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Bautzens Botschaft

Für eine bunte Stadt haben am 1. Mai rund 700 Leute ein deutliches Zeichen gesetzt.

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© Robert Michalk

Von Madeleine Siegl-Mickisch

Bautzen. Kurz vor elf am 1. Mai in Bautzens Stadtzentrum: Auf dem Kornmarkt herrscht entspannte Stimmung. An den Tischen sitzen vor allem Ältere, genießen ein Getränk und die Sonne. Familien mit Kindern pilgern über den Platz. Drumherum haben Parteien und Verbände ihre Stände aufgebaut, verteilen Luftballons, Flyer und Aufkleber. Bei der SPD gibt’s gegen eine Spende frisch gebackene Waffeln. Auf dem Platz neben dem Kornmarkthaus stehen Polizisten neben ihren Einsatzfahrzeugen und beobachten die Szenerie.

Bilder vom 1. Mai in Bautzen

Der DGB hat wie jedes Jahr am Tag der Arbeit zum Familienfest eingeladen. „Wir sind viele. Wir sind eins“ heißt diesmal das Motto. In Bautzen soll das vor allem heißen: Wir sind viele, die sich gegen den Aufmarsch der NPD wehren. Die rechte Partei hat unter dem Motto „Sozialstaat für Deutsche, statt Weltsozialamt für Fremde“ eine Kundgebung auf dem Holzmarkt angemeldet. Im Anschluss will sie durch den Gesundbrunnen demonstrieren. Geht von Bautzen damit wieder einmal das Bild einer braunen Hochburg durch die Schlagzeilen? „Wir werden es nicht dazu kommen lassen“, sagt Bautzens OB Alexander Ahrens (SPD). Er finde es unerträglich, dass Populisten versuchen, die Situation im Land für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Es sei an der Zeit, „dass wir uns dagegenstellen“. Das sagten sich auch Bautzens Linken-Politikerin Caren Lay und Annalena Schmidt vom Bündnis Bautzen bleibt bunt, als sie sich entschlossen, die Bautzener zu einer Menschenkette aufzurufen. „Eigentlich mag ich Menschenketten ja nicht“, sagt Annalena Schmidt. Aber diese Form des Protestes sei eine Möglichkeit, viele Menschen aus unterschiedlichen Lagern für eine Sache zu vereinen. „Wir wollen ein buntes, friedliches Zeichen setzen“, so Schmidt. Die Nazis sollten zu spüren bekommen, dass sie nicht die Hoheit über diese Stadt haben.

Soziale Gerechtigkeit als Thema

Und so zieht gegen drei viertel zwölf ein langer Tross mit bunten Schirmen, Seifenblasen, Transparenten und Trillerpfeifen vom Kornmarkt die Steinstraße hinunter in Richtung Holzmarkt. Dicht an dicht stehen Jung und Alt schließlich auf dem Fußweg. 700 sind es nach Angaben der Veranstalter. Weil sie grundsätzlich etwas gegen Rechts haben, seien sie hier, sagt ein älteres Ehepaar. Aber auch soziale Gerechtigkeit liege ihnen sehr am Herzen. Deshalb seien sie jedes Jahr am 1. Mai dabei.

Derweil sammelt die NPD ihre Sympathisanten auf dem Holzmarkt. Als eine kleine Gruppe vom Lidl-Parkplatz aus hinüberläuft, schallen ihr Nazis raus-Rufe entgegen. Aber die Lage bleibt friedlich, die Polizei – mit rund 300 Beamten im Einsatz – hält beide Lager auf Abstand und reagiert konsequent auf vereinzelte Provokationen. Vor rund 110 Anhängern spricht schließlich der sächsische NPD-Landesvorsitzende Jens Baur. Er kritisiert unter anderem Wohnungsnot und Probleme an den Schulen und hat für alles einen Schuldigen ausgemacht – die Flüchtlinge. Baur wettert gegen die etablierten Parteien und nennt als NPD-Forderungen die Abschaffung der Hartz IV-Gesetze, ein Müttergehalt und ein gerechtes Rentensystem. Dann setzt sich der Demonstrationszug in Richtung Gesundbrunnen in Bewegung.

OB erhöht Spende

Derweil pilgern die Teilnehmer der Menschenkette zurück auf den Kornmarkt. Die Veranstalter zeigen sich sehr zufrieden. „Wir waren bunt, wir waren mehr“, sagt Caren Lay. Annalena Schmidt gibt den Stand der Spendenaktion mit rund 16 Euro pro NPD-Demo-Teilnehmer bekannt: „Damit machen wir sie zu Helfern wider Willen.“ Nach Dresdner Vorbild kann jeder einen bestimmten Betrag pro Nazi-Demo-Teilnehmer für eine Initiative spenden, die sich für Flüchtlinge, für Toleranz und Weltoffenheit einsetzt. Angesichts der überschaubaren Anzahl von NPD-Anhängern, die in Bautzen unterwegs war, erhöht OB Ahrens seine mit einem Euro pro Kopf angekündigte Spende auf 250 Euro. Die wolle er an „Bautzen rollt“ spenden, einen Verein, der Skateboard-Projekte initiiert.

Und dann geht es auf dem Kornmarkt auch noch um das traditionelle Anliegen des Tages der Arbeit: Mario Orlando Campo von der IG Metall-Jugend beklagt, dass die Schere zwischen Arm und Reich in Deutschland immer größer wird – besonders in Ostsachsen. In der Region gebe es in der Metallbranche nur sieben tarifgebundene Unternehmen. „So kann es nicht weitergehen“, fordert er.