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Bautzen: Spezialtechnik für Rohr-Veredler

Das Unternehmen Ionisos investiert zehn Millionen Euro in sein Bautzener Werk - in eine Technologie, die die Firma als einzige im Osten Deutschlands beherrscht.

Geschäftsführer Henry Mitschak leitet das Bautzener Ionisos-Werk vom ersten Tag an. Anfangs gehört der Betrieb noch zur Nürnberger Leoni-Gruppe, seit 2016 zu einem französischen Konzern.
Geschäftsführer Henry Mitschak leitet das Bautzener Ionisos-Werk vom ersten Tag an. Anfangs gehört der Betrieb noch zur Nürnberger Leoni-Gruppe, seit 2016 zu einem französischen Konzern. © Archivfoto: Steffen Unger

Bautzen. Alles Gute kommt von oben, heißt es schon in der Bibel. Die Passage aus dem Jakobusbrief bewahrheitete sich einmal mehr in dieser Woche im Industriegebiet Bautzen-Salzenforst. Ein weithin zu sehender Kran hievte tonnenschwere Bauteile durch eine Lücke im Dach einer neu gebauten Werkhalle des Rohr-Spezialisten Ionisos. Das schwerste Teil wog um die 50 Tonnen, die leichteren "nur" zwischen zweieinhalb und 15 Tonnen.

Die Lücke im Dach wurde inzwischen geschlossen, jetzt entsteht aus den verschiedenen Bauteilen eine neue Maschine - ein Elektronenbeschleuniger. Zwei davon stehen schon in anderen Hallen bei Ionisos, aber die sehr gute Auftragslage erfordert eine dritte Anlage. Sie soll im Frühjahr 2021 die Arbeit aufnehmen.

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Diese Arbeit besteht darin, Rohre und Kabelmäntel aus Kunststoff mit winzigen Elektronen zu bestrahlen. Der Kunststoff wird dadurch widerstandsfähiger und nicht mehr so schnell spröde, hält also länger. Das wiederum hilft, Rohstoffe zu sparen.

Neue Namen stehen im Auftragsbuch

Die Technologie dazu beherrschen nicht viele Unternehmen, im Osten Deutschlands ist Ionisos das einzige. Kunden aus ganz Deutschland, aus Polen und Tschechien bringen ihre Rohre zum Elektronenbeschuss nach Bautzen. Und seit Beginn der Corona-Krise tauchen auch neue Namen im Auftragsbuch auf, berichtet Geschäftsführer Henry Mitschak: "Mitbewerber haben Probleme bekommen, deshalb kommen deren Kunden jetzt zu uns. Wir hätten die dritte Anlage eigentlich schon Mitte dieses Jahres brauchen können."

Aber die Zehn-Millionen-Euro-Investition plante Ionisos zu einer Zeit, als von Corona noch niemand etwas ahnen konnte. In Krisen wie dieser reinige sich der Markt, findet der 62-Jährige. "Corona zeigt, welche Dienstleistungen am Markt wirklich gefragt sind oder nur künstlich am Leben erhalten werden", sagt Mitschak, ein Mann der ersten Stunde bei Ionisos. Er stammt aus Leipzig, hat in Magdeburg studiert und anschließend im Westen Deutschlands gearbeitet. Dort lernte er die Technologie des Bestrahlens von Werkstoffen mit Elektronen kennen. Nach zehn Jahren wurde er gefragt, ob er in Bautzen den Aufbau und die Leitung eines neuen Werkes übernehmen wolle. Er wollte.

2008 kam im Industriegebiet Salzenforst der Grundstein in die Erde, 2009 ging das Unternehmen an den Start - anfangs mit 28 Mitarbeitern. Bis 2016 gehörte das Werk zum Nürnberger Kabelspezialisten Leoni, der sich dann aber eine neue Struktur gab und den Bautzener Betrieb an die französische Ionisos-Gruppe verkaufte. Den Geschäften tat das seinerzeit keinen Abbruch.

Inzwischen arbeiten 40 Leute in dem Werk, in dem rund um die Uhr die Maschinen laufen. Zwei, drei neue Mitarbeiter könnte Ionisos für den dritten Elektronenbeschleuniger noch brauchen. Angst vor Strahlung muss niemand haben. Erstens handelt es sich nicht um Radioaktivität, und zweitens sind die winzigen Elektronen hinter zwei Meter starken Betonwänden unterwegs. Hinter diese Wände darf vorsichtshalber niemand. Auf Bildschirmen können die Mitarbeiter beobachten, was im Innern der Betonkästen passiert.

Für die Arbeit gibt es keinen Ausbildungsberuf

Es ist eine Arbeit, für die es keinen Ausbildungsberuf gibt. "Hier arbeiten gelernte Mechatroniker ebenso wie ehemalige Schweinezüchter", erklärt der Geschäftsführer. "Bei uns wird jeder neue Mitarbeiter ein halbes Jahr lang angelernt." Aber einen Facharbeiterbrief und technisches Interesse sollten Interessenten schon mitbringen, sagt Henry Mitschak. Und vor allem: den Anspruch, immer beste Qualität zu liefern, sowie Achtung vor den Produkten der Kunden. "Denn es sind ja nicht Rohre von uns, die wir hier bearbeiten. Es sind Rohre, die unsere Kunden vertrauensvoll in unsere Hände geben."

Nicht nur für den neuen Elektronenbeschleuniger griff Ionisos in diesem Jahr tief in die Tasche, auch ein Wunsch der Mitarbeiter wurde realisiert: eine Grillecke für die Mittagspause oder eine Wurst nach Feierabend. Als nächstes entsteht ein betriebseigener Fahrradstellplatz - mit Steckdosen für E-Bikes. Auch das war eine Bitte der Belegschaft. "Die erfüllen wir gern", sagt Mitschak.

Ein riesiger Kran hievt die Teile für den neuen Elektronenbeschleuniger über die jüngste Werkhalle von Ionisos.
Ein riesiger Kran hievt die Teile für den neuen Elektronenbeschleuniger über die jüngste Werkhalle von Ionisos. © SZ/Uwe Soeder
Blick in eine Ionisos-Halle. Das Unternehmen im Industriegebiet Bautzen-Salzenforst hat sich auf die Veredlung von Kunsttoff-Rohren spezialsiert.
Blick in eine Ionisos-Halle. Das Unternehmen im Industriegebiet Bautzen-Salzenforst hat sich auf die Veredlung von Kunsttoff-Rohren spezialsiert. © SZ/Uwe Soeder
Die Teile für den neuen Elektronenbeschleuniger wiegen bis zu 50 Tonnen.
Die Teile für den neuen Elektronenbeschleuniger wiegen bis zu 50 Tonnen. © SZ/Uwe Soeder
Ein Bauteil nach dem anderen schwebt durch eine Lücke im Dach in die neue Halle ein.
Ein Bauteil nach dem anderen schwebt durch eine Lücke im Dach in die neue Halle ein. © SZ/Uwe Soeder
Fast geschafft: Aus den per Kran in die Halle gehievten Bauteilen wird nun der neue Elektronenbeschleuniger zusammengebaut. Im Mai 2021 soll er seine Arbeit aufnehmen.
Fast geschafft: Aus den per Kran in die Halle gehievten Bauteilen wird nun der neue Elektronenbeschleuniger zusammengebaut. Im Mai 2021 soll er seine Arbeit aufnehmen. © SZ/Uwe Soeder

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