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„Bei Flüchtlingen gibt es gravierende Unterschiede“

Über Vertriebene nach dem Krieg wird der Schirmherr des Literaturfestes Thomas de Maizière lesen. Die Parallelen zum Heute sind offensichtlich.

© dpa/Hendrik Schmidt

Meißen. Zum neunten Mal lädt Deutschlands größtes eintrittsfreies Open-Air-Lesefest Tausende kleine und große Bücherwürmer nach Meißen ein. Vom 7. bis 10. Juni 2018 stehen rund 180 Veranstaltungen mit Geschichten aus nah und fern zur Auswahl. Thomas de Maizière ist Schirmherr des Literaturfestes und stellt auch in diesem Jahr wieder ein Buch vor. Er liest am Freitag, dem 8. Juni, 16 Uhr auf der Bühne am Marktplatz. Die SZ sprach mit ihm.

Herr Dr. de Maizière, Sie werden in diesem Jahr aus Christoph Heins Buch „Landnahme“ lesen. Warum haben Sie sich gerade für dieses Buch entschieden?

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Ich werde gemeinsam mit der Migrationsberatung der Diakonie über Flucht und Vertreibung lesen, will aber nicht moralisierend den Zeigefinger erheben, sondern mit dem Buch „Landnahme“ an die Erfahrungen Vieler nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges anknüpfen. In diesem Buch beschreibt der gebürtige Schlesier Christoph Hein sehr anschaulich und feinfühlig die Lage von Menschen, die eine neue Heimat suchen.

In dem Buch steht ein Zehnjähriger im Fokus, der aus seiner Heimat vertrieben wird und 1950 in einer sächsischen Kleinstadt ein neues Zuhause findet. Welche Parallelen gibt es zwischen damals und heute?

Die Parallelen liegen auf der Hand. Die Vertriebenen aus Schlesien, Pommern und dem Sudetenland ließen alles zurück und mussten hier in Sachsen oder anderswo in Deutschland ganz neu anfangen und ein neues zuhause finden. Den heutigen Asylbewerbern und Flüchtlingen geht es ebenso. Bei ihnen kommen natürlich die sprachlichen und kulturellen Hürden noch dazu. Viele Sachsen helfen nicht zuletzt auch deshalb gern und empfinden viel Mitgefühl mit den Flüchtlingen, weil sie selbst solche oder ähnliche Erfahrungen in ihrem Leben machen mussten. Das prägt ein Leben lang, höre ich oft.

Zur Wahrheit gehört jedoch auch, dass unsere heutigen Integrationsbemühungen auf die gerichtet sind, die hier länger oder ganz bleiben dürfen und sich rechtstreu verhalten.

Und es gibt noch einen gravierenden Unterschied. Die Flüchtlinge aus ganz anderen Kulturkreisen und mit anderen Glaubensrichtungen sind doch noch etwas anderes als die Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg. Und viel schwieriger zu integrieren. Aber trotzdem: Das Buch zeigt etwas auf, das uns nachdenklich machen kann.

Ihre Lesung ist in diesem Jahr etwas ganz Besonderes, denn Sie lesen in diesem Jahr nicht allein. Warum?

Die Idee kam von Mitarbeitern der Diakonie. Sie haben mich schon vor vielen Wochen gefragt, ob wir eine gemeinsame Lesung machen. Vermutlich war dabei auch an die Werbung durch den Schirmherrn gedacht. So habe ich gern zugesagt, weil die Materie Flucht, Vertreibung und dann auch die Integration von Menschen in unserem Land nicht aktueller sein kann.

Ist aus Ihrer Sicht die Beteiligung von Vorlesern mit fremden Kulturen ein Indiz für den Erfolg der Integration?

Eine Lesung beim Literaturfest reicht sicher nicht, aber es zeigt, dass die Sprache gelernt wird und man sich mit der Kultur des Gastlandes befasst, teilnimmt am kulturellen Leben der Region. Das ist schon allerhand, finde ich. Wer würde sich von uns schon eine Lesung in einer Fremdsprache vor zahlreichen Besuchern zutrauen? Der Mut ist schon zu bewundern. Ich habe jedenfalls großen Respekt davor.

Das Lesen und Vorlesen steht im Mittelpunkt des Literaturfestes. Gibt es bei Ihnen privat aktuell ein Buch, das Sie lesen?

Nach meinem Ausscheiden aus der Bundesregierung gibt es wieder etwas mehr Zeit zum Lesen. Derzeit lese ich: „Das letzte Bild der Sara de Vos“ von Dominic Smith.

Welche Bücher sind Ihre absoluten Favoriten? Bzw. gibt es Bücher, die Sie schon mehrfach gelesen haben?

Ich habe viele Lieblingsbücher, nicht nur eins. Dazu zählt auch „Das grüne Zelt“ von Ljudmila Ulitzkaja. und „Unterleuten“ von Julie Zeh.

Interview: Sven Mücklich