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So läuft's jetzt im Bautzener Waggonbauwerk

Im Januar übernahm der französische Konzern Alstom seinen Ex-Rivalen Bombardier mit den Werken in Bautzen und Görlitz - Zeit für eine Zwischenbilanz.

Das Bautzener Waggonbauwerk hat sich auf den Ausbau und die Komplettierung von Fahrzeugen spezialisiert. Führt der neue Eigentümer Alstom diese Strategie fort?
Das Bautzener Waggonbauwerk hat sich auf den Ausbau und die Komplettierung von Fahrzeugen spezialisiert. Führt der neue Eigentümer Alstom diese Strategie fort? © Archivfoto: SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Vor einem Jahr überschlugen sich die Meldungen. Der kanadische Bahntechnikbauer Bombardier war immer tiefer in die Krise gefahren. Ein Konzept für den Umbau des Konzerns jagte das nächste, immer verbunden mit einem Verlust an Arbeitsplätzen. Dann suchte Bombardier einen Käufer für seine Bahnsparte.

Der französische Konkurrent Alstom wollte ohnehin wachsen, ihm kam die Offerte aus Kanada gerade recht. Als auch die Wettbewerbshüter der Europäischen Union ihren Segen gaben, stand dem Deal nichts mehr im Wege. Im Januar 2021 übernahm Alstom die bisherigen Bombardier-Werke, auch die in Bautzen und Görlitz mit insgesamt etwa 1.800 Mitarbeitern.

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Alle Mitarbeiter wurden übernommen

Inzwischen wehen auch am Ende der Bautzener Fabrikstraße nicht mehr die Fahnen von Bombardier, sondern die von Alstom. Sonst scheint sich nichts geändert zu haben. Die Franzosen hatten bei der Übernahme angekündigt, alle Werke weiterzuführen und keine Jobs zu streichen. Dieses Versprechen haben sie gehalten.

Etwa 1.000 Beschäftigte wie zuletzt bei Bombardier bekommen in Bautzen ihr Gehalt jetzt von Alstom, sagt Konzernsprecher Jörn Bischoff. Das Bautzener Werk arbeitet zurzeit unter anderem an Doppelstockwagen für Israel und - ganz frisch - für die S-Bahn Stuttgart. Außerdem sind neue Straßenbahnen für Dresden, Frankfurt/Main, Duisburg und das schwedische Göteborg in der Fertigung.

Nach außen herrscht Ruhe, doch wie sieht es hinter den Türen der Werkhallen und Büros aus? Da kann sich vieles verändern - oder auch nicht, geht aus einer Aussage von Jörn Bischoff hervor: "Aktuell sind wir dabei, die Integration der Werke Bautzen und Görlitz innerhalb unseres Unternehmens mit Hochdruck voranzutreiben. Beide Werke verfügen über Schlüsselkompetenzen und sind Teil eines schlagkräftigen Standortnetzwerks."

Bleibt die Spezialisierung der Werke?

Mit anderen Worten: Die Alstom-Strategen setzen weiter auf beide Werke, "wo Bautzen und Görlitz mit einem hohen lokalen Wertschöpfungsanteil punkten können und sich unseren Beschäftigten auch aufgrund der Tarifentlohnung attraktive Bedingungen bieten", sagt Bischoff. Aber die Strategen schauen eben auch, wie die Spezialisierungen der hiesigen Betriebe ins weltweite Geflecht des Konzerns passen: Welches Werk erledigt welche Arbeiten und welche nicht?

Diese Spezialisierungen hatte noch Bombardier angeschoben. Görlitz soll vor allem Wagenkästen bauen, Bautzen die Fahrzeuge komplettieren. "Zur weiteren Ausrichtung laufen derzeit detaillierte Analysen; es ist aber noch zu früh, um hierzu etwas Konkretes zu sagen", erklärt Jörn Bischoff. Es kann also bei der jetzigen Spezialisierung bleiben oder diese sich auch ändern.

Betriebsrat sorgt sich um Aufträge ab 2023

Der Bautzener Betriebsratsvorsitzende Gerd Kaczmarek blickt verhalten positiv auf das erste Halbjahr unter der Alstom-Flagge zurück. An der Abarbeitung der bestehenden Aufträge habe sich nichts geändert, "sodass vor allem in der Fertigung für die Mitarbeiter kaum Änderungen zu spüren sind".

Aber es hätten sich schon einige Organisationsstrukturen außerhalb des Werkes und jetzt beginnend auch innerhalb des Werkes geändert. "Das wird mit einigen Anpassungen verbunden sein. Doch aktuell sind keine Personalreduzierungen angezeigt", betont der Betriebsratsvorsitzende.

Gedanken macht er sich vor allem um die Zeit ab 2023. "Unsere Auslastungssituation in Bautzen ist bis Ende 2022 sehr gut, aber danach brauchen wir neue Aufträge, und die müssen jetzt gewonnen werden, um in ein bis zwei Jahren auch fertigungswirksam zu werden."

IG Metall: Veränderungen brauchen Zeit

Das sieht auch Uwe Garbe so, der Ostsachsen-Chef der Industriegewerkschaft Metall. "Um auch danach voll ausgelastet zu sein, brauchen wir schon jetzt die entsprechenden Anschlussaufträge. Da sehe ich einerseits Alstom in der Pflicht, die Produkte anzubieten, die die Kunden fordern. Andererseits die Politik, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen positiv zu gestalten, insbesondere die Ausschreibungen so zu gestalten, dass unsere sächsischen Alstom-Standorte auch erfolgreich zum Zuge kommen."

Garbe spielt damit auf eine gemeinsame Ausschreibung der Städte Leipzig, Zwickau und Görlitz an. Sie wollen in einem Sammelauftrag neue Straßenbahnen bestellen. Die IG Metall fordert, dass diese auch in Sachsen gebaut werden.

Der neue Inhaber der hiesigen Waggonbauwerke war Garbe zufolge "bisher überwiegend damit beschäftigt, die sächsischen Standorte in den Alstom-Konzern organisatorisch zu integrieren. Dazu gehört auch, innerbetriebliche Strukturen denen von Alstom anzupassen." Da sei vieles geplant, aber noch nicht viel abschließend entschieden oder umgesetzt.

"Diese Integration könnte auch die eine oder andere Veränderung in Bautzen und Görlitz bedeuten", ahnt der Gewerkschafter. Beide Waggonbaubetriebe belaste "eine erhebliche Hypothek" aus Bombardier-Zeiten. "Deshalb ist es unbedingt erforderlich, dass den sächsischen Alstom-Standorten die notwendige Zeit für die Umsetzung von möglicherweise erforderlichen Veränderungen auch eingeräumt wird."

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