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Wie eine Bautzener Seilerei der Corona-Krise trotzt

Uraltes Handwerk geht neue Wege: Der kleine Betrieb hat 2020 den bislang stärksten Umsatz gemacht - obwohl die Läden lange geschlossen bleiben mussten.

Frank Schäfer macht in seiner Seilerei in Bautzen selbst noch Hängematten. Die können sich Kunden auch im virtuellen Laden anschauen.
Frank Schäfer macht in seiner Seilerei in Bautzen selbst noch Hängematten. Die können sich Kunden auch im virtuellen Laden anschauen. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Die Hängematten strickt Frank Schäfer abends beim Fernsehen. In sechs Stunden verarbeitet er 220 Meter Material für eine Matte. An Wochenenden fertigt der Inhaber der Seilerei Schäfer in Bautzen auch mal Strickleitern, wie zuletzt für einen Kindergarten. „Ich blicke optimistisch in die Zukunft, aber man darf nicht stehenbleiben“, sagt der Meister für Textiltechnik, Weberei und Spinnerei.

Das gilt auch fürs digitale Geschäft. Darauf hat Frank Schäfer zuletzt besonderen Wert gelegt - und seit Ostern mithilfe eines Fotografen ein 360-Grad-Panorama in die Internetseite seiner Seilerei integriert und so einen virtuellen Laden geschaffen. Für seinen auf diese Weise kreativen Umgang mit der Corona-Pandemie wurde der Handwerksbetrieb vor Kurzem von der Industrie- und Handelskammer (IHK) ausgezeichnet. Die Sichtbarkeit bei Google sei verbessert worden, und die Verbindung von Tradition und Digitalisierung trage zum Einkaufserlebnis bei, heißt es in der Begründung.

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2020 war umsatzstärkstes Jahr der Seilerei Schäfer

Kunden können nun digital durch das Geschäft navigieren, sich die Produkte anschauen, die auch so im echten Laden an der Bautzener Steinstraße zu sehen sind, und an bestimmten Klickpunkten weiter zum Onlineshop steuern. Dort gelangt man zu verschiedenen Warengruppen wie etwa Seile und Tauwerk, Schaukeln, Spiel und Sport oder Katze, Hund und Pferd.

Frank Schäfer erklärt, welche Vorteile das für seine Kunden hat. „Wenn ein Kunde aus Hamburg anruft, kann er sich parallel im virtuellen Laden umschauen und ich ihm besser erklären, was der Unterschied zwischen einem geflochtenen und einem gedrehten Seil ist“, führt der Inhaber der Seilerei aus. Zudem sehe der Kunde, dass ein echter Laden dahintersteht.

Die Ursprungsidee für den virtuellen Laden habe sein Schwager gehabt, erinnert sich Frank Schäfer. „Unser Online-Shop lief durch Corona bereits sehr gut, und mein Schwager schlug vor, einen virtuellen Laden einzurichten.“ 2020 sei sein bislang umsatzstärkstes Geschäftsjahr gewesen. Man werde zwar „zum Sklaven des Internets“, aber der „Online-Shop hat mir im wahrsten Sinn des Wortes den Arsch gerettet“, schreibt der Inhaber auf seinen Internetseiten.

Zu DDR-Zeiten arbeiteten zehn Frauen in der Seilerei

Antrieb für den eigenen virtuellen Laden gab es zudem durch positive Vorbilder wie den Weihnachtsmarkt in Seiffen, bei dem Besucher 2020 virtuell an den Schaubuden der Hersteller entlangschlendern konnten. Man muss sich eben immer was Neues einfallen lassen, findet Frank Schäfer. „Und je länger man wartet, umso schwieriger wird es.“ Er informiere sich regelmäßig, was es Neues in seiner und anderen Branchen gibt.

Das Geschäft habe sich definitiv verändert. Zu DDR-Zeiten haben laut Frank Schäfer noch zehn Frauen in der Seilerei gearbeitet und Bindfaden hergestellt. „Nach der Wende gab es dann Klebeband. Wer hat da noch Bindfaden gekauft?“ Heute stellt nur noch Frank Schäfer Bindfaden in verschiedenen Farben und Stärken her.

Neue Technik zum Herstellen von Bindfaden

Neben seinem virtuellen Laden hat er auch hier investiert, in eine Ringzwirnmaschine eines spanischen Herstellers, die im September 2020 nach sechs Monaten Lieferzeit in der Steinstraße angekommen ist. Sie laufe schneller als die alten Maschinen, lasse sich besser einstellen und arbeite gleichmäßiger. Außerdem sei sie sehr zuverlässig. Ein Kollege habe so ein Gerät seit zehn Jahren, bislang ohne Reparatur, erzählt Schäfer. Es habe aber auch seinen Preis. Eine fünfstellige Summe habe er dafür gezahlt.

Mit dieser Maschine fertigt Frank Schäfer vor allem dünne Zwirne und Bindfäden von 0,1 bis zu zwei Millimetern Durchmesser. Die Maschine arbeitet mit 2.500 bis 6.000 Umdrehungen pro Minute. Zudem lasse sich die Drehung des Fadens pro Meter einstellen. Die fertigen Produkte liefert Frank Schäfer etwa an Firmen, die mittels Etikettiermaschinen noch etwas an ihre Waren hängen. Auch Wäschereien oder Reinigungen gehören zu seinen Kunden. Sie nutzen die Fäden etwa als Packschnur. Neben Bindfäden stellt Frank Schäfer selbst noch Wäscheleinen her und strickt an besagten Hängematten. Alles andere wie Seile oder Taue kauft er zu.

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Im Hinterhaus der Seilerei laufen auch noch die alten Maschinen aus den 1950er-Jahren. „Hier geht nichts kaputt“, sagt Frank Schäfer. „Und wenn, dann geh' ich damit in die nächste Schmiede“, ergänzt er. Sollte das bei seinem neuen Gerät passieren, müsste extra ein Monteur aus Spanien anreisen. Virtuell wäre das leider nicht zu beheben.

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