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Bautzen: Edding geht unter die Haut

Außer Millionen von Stiften produziert der Schreibwarenhersteller neuerdings auch Farben für Tattoos. Wer so eins haben will, muss dafür aber weit fahren.

Eugen Yegudin, Produktentwickler im Bautzener Edding-Werk, zeigt ein paar Fläschchen mit Tattoo-Farbe.
Eugen Yegudin, Produktentwickler im Bautzener Edding-Werk, zeigt ein paar Fläschchen mit Tattoo-Farbe. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Eugen Yegudin baut lauter kleine Fläschchen vor sich auf. In einem befindet sich eine gelbe Flüssigkeit, im nächsten eine rote, dann eine blaue, eine grüne. Theoretisch könnte er jetzt 26 Fläschchen zeigen. So viele verschiedene Tattoo-Farben produziert das Bautzener Werk des Schreibwarenherstellers Edding. Und bis Ostern kommen weitere hinzu, verrät der Produktentwickler. Dann will der Betrieb im Gewerbegebiet Bautzen-Ost insgesamt etwa 45 Farben für Körperschmuck anbieten.

Farben und Tinten sind das Metier von Edding. Sie stecken in jedem der fast 100 Millionen Stifte und Marker, die jedes Jahr von Bautzen aus in alle Welt gehen. Und immer wieder lassen sich die Entwickler etwas Neues einfallen. "Hier", Eugen Yegudin zeigt eine grell leuchtende Hülse mit Kappen an beiden Enden, "das ist unser neuer Acryl-Stift für Leinwände. Mit einer dünnen Spitze fürs Feine und einer dicken für Flächen."

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Eine kleine Auswahl an Tattoo-Farben aus dem Bautzener Edding-Werk. Insgesamt 26 gibt es bisher, in den nächsten Wochen kommen weitere hinzu.
Eine kleine Auswahl an Tattoo-Farben aus dem Bautzener Edding-Werk. Insgesamt 26 gibt es bisher, in den nächsten Wochen kommen weitere hinzu. © SZ/Uwe Soeder

Acryl-Stifte laufen seit Anfang dieses Jahres vom Band, die ersten Tattoo-Farben waren ein paar Monate früher fertig. Edding will damit einen Trend bedienen. Allerdings: Tattoos sind keineswegs eine Erfindung unserer Zeit.

Schon Gletschermann Ötzi trug Tätowierungen, die heute Tattoos genannt werden. Alte Chroniken berichten auch von frühchristlichen Sekten, deren Mitglieder sich Kreuze in ihre Haut stechen ließen. Später galten die bunten oder einfarbigen Bildchen auf dem Körper lange als Markenzeichen von Gefangenen sowie Seeleuten, die auf diese Weise Erinnerungen an ihre Liebschaften in den Hafenstädten der Welt bei sich trugen.

Inzwischen gelten Tattoos längst als ganz normaler Körperschmuck wie Ketten, Ringe oder anderes. In Deutschland trägt mindestens jede und jeder Fünfte irgendwo Farbe unter der oberen Hautschicht, berichtet das Statistik-Portal statista.com. Auf jedem zehnten Körper zwischen Aachen und Zittau prangt gar mehr als nur ein Bild. Das Land mit dem höchsten Anteil an Tätowierten ist übrigens Italien - dort trägt, statistisch gesehen, fast jede und jeder Zweite mindestens ein Tattoo.

Zahl der Tattoo-Träger steigt ständig

"Die Zahl der Tattoo-Träger steigt ständig", weiß der 32-jährige Yegudin aus der Marktforschung. Der gebürtige Ukrainer kam als 13-Jähriger mit seiner Familie nach Deutschland, studierte hier und erwarb den Grad eines Masters of Science - ein Abschluss, der am häufigsten in naturwissenschaftlichen Fächern wie Physik und Chemie verliehen wird.

Als der Chemiker 2018 zu Edding kam, tüftelten seine neuen Kollegen schon an den Tattoo-Farben. Die sollten sich, so der Anspruch, in ihrer Qualität von vielem unterscheiden, was auf dem Markt kursiert. Dazu berieten sich die Bautzener Entwickler unter anderem mit einer Hautärztin, denn schließlich kommt die Tinte ja unter die Haut. Und dort soll sie weder für Reizungen sorgen noch für andere unerwartete Probleme - enthält der Farbstoff nämlich beispielsweise Eisenoxide, dürfen die Träger bei medizinischen Problemen nicht zur Magnetresonanztomographie, kurz MRT.

"Keine Schwermetalle, keine Silikone, keine Konservierungsmittel", umreißt Yegudin einige der Maßstäbe für Tattoofarbe von Edding. Weil keine Konservierungsmittel rein dürfen, gibt es die Tinte nur in den kleinen Fläschchen. Der Inhalt hält sich ein halbes Jahr, "aber wir arbeiten an einer längeren Haltbarkeit".

Zu kaufen gibt es diese Farben nicht

Wer sich nun in der Produktionsstadt Bautzen ein Tattoo mit Edding-Farben stechen lassen möchte, wird zwangsläufig enttäuscht. Und auch zu kaufen gibt es die Farben nicht. Denn anders als bei der Massenware Stift handele es sich hier um ein höchst sensibles Produkt in einer Grauzone zwischen Kosmetik und Medizin. "Deshalb möchten wir die Kontrolle darüber behalten, wer die Farben verwendet", sagt der Produktentwickler.

Das Unternehmen hat dazu im Oktober 2020 ein eigenes Tattoo-Studio eröffnet - in Hamburg, der Millionenstadt gleich neben Ahrensburg, wo sich der Stammsitz des Schreibwarenherstellers befindet. "Hamburg ist der Anfang", stellt Yegudin klar. "Wenn das Produkt gut ankommt, sind in Zukunft mehr Edding-Tattoo-Studios in Deutschland denkbar."

Doch gleich nach der Eröffnung im Herbst musste das Hamburger Studio schon wieder schließen - wegen Corona. Deshalb pausiert derzeit in Bautzen auch die Produktion der Farben, die sich nicht ewig halten. Ein gewisser Vorrat an Fläschchen steht aber bereit für den Tag, an dem Tattoo-Studios in Deutschland wieder loslegen dürfen. Und dann arbeiten in der speziell dafür geschaffenen Abteilung in Bautzen auch wieder mehr Leute als gegenwärtig nur Heike König, die alles "in Schuss" hält.

Heike König hält auch während der Zwangspause von Tattoo-Studios den Container für die Produktion der speziellen Farben betriebsbereit.
Heike König hält auch während der Zwangspause von Tattoo-Studios den Container für die Produktion der speziellen Farben betriebsbereit. © SZ/Uwe Soeder

Wobei das Wort Abteilung viel zu gewöhnlich klingt. Für die Tattoo-Farben-Herstellung steht hinter dem Werksgebäude im Bautzener Osten extra ein Container - durch eine Schleuse getrennt von der übrigen Produktion. Wer in den Container will, muss extra Schutzkleidung tragen. Die Rohstoffe für die Farben werden durch ein kleines Fenster gereicht - und wer sie entgegennimmt, braucht dazu eine Atemschutzmaske. Sie zu tragen, gehört für Eugen Yegudin mittlerweile fast zum Alltag.

Selbst trägt der 32-Jährige noch kein Tattoo. "Noch", betont er. "Aber ich überlege schon ..."

Durch ein kleines Fenster zum Produktionscontainer nimmt Eugen Yegudin, eingepackt in spezielle Schutzkleidung, neue Rohstoffe für Tattoofarben entgegen.
Durch ein kleines Fenster zum Produktionscontainer nimmt Eugen Yegudin, eingepackt in spezielle Schutzkleidung, neue Rohstoffe für Tattoofarben entgegen. © SZ/Uwe Soeder

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