über der Oberlippe. Andrzej spricht leidlich deutsch, das macht es leichter.

Hinter dem freundlichen Polen liegen fast 700 Kilometer Fahrt. Am nächsten Tag muss er bis 14 Uhr in Augsburg sein, dort wartet eine Firma auf seine Fracht. Andrzej weiß gar nicht so richtig, was ihm die Spedition diesmal aufgeladen hat. Er winkt ab: Heute vielleicht Autoteile, gestern Möbel, morgen Werkzeuge, und was übermorgen? Egal.

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Seit mehr als 20 Jahren arbeitet er auf den Autobahnen Europas. Andrzej zählt einige Orte auf, die er schon mit dem Lkw angesteuert hat: Sevilla, Thessaloniki, Brügge. An Bord des Brummis befindet sich ein kleiner Kühlschrank, da ist sein Proviant drin. Unterwegs essen zu gehen, könne er sich nicht leisten.

Bis zu 40.000 Lkw-Stellplätze fehlen

Aber die Verpflegung ist auch gar nicht das Problem. Das kommt immer dann, wenn er mit seinem zwölf Meter langen Gefährt einen Platz zum Schlafen sucht. "In einigen Ländern kein Problem", berichtet Andrzej. "Da stellst du hin, wo Platz ist. Keiner sagt was." Am schlimmsten sei es in Deutschland. Da seien die Parkplätze an der Autobahn immer voll. Der Bundesverband Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung bestätigt: Mindestens 35.000 bis 40.000 Lkw-Stellplätze entlang der Autobahnen fehlen.

Andrzej tut, was mittlerweile viele Trucker auf der Suche nach einem Schlafplatz tun: Er fährt von der Autobahn ab und guckt, ob irgendwo in der Nähe auf einem Parkplatz ein Fleckchen frei ist. Oder in einem Gewerbegebiet. "Hier ist gut", sagt der Pole. Hier, damit meint er das Industriegebiet Salzenforst bei Bautzen. Hier wird er jetzt schlafen und am Morgen weiterfahren nach Augsburg.

In dieser Nacht stehen drei polnische Lkws auf den Straßen des Industriegebiets. Manchmal sind es viele mehr, berichtet Henry Mitschak. Er führt die Geschäfte der Rohrveredlungsfirma Ionisos, die im Industriegebiet Salzenforst ihren Sitz hat. "Es gab schon Tage, da kamen früh die Lieferfahrzeuge zu uns nicht durch, weil die Straßen mit Lkws zugeparkt waren." Und am Straßenrand lägen die Ergebnisse von Darmtätigkeit.

Mehr Autos in Salzenforst - das liegt auch an den Firmen

Auf der anderen Straßenseite von Ionisos befinden sich die DRS Rohrwerke Sachsen. Geschäftsführer Andreas Seibel bestätigt, "dass regelmäßig nachts Lkws bei uns im Gewerbegebiet Salzenforst stehen und die Fahrer auch hier nächtigen. Allerdings ist es zum überwiegenden Teil so, dass das auch Fahrzeuge sind, die am nächsten Morgen bei uns geladen werden."

Es sei "insgesamt voller geworden" in Salzenforst, sagt Andreas Seibel. Das liege nicht zuletzt an DRS selbst. Das Unternehmen wächst - fuhren hier früher maximal acht Lkws am Tag vor, sind es jetzt 30 bis 40. Auch viele Mitarbeiter von DRS parken an der Straße. Das Unternehmen ist von 33 auf mittlerweile 70 Festangestellte angewachsen und beschäftigt mindestens 20 Leiharbeiter.

Henry Mitschak sagt, er habe wegen der zugeparkten Zufahrt zu Ionisos auch schon das Ordnungsamt der Stadt Bautzen angerufen. Doch dort kommen mehr Beschwerden wegen falsch geparkter Pkws an, sagt Stadtsprecherin Laura Ziegler. "Oft kontaktieren auch Baufirmen oder Entsorgungsfirmen die Stadtverwaltung, weil ihre Fahrzeuge auf der Straße nicht durchkommen oder ausgeschilderte Halteverbote nicht beachtet werden."

Fernfahrer-Nothilfe will sich kümmern

Komme eine Beschwerde über falsch geparkte Brummis, "fährt in der Regel sofort ein Mitarbeiter des Ordnungsamtes vor Ort und kümmert sich, dass der Lkw wegfährt. Das hat bisher bei Lkws immer funktioniert", berichtet die Sprecherin.

Bernd Treffkorn kennt das Problem der abendlichen Schlafplatzsuche nur zu gut - der Bautzener war jahrelang selbst auf Europas Autobahnen unterwegs. Jetzt hilft er mit dem Verein Fernfahrer-Nothilfe-Service Truckern unter anderem, einen Platz zum Übernachten zu finden. So lotst der Verein Lkws auf Parkplätze in Autobahn-Nähe. Dass in Salzenforst nachts Brummis stehen und früh Zufahrten blockieren, ist ihm neu. Aber er will sich darum kümmern: "Wir können die Fahrer ja auch woandershin lotsen."

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