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Bayerische Rhythmus-Störung

Borussia Dortmund bringt den Meister beim 3:0-Sieg zunächst in Verlegenheit und danach zum Grübeln.

© action press

Von Ruben Stark und Thomas Häberlein

Robert Lewandowski kam erst in der 62. Minute aufs Spielfeld, letztmals in München in Schwarz-Gelb. Das erstaunliche 3:0 von Borussia Dortmund gegen den zeitigsten Meister der deutschen Fußball-Geschichte stand da schon fest, er hätte also draußen bleiben können. Neben vielen Dingen, die der BVB im deutschen Clasico eindrucksvoll vorführte, hatte er auch eine glasklare Antwort an seine Zweifler: Dortmund ist nicht vom polnischen Torjäger abhängig.

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In der Nachspielzeit wird es dann doch noch giftig: Rafinha sieht nach dem Griff in Mchitarjans Gesicht Rot.
In der Nachspielzeit wird es dann doch noch giftig: Rafinha sieht nach dem Griff in Mchitarjans Gesicht Rot. © rauchensteiner

Für die Zukunft ohne Lewandowski, der bekanntlich ab Sommer für Bayern München aufläuft, war es ein ermutigendes Zeichen, das der Leib-und-Seele-Dortmunder Kevin Großkreutz mit verblüffender Selbstverständlichkeit kommentierte: „Wir haben schon so viele große Spieler verloren, das haben wir immer aufgefangen und das werden wir auch diesmal“, sagte er. Wer das nach der Hinspiel-Niederlage in der Champions League bei Real Madrid (0:3), bei der Lewandowski gesperrt fehlte, vielleicht nicht glauben mochte, erlebte im Prestigeduell am Sonnabend das Gegenteil.

Dortmund attackierte früh und unnachgiebig, war lästig und gedankenschnell, zielorientiert und im Kollektiv überzeugend. Die Mannschaft von Jürgen Klopp schlug damit nach dem Beinahe-Wunder im Viertelfinal-Rückspiel gegen die Königlichen binnen weniger Tage die beiden vermutlich hochwertigsten Teams der Welt und festigte in der Bundesliga den zweiten Tabellenplatz. „Eine absolut außergewöhnliche Woche“, wie der BVB-Coach befand. Seine Elf habe das „fantastisch gemacht“. Sportdirektor Michael Zorc lobte: „Die Taktik ist komplett aufgegangen. Wir wissen, wir können die Bayern in einem Spiel schlagen.“

Es ist davon auszugehen, dass deren Trainer Pep Guardiola bis zu einem möglichen DFB-Pokalfinale der beiden Branchenführer detailversessen an einem Gegenentwurf feilen wird. Doch den Rückschluss aus dieser taktischen Meisterleistung, dass der BVB den Guardiola-Code geknackt hat, kann der Spanier vorerst nicht widerlegen. Das Schreckgespenst des FC Bayern trägt weiterhin Schwarz-Gelb. „Es ist ein Stück Genugtuung und widerlegt auch einige Kritiker. Das hat die Konkurrenz nicht erwartet“, sagte Präsident Reinhard Rauball: „So hoch hat gegen die Bayern noch keine Mannschaft verteidigt.“

Das sah auch der wieder einmal glänzende Marco Reus als entscheidend an. „Wichtig war, dass wir früh attackieren. Wenn man dann einen Ballgewinn hat, ist es nicht mehr so weit bis zum gegnerischen Tor“, sagte er. Dem 1:0 von Henrich Mchitarjan, der BVB nötigte davor Bayern-Verteidiger Dante zu einem Pass ins Seitenaus, lag dies zugrunde, bei Reus‘ 2:0 war der Ballgewinn zwar in der eigenen Hälfte, dafür der Konter umso schneller. Das 3:0 von Jonas Hofmann lag dann an der Schläfrigkeit der Bayern.

Auf dieses Spiel in den Raum passte Pierre-Emerick Aubameyang besser als ein Lewandowski, der sich oft genug mit dem Rücken zum Tor anspielen lässt. Zudem sei „Lewa unser Vielspieler“, meinte Klopp. Der Trainer braucht ihn ja morgen im Halbfinale des DFB-Pokals gegen den VfL Wolfsburg, die Taktik aus München wird da nicht passen. „Wolfsburg wird die schwierigste Partie der vergangenen Wochen“, sagte Torwart Roman Weidenfeller.

Lewandowski nahm seinen Teileinsatz gegen den künftigen Arbeitgeber denn auch gelassen hin. Es habe ein ausführliches Gespräch mit Klopp gegeben. „Ich wusste, dass ich eine Pause bekomme“, sagte der Pole. Sollte es aber am 17. Mai in Berlin zum erneuten Aufeinandertreffen kommen, wäre er damit gewiss nicht zufrieden. Vielmehr könnte er den Münchnern die erfolgreiche Triple-Verteidigung verderben. „Ich hoffe auf das Finale gegen den FC Bayern“, sagte er, „wir haben nur noch den Pokal, es wäre gut, wenn wir denn gewinnen.“ Es wäre eine pikante Pointe zum Abschied.

Und wie reagierte der Meister nach der höchsten Heimpleite seit sechs Jahren? Er demonstrierte Gelassenheit, vereinzelt aber kamen Zweifel auf, ob der eingeschlagene Kurs, die Bundesliga nur noch für Trainingszwecke zu nutzen, der richtige ist. „Ja“, sagte Guardiola, nach dem vorzeitigen Gewinn der deutschen Meisterschaft „haben wir den Rhythmus verloren“. 3:3 gegen Hoffenheim, 0:1 in Augsburg und nun zum ersten Mal seit November 2011 wieder zwei Niederlagen nacheinander.

Während man den Ausrutscher in Augsburg noch als Folge einer ausgiebigen Rotation einordnen konnte, liegt der Fall nun anders. Guardiola schickte – wie Klopp auch – nahezu seine Stammelf auf den Platz, nur Manuel Neuer blieb in der Pause wegen eines Wadenzwickens in der Kabine, für ihn feierte der 20-jährige Lukas Raeder, der sonst in der Regionalliga hält, sein Bundesliga-Debüt. „Wir müssen schauen, wie wir reagieren“, erklärte der Trainer vor dem Pokalheimspiel am Mittwoch gegen den 1. FC Kaiserslautern. „Ich muss den Trick finden, damit wir wieder in unseren Rhythmus kommen.“

Abgesehen von Guardiola wurde aber versucht, das 0:3 als ein vorübergehendes Problem darzustellen. „In der Liga“, sagte Thomas Müller, fehle derzeit „die letzte Gier.“ Philipp Lahm findet, es sei erklärbar, dass „die Luft raus ist“, den Spannungsabfall nach dem Titelgewinn könne „man vielleicht verzeihen“. Und Sportvorstand Matthias Sammer sekundierte: „Man muss das Ergebnis im Zusammenhang sehen.“

Das Ergebnis, versicherte Sammer, „ist für uns ärgerlich“, aber „wenn die Meisterschaft entschieden ist, dann habe ich volles Verständnis für die Spieler“. Da stünden ja, ergänzte der Sportvorstand, „keine Roboter“ auf dem Platz, „keine Maschinen“, sondern Menschen „mit Gefühlen“. Und deshalb, auch bei allem Ärger: Diese Niederlage sei „kein Beinbruch“. (sid/mit SZ/dk)