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So sieht der Wald der Zukunft aus

Spätestens die Borkenkäferplage hat das Ende der Monokultur im Forst eingeleitet. Aber wie kann der Waldumbau gelingen? Das zeigt sich am Bieleboh bei Cunewalde.

Im Eichbusch in Obercunewalde begutachten Revierförster Enrico Mähl (l.) und Cunewaldes Bürgermeister Thomas Martolock einen jungen Bergahorn. Tausende von jungen Bäumen hat die Gemeinde im Kommunalwald bereits pflanzen lassen.
Im Eichbusch in Obercunewalde begutachten Revierförster Enrico Mähl (l.) und Cunewaldes Bürgermeister Thomas Martolock einen jungen Bergahorn. Tausende von jungen Bäumen hat die Gemeinde im Kommunalwald bereits pflanzen lassen. © SZ/Uwe Soeder

Cunewalde. 2017 fing es an. Mit Herwart und Friederike. Beide Stürme tobten im damaligen Herbst durch die Wälder der Oberlausitz und richteten gewaltige Schäden an. Es folgten die Jahre 2018, 2019 und 2020 - und mit ihnen lange Perioden andauernder Trockenheit. Das gefiel dem Borkenkäfer. Er kam, blieb und hinterließ Kahlschlag.

Besonders sichtbar werden die Folgen des Schädlingsbefalls auch in der Gemeinde Cunewalde. Eingeschlossen im Tal zwischen Bieleboh und Czorneboh sind die Waldflächen im Gemeindegebiet groß. Die Wälder dienen hier als Wertanlage, aber auch als Schutz vor Hochwasser und zur Erholung. Neben der Kommune haben viele private Waldbesitzer eher kleine Flurstücke. Diese Gemengelage erschwert den Waldumbau. Denn der Schädling macht vor Grundstücksgrenzen nicht halt. Und dennoch kann man in Cunewalde derzeit beobachten, welche Strategien auch kleine Waldbesitzer anwenden können, um ihr Waldstück nachhaltiger zu bewirtschaften.

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Der Hoffnung auf eine einfache Lösung erteilt Revierleiter Enrico Mähl vom Forstbezirk Oberlausitz des Staatsbetriebs Sachsenforst aber von vornherein eine Absage: "Einen Masterplan gibt es nicht."

Wird der Waldumbau nur wegen der Borkenkäferplage notwendig?

Nein, die Ursache des Problems liegt weiter in der Vergangenheit und beginnt beim Anbau von Monokulturen. Bereits ab dem Mittelalter wurden Wälder übernutzt und kahlgeschlagen. Während der beiden Weltkriege kam es infolge von Kriegsschäden, Reparationsleistungen und Wiederaufbaumaßnahmen erneut zu massiven Kahlschlägen.

Die Fichten- und Kiefernmonokulturen, die heute das Gesicht der hiesigen Wälder prägen, sind eine Folge dieser Zeit. Beide Baumarten sind relativ anspruchslos und liefern schnell Erträge - fördern aber keinen gesunden Wald. Ein Umdenken hin zu Mischwäldern erfolgte schon vor dem Käferfraß. In Cunewalde etwa begann der Waldumbau am Bieleboh bereits in den 90er-Jahren. Die Käferplage hat diesen Prozess lediglich beschleunigt und fordert Waldbesitzer heute zu entschiedenerem Handeln.

Woher wissen Waldbesitzer, welche Baumarten sie pflanzen sollen?

Zunächst gilt die Faustregel: Je durchmischter der Wald, umso besser. Das heißt aber nicht, dass jede Baumart in jedem Flurstück ihre Berechtigung hat. Um Waldbesitzern, die ihren Wald aktiv neu bepflanzen wollen, bei der Entscheidung zu helfen, kann der Sachsenforst auf eine Vielzahl an Daten zurückgreifen: In den 70er-Jahren wurden die Waldböden der ostdeutschen Bundesländer kartiert.

Mitten im Wald kann Enrico Mähl heute auf diese Karten zugreifen und verlässliche Aussagen zur Bodenstruktur treffen. Anhand von Lage, Nährkraft und Feuchtigkeit kann der Revierleiter dann verschiedene Baumarten empfehlen. Wichtig bei der Auswahl der Hölzer, sagt Enrico Mähl, sei es, immer auf die Standortgerechtigkeit zu achten: "Es bringt nichts, einen guten Baum am falschen Standort vertrocknen zu lassen."

Ist die Art der Bepflanzung allein entscheidend für einen gesunden Mischwald?

Nein. Genaugenommen haben Waldbesitzer sogar die Freiheit, ihren Wald sich selbst zu überlassen. Empfehlenswerter ist aber ein zielgerichteter Eingriff: "Kleine Waldflächen werden sich immer wieder selbst bewalden", so Enrico Mähl. Aber ganz ohne menschliches Zutun besteht die Gefahr der Vergrasung. Statt einem gesunden Mischwald könnte dann ein dichtes Gestrüpp aus Brom- und Heidelbeeren den Waldboden überwuchern.

Neben der Art der Hölzer ist auch das Alter des Waldes entscheidend. Auch hier ist Durchmischung alter und junger Pflanzen hilfreich. Darüber hinaus gibt es auch rund um die einzelnen Waldstücke viel zu tun. So bemüht sich Cunewalde derzeit etwa um eine Flurneuordnung mit dem Ziel, aus dem kleinteiligen Flickenteppich an Bieleboh und Czorneboh einfacher zu bewirtschaftende größere Waldstücke zu machen. Damit in Zusammenhang stehen die Waldwege, deren Unterhalt ebenfalls kostenintensiv ist.

Wo Thomas Martolock 2019 noch vor einem kahlen Stück Wald saß, wachsen heute 1.500 Roteichen und eine Vielzahl Ebereschen. Möglich wurde das erst, nachdem mit schwerem Gerät der Waldboden auf die neue Bepflanzung vorbereitet wurde.
Wo Thomas Martolock 2019 noch vor einem kahlen Stück Wald saß, wachsen heute 1.500 Roteichen und eine Vielzahl Ebereschen. Möglich wurde das erst, nachdem mit schwerem Gerät der Waldboden auf die neue Bepflanzung vorbereitet wurde. © Archivfoto: SZ/Uwe Soeder

Nicht zuletzt muss auch ein Mischwald gepflegt werden - mitunter sogar intensiver als ein reiner Nadelwald. Insbesondere junge Laubbäume haben mit dem hiesigen Rehwild einen hungrigen Fressfeind. Um die jungen Pflanzen zu schützen, kann in den Anfangsjahren eine Umzäunung sinnvoll sein.

Werden private Waldbesitzer mit der Aufgabe des Waldumbaus alleingelassen?

All die genannten Maßnahmen sind kostenintensiv. Um die Waldbesitzer beim Waldumbau zu unterstützen, geben Freistaat und Europäische Union Geld dazu - vorausgesetzt, der Besitzer ist bereit, die Förderbedingungen zu akzeptieren. Dazu zählt etwa, zusätzlich zum ertragreicheren Nadelholz mindestens 50 Prozent Laubwald zu pflanzen. Je Hektar Wald gibt es dann einen Festbetrag von 1.626 Euro. Darüber hinaus werden zu jedem Baum weitere zusätzliche Festbeträge beigesteuert.

Das gilt übrigens sogar dann, wenn die Bäume selbst - etwa aus Eicheln - nachgezüchtet werden. "Baumschulen greifen oft auf einen Genpool zurück", erklärt Enrico Mähl. "Wenn fremdes Saatgut in den Wald eingebracht wird, kann das förderlich sein." Sämtliche Kosten für den Waldumbau kann die Förderung allerdings nicht decken. Der Sachsenforst berät Waldbesitzer hierzu kostenlos.

Aus welchen Baumarten besteht der Wald in der Oberlausitz künftig?

Enrico Mähl bringt es auf den Punkt: "Klar ist, es wird bunter." Die Vielfalt zeigt sich bereits jetzt in den Wäldern rund um Cunewalde, wo etwa Roteichen, Kastanien und Erlen, aber auch Küstentannen, Höhenkiefern und Traubeneichen gepflanzt wurden. Darüber hinaus gibt es sogar Stellen, an denen jetzt Kirschen oder Lebensbäume wachsen. Ganz anders sieht es schon wieder am Bieleboh aus, wo nach dem Kahlschlag Roteichen, Douglasien, Bergahorn und Weißtannen gepflanzt wurden. Klar ist aber: Auch die Fichte, die wichtiges Bauholz liefert, wird aus den Wäldern der Oberlausitz nicht ganz verschwinden.

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