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Anders arbeiten, aber wie?

Stress und Druck bestimmen die Arbeitswelt. Diese Erfahrung haben auch die Gründer eines Start-Ups in Pommritz gemacht - und suchen Alternativen.

Monia Ben Larbi (v.l) und Heiko Miedlich (hinten, stehend) riefen Working Evolutions in Pommritz ins Leben. Das junge Team, das sie um sich sammelten, stammt aus der Region.
Monia Ben Larbi (v.l) und Heiko Miedlich (hinten, stehend) riefen Working Evolutions in Pommritz ins Leben. Das junge Team, das sie um sich sammelten, stammt aus der Region. © SZ/Uwe Soeder

Pommritz. Dass Krisen Innovationen treiben, ist in den Wirtschaftswissenschaften ein alter Hut. Mit grauer Theorie müssen sich die Mitglieder der Working Evolutions GmbH mit Sitz auf dem weitläufigen Lebensgut in Pommritz aber gar nicht beschäftigen, um dieser Phrase ihren Wahrheitsgehalt zu attestieren. 

Sie alle, erzählt Anne Wilhelm, kamen infolge persönlicher Krisen zum Unternehmen. "Ich zum Beispiel", sagt die 28-Jährige, "hatte schon etliche Arbeitsstellen, habe aber nie irgendwo reingepasst." Heiko Miedlich, einer der drei Gesellschafter des Unternehmens, fällt ihr ins Wort: "Der entscheidende Satz in ihrer Bewerbung war: Ich will doch nur effizient irgendwo arbeiten." 

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Auch die zweite Gesellschafterin Monia Ben Larbi blickt auf ihre ganz eigene Sinnkrise zurück: "Ich bin in dieses Projekt aus ganz egoistischen Gründen eingestiegen. Ich bin aus gesundheitlichen Gründen arbeitsunfähig. Außerdem stehe ich gerne spät auf und arbeite gern im Schlafanzug. Alles das ist hier überhaupt kein Problem, weil sich hier jeder seine Arbeit selbst organisieren kann."

Können alle gut arbeiten?

Die Leitfrage des sechsköpfigen Teams, das im Dezember vergangenen Jahres seine Schaltzentrale auf dem Lebensgut bezogen hat, lautet demnach auch: "Können alle zu jeder Zeit gut arbeiten?" Das erste Ziel in ihrem Projekt New Work Oberlausitz haben sie bereits erreicht: 25 Unternehmen, die werteorientiert und sinnbasiert in der Oberlausitz arbeiten, haben die jungen Leute gefunden; Interviews mit deren Inhabern geführt und diese auf ihrer Internetseite veröffentlicht. Sie selbst seien dabei überrascht gewesen, wie einfach das war, erzählen die Leute von Working Evolutions - und auch, das manch Unternehmer erst durch sie erfahren hätte, wie innovativ sein Arbeitsstil eigentlich ist.

"Diese 25 sind unsere Glanzlichter, unsere Vorbilder", erzählt Juliane Wünsche, der man keinen so rechten Platz im Unternehmen zuweisen kann, weil es klassische Stellenbeschreibungen bei Working Evolutions gar nicht gibt. Diese wertbasierten Firmen wolle man im nächsten Schritt gezielt zusammenführen, ihre Ziele und Bedarfe ermitteln, um anschließend in der Lage zu sein, passgenaue Hilfestellungen für Organisationen zu erarbeiten, die werteorientiert und sinnbasiert arbeiten oder arbeiten wollen.

Ist Working Evolutions also eine Beratungsagentur? "Jein", sagt Reno Rössel, der ebenfalls zum Projektteam zählt. Er verweist darauf, dass das Unternehmen in einem offenen Prozess ohne Hierarchie, dafür mit viel Fantasie arbeitet, in dem es zum jetzigen Zeitpunkt vor allem darum geht, Wissen anzuhäufen. "Wir leisten gewissermaßen Pionierarbeit in einem Themengebiet, das derzeit auf der ganzen Welt aufploppt" sagt Rössel weiter.

Experimente mit der eigenen Organisation

Das Team rund um Working Evolutions selbst beansprucht nicht für sich, den Idealweg zum sinnbasierten Arbeiten zu kennen, aber es experimentiert selbst. Juliane Wünsche erzählt: "Wir arbeiten super effizient und dezentral. Das Besondere an unserer Arbeitsweise ist: Wir vergeben Rollen, die sich daran orientierten, was für Dinge getan werden müssen. Jeder wählt seine Rolle selbst und ist dann in dieser Rolle der Chef. Das hat zur Folge, das wir keine langen Sitzungen oder Meetings veranstalten müssen." Aber was ist das Geheimnis dieser Arbeitsweise? "Verantwortung, Vertrauen, Verbundenheit", verrät Reno Rössel. Klingt gut, aber rechnet sich das? "Wenn man Erfolg mit Geld gleichsetzt, hat man schon den ersten Fehler gemacht", findet Gesellschafter Heiko Miedlich.

Einige Unternehmer, die von dem jungen Start-Up zu ihrer Arbeitsweise befragt wurden, teilen diese Meinung nicht ganz. Martin Wagner, der als Ein-Mann-Betrieb die Sächsische Spirituosenmanufaktur in Kirschau betreibt, sagt etwa: "Schon aus dem Bauch heraus verfolge ich zeitgemäße, moderne Ansätze. Natürlich würde ich gern viel mehr in dieser Richtung machen. Aber in Firmen geht es immer um das Tagesgeschäft. Geld muss verdient werden und die Zeit muss es hergeben."

Ein weiterer Interviewpartner, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, sagt über New Work Oberlausitz: "An dem Interview habe ich mitgewirkt, weil ich die Finanzierung spannend fand. Aber für einen Pragmatiker wie mich, ist der ganze Ansatz eher eine alte Geschichte, die neu aufgewärmt wurde. Bei uns gilt sicher nicht das Prinzip der maximalen Gewinnorientierung. Aber auch Zweckorientierung hat immer mehrere Richtungen und Wirtschaftlichkeit ist eine, die man nie unterschätzen sollte."

Oberlausitz spannender als Berlin

Dass ihr Ansatz nicht nur auf Begeisterung treffen würde, war den Mitgliedern von Working Evolutions klar, als sie sich vorerst für zwei Jahre in der Oberlausitz ansiedelten. Tatsächlich habe die Frage im Raum gestanden, ob man nach Berlin oder in die Oberlausitz geht, erzählt Monia Ben Larbi. So richtig schwer sei die Entscheidung aber nicht gefallen. "Das einzige, was wir uns gefragt haben war, ob es in der Oberlausitz innovative Unternehmen gibt, wie man sie in Berlin vermutet", erzählt sie, die, wie sie selbst sagt, als Dorfpflanze keinen Augenblick daran gezweifelt hat. 

Und auch Reno Rössel hat seine ganz eigene Ansicht, weshalb die Oberlausitz genau der richtige Ort für einen innovativen Vorstoß in Sachen neuer Arbeitswelt ist: "Die Oberlausitz ist ein aktuelles Beispiel, wo eine ganze Region sich ganz neu aufstellen muss. Und sie ist eine der ersten. Viele werden noch folgen."

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