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Apfelernte 2020 fällt schlechter aus

40 Prozent unter Normalniveau liegen die Erträge in diesem Jahr. Den Keltereien im Landkreis Bautzen macht zusätzlich Corona zu schaffen.

Daniela (19) aus Rumänien pflückt am Dienstag auf einer Plantage von Obstbau Stolle in Schirgiswalde Äpfel der Sorte Jonagold. Die Ernte fällt in diesem Jahr schlechter aus als in früheren Jahren.
Daniela (19) aus Rumänien pflückt am Dienstag auf einer Plantage von Obstbau Stolle in Schirgiswalde Äpfel der Sorte Jonagold. Die Ernte fällt in diesem Jahr schlechter aus als in früheren Jahren. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Die Spätsommersonne meint es gut mit den Apfelpflückern bei Schirgiswalde. Mehr als 20 von ihnen sind zwischen den endlos scheinenden Baumreihen unterwegs. Mit einer leichten Drehung nehmen sie die reifen Früchte von den Ästen und lassen sie vorsichtig in große Kisten rollen. Ließen sie die Äpfel einfach purzeln, bekämen diese Flecken, und die mag der Handel nicht.

Fast alle Pflücker kamen aus Rumänien in die Oberlausitz, und Obstbauer Bernhard Stolle ist froh, dass sie auch im Corona-Jahr einreisen konnten. In diesen Tagen ernten sie Jonagold, eine von mehreren Sorten auf den Feldern des bedeutendsten Obstbauern im Landkreis Bautzen. Beim Jonagold griffen am vergangenen Sonnabend auch mehr als 100 private Pflücker aus der Region zu. Am 3. Oktober bittet Stolle auf einer anderen Plantage zum Selbstpflücken.

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Später Frost richtete Schaden an

Wie goldgelbe Trauben mit roten Bäckchen hängen die Früchte an den Bäumen. Das muss ein richtig gutes Apfeljahr sein, denkt der Laie. Doch Bernhard Stolle weiß es besser und überlegt kurz, wie er es sagt: "Nein, wir haben nicht das beste Jahr." Er pflückt eine Frucht vom Baum, auf den ersten Blick ein Apfel wie aus dem Bilderbuch. Doch der Fachmann zeigt auf einen unscheinbaren, etwas dunkleren Streifen: "Von der Witterung deformiert. Geschmacklich wie alle anderen, aber der Handel achtet auf so was." 

Die Gründe für den Makel liegen für Bernhard Stolle auf der Hand. Erst gab es keinen richtigen Winter, wie ihn Apfelbäume mögen und auch vertragen. Als die kalte Jahreszeit fast vorbei schien, richteten starke Fröste im März Schaden an. "Die böseste Nacht", erzählt Bernard Stolle, "war aber die vom 11. zum 12. Mai. Da erfroren viele Blüten." Später, im Juli, als die Apfelbäume viel Wasser für große Früchte gebraucht hätten, gab es kaum Regen.

Jeder dritte Apfel wird zu Saft, Wein oder Mus

Die Folge: Die Äpfel sind in diesem Jahr kleiner, durch viel Sommersonne aber süßer als sonst. Das ist nicht nur bei Schirgiswalde so, wo Obstbauer Stolle auf 23 Hektar Apfelplantagen betreibt. Die Ernte wird 2020 etwa 40 Prozent unter normal liegen, erwartet der Landesverband "Sächsisches Obst".

Etwa ein Viertel der bei ihm geernteten Äpfel vermarktet Bernhard Stolle selbst im eigenen Hofverkauf, in einem kleinen Laden vor einem Schirgiswalder Baumarkt und beim traditionellen Schirgiswalder Apfelfest. Alles andere wird über die Erzeugergemeinschaft Borthener Obst verkauft - sowohl im Handel als auch an Keltereien. Etwa jeder dritte Apfel wird zu Saft, Wein oder Mus. Die heruntergefallenen Früchte sind da die ersten Kandidaten.

Beim Fallobstsammeln lauern Gefahren

Auch an zahlreichen Straßen in der Oberlausitz hängen Äpfel auf Bäumen oder liegen schon unten, vielfach gesehen rund um Bischofswerda. Diese Früchte gehören rein rechtlich gesehen dem Eigentümer des Grundstücks. In der Regel zählen Straßenränder mit zur Straße, und die gehört meist entweder dem Bund, dem Land oder dem Landkreis. Aber sie interessieren sich nicht für die Äpfel. "Fallobst von Bäumen an Bundes-, Staats- und Kreisstraßen wird vom Landratsamt nicht genutzt", sagt Kreissprecherin Mandy Noack.

Also darf jedermann das Obst aufheben und selbst verwerten? So einfach ist es nicht, erklärt Mandy Noack: "Für eine Obsternte durch Dritte kann aus Gründen der Verkehrssicherheit und des Unfallschutzes keine Zustimmung erteilt werden." Obstsammler und Autofahrer könnten sich in die Quere kommen.

"Sollte aber ein vorsichtiger Fußgänger auf der straßenabgewandten Seite der Bäume Früchte vom Boden aufsammeln, wird das  toleriert", so die Sprecherin des Landratsamtes.

Immer weniger Obstbäume in den Gärten

In Österreich oder Südtirol vergammelt kein Apfel am Straßenrand, dort wird daraus edler Obstbrand. Hierzulande freuen sich Verarbeiter "über jeden angelieferten Apfel, um unsere Flaschen und Tanks voll zu bekommen", sagt Stefanie Bauer, die Chefin der Kelterei Dressler in Denkwitz bei Bautzen. Es sei schon zu spüren, dass immer mehr private Gartenbesitzer ihre Apfelbäume roden oder nicht mehr bewirtschaften wollen - meist aus Altersgründen.

Erst machte Corona den Keltereien zu schaffen, weil die Gastronomie vorübergehend nichts abnahm. "Viele unsere Kunden haben immer noch nicht das Absatzvolumen vor der Krise erreicht", weiß Stefanie Bauer. Und jetzt trudeln in ihrer Kelterei die Früchte ein - etwas mehr als im Vorjahr. "Es ist zwar keine wahnsinnig gute Ernte, aber zumindest normaler als letztes Jahr. Dennoch sind die angelieferten Äpfel vielfach sehr klein und ergeben weniger Saft als gewohnt. Wir bekommen den Klimawandel und insbesondere die Trockenheit immer stärker zu spüren." Wer 100 Kilogramm Äpfel anliefert, kann dafür mit etwa 90 Flaschen Saft oder Wein rechnen.

Ähnliche Worte wie Stefanie Bauer findet Mario Schäplitz, Inhaber der Kelterei Kühne in Haselbachtal. Er fände es außerdem gut, wenn die Kunden wieder mehr Produkte aus der Heimat kaufen würden. Und in den Gärten sollten mehr Obstbäume als Koniferen gepflanzt werden. Doch es gibt auch Erfreuliches zu berichten: Kirstin Walther von der gleichnamigen Kelterei in Arnsdorf hat beobachtet, dass auch immer mehr junge Leute zu ihr in die Kelterei kommen.

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