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Bei Volksbanken und Bauernhöfen wird es noch Fusionen geben

Ralf W. Barkey, Vorsitzender des Genossenschaftsverbandes, empfiehlt den Sachsen neue Bündnisse – etwa für Senioren. Auch wenn das Streit bringt.

Herr Barkey, wer gründet heute noch Genossenschaften?

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Wir erleben seit einigen Jahren eine Renaissance. Zum Beispiel haben sich bundesweit 850 Energiegenossenschaften gegründet, die Windkraft- oder Solaranlagen betreiben. Oft sind auch Notsituationen der Anlass, wie schon zur Zeit des sächsischen Genossenschaftsgründers Hermann Schulze-Delitzsch in 19. Jahrhundert. Wo Ärztemangel herrscht, Mängel in der Versorgung auf dem Lande oder kein Breitbandanschluss bestehen, da schließen sich Menschen zur Problemlösung zusammen.

Was kann denn eine Genossenschaft gegen den Ärztemangel unternehmen?

Ärztegenossenschaften gibt es im ländlichen Raum schon in mehreren Bundesländern. Sie organisieren zum Beispiel gemeinsam die Einsatzzeiten und gegenseitige Vertretung. Das hilft gerade jungen Ärztinnen, Familie und Beruf zu vereinbaren. Auch Kindergärten und Schwimmbäder werden in manchen Orten von Genossenschaften betrieben, wo die Kommunen es nicht mehr schafften. Ein schönes Beispiel ist die Eissporthalle in Hamm. Dort werden schwarze Zahlen geschrieben, seit sie von einer Genossenschaft statt von der Stadt betrieben wird.

Sind die Verluste allein durch Genossenschaftsgründung verschwunden?

Nein, aber die Mitglieder bringen sich ehrenamtlich ein. Sie engagieren sich bei den Außenanlagen, organisieren besucherfreundliche Öffnungszeiten und wirtschaften insgesamt unternehmerischer. Mehr Unternehmertum spüren wir auch, wenn genossenschaftliche Dorfläden öffnen.

Aber einen Rückgang gibt es bei der Zahl genossenschaftlicher Banken …

Ja, es gibt eine Fusionswelle. Voriges Jahr haben 28 Banken in unserem Verbandsgebiet fusioniert, dieses Jahr bisher 24. Es gibt zwar ein großes Vertrauen der Menschen in ihre regionalen Banken und ein starkes Kreditwachstum bei den sächsischen Genossenschaftsbanken. Aber die Niedrigzinsphase und überbordende Regularien führen zu Zusammenschlüssen, um so Leistungsvorteile auch im Sinne der Kunden zu erreichen. Trotzdem gibt es auch noch kleine Volksbanken mit 15 Mitarbeitern.

In Ostsachsen haben gerade recht große Volksbanken fusioniert, die in Dresden und Bautzen – könnten solche nicht alleine überleben?

Es ist keine Frage des Überlebens. Genossenschaftsbanken haben ein risikoarmes und profitables Geschäftsmodell. Sie sollen aber seit der Lehman-Pleite Vorschriften erfüllen wie Großbanken, das ist aufwendig. Der Grundgedanke bleibt trotzdem, in der Fläche präsent zu sein. 30 Prozent aller Filialen bundesweit gehören zu Volks- und Raiffeisenbanken. Vielen Kunden genügt es im Alltag, Automaten zu nutzen oder Auszüge zu Hause auszudrucken. Aber die persönliche Beratung darf nicht zu kurz kommen. Darauf legen unsere Mitglieder ihr Hauptaugenmerk. Bestehende Genossenschaften helfen auch häufig, wenn neue gegründet werden sollen. Bei Energiegenossenschaften engagieren sich oft Volksbank-Vorstände ehrenamtlich.

Geht es Energiegenossenschaften nicht bloß darum, das Kapital für ein Windrad zusammenzubringen und damit Geld zu verdienen?

Die Anlage muss auch bewirtschaftet werden, die Anbindung ans Netz und der Stromhandel beschäftigen die Mitglieder. Viele wollen regional etwas zur Energiewende beitragen. Aber es muss wirtschaftliche Tragfähigkeit dazukommen. Der Genossenschaftsverband berät bei der Gründung, nicht aus jeder Idee wird etwas.

Wo liegt denn der Vorteil der Genossenschaft?

Die Genossenschaft ist eine einfache Rechtsform. Es genügen drei Menschen, die sich zusammentun. Jeder haftet nur für das Geld, das er einzahlt. Kein Notar ist für Ein- oder Austritte nötig. Das ist auch eine gute Basis für Betriebsübergaben. In den nächsten Jahren brauchen rund 170 000 Inhaber kleinerer und mittlerer Betriebe einen Nachfolger. Oft haben junge Menschen mit 25 Jahren nicht den Mut, einen 30-Mann-Betrieb zu übernehmen. Da kann es helfen, das Risiko und die Verantwortung zu teilen. Das werden wir künftig stärker erleben.

Es gibt auch Nachteile. Vorstände von sächsischen Landwirtschaftsgenossenschaften klagen, dass sie die Verantwortung tragen, aber bei wichtigen Entscheidungen von Mitgliedern überstimmt werden. Führt dieses Modell zu Streit?

Jede demokratische Rechtsform bringt Diskussionen mit sich, fruchtbare Diskussionen. In der Genossenschaft hat jedes Mitglied eine Stimme, unabhängig von seinen Anteilen. Die Großen dominieren nicht die Kleinen. Wer etwas durchsetzen will, muss die anderen überzeugen. Dieses Urdemokratische zieht viele Menschen an, die in ihrer Region etwas bewegen wollen.

Gibt es Ost-West-Unterschiede im Genossenschaftsverband?

Nicht bei den Themen. Ärztemangel gibt es in West wie Ost, auch die Neugestaltung der Energieversorgung. Im Osten gibt es einige Formen, die im Westen kaum bekannt waren, etwa Konsum- und Friseurgenossenschaften. Im Norden sind Fischereigenossenschaften verbreitet. In den fünf östlichen Ländern ist allerdings die Unterversorgung im ländlichen Raum ein besonderes Problem. Dazu steht viel in Koalitionsverträgen. Das kann nur umgesetzt werden, wenn die Menschen mittun.

Vor fünf Jahren ist der Mitteldeutsche Genossenschaftsverband Teil Ihres Verbandes geworden. Sie haben drei Verwaltungssitze in den alten Ländern, in Sachsen nur noch eine Geschäftsstelle in Leipzig. Die Büros in Dresden und Chemnitz sind geschlossen. Das sieht nach Rückzug aus dem Osten aus …

Wir erbringen unsere Dienstleistungen als Verband direkt bei den Mitgliedern, zum Beispiel Rechts- und Steuerberatung und ebenso die Prüfung. Die Mitglieder kommen nicht zu uns ins Haus, außer in die Seminarstätten. Der Verband sucht die Nähe der Region, deshalb haben wir an diesem Montag eine Regionalversammlung in Dresden abgehalten. Das soll auch den Kontakt unter den Genossenschaften stärken und Geschäftsbeziehungen anbahnen.

Sie vertreten große Agrarbetriebe, die Nachfolger der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) der DDR sind. Sind sie erfolgreicher als andere Bauernhöfe?

Wenn sie die nötigen Rahmenbedingungen haben, sind sie mindestens so erfolgreich. Sie haben größere Flächen und Viehbestände. Es gibt auch im Westen ein verstärktes Interesse an Zusammenarbeit, weil es damit bessere Marktchancen gibt und sich gemeinsam besser investieren lässt – etwa in Agrartechnik wie Drohnen. Leider zeigt sich bei den EU-Verhandlungen zur künftigen Agrarpolitik, dass Genossenschaften wie große Konzerne betrachtet werden. Damit drohen Kürzungen beim Geld aus Brüssel.

Ist es denn nötig, Großbetrieben genauso hohe Zuschüsse pro Hektar zu geben wie kleineren?

Wir müssen stärker darüber diskutieren, was uns Landwirtschaft wert ist. Wenn wir die bäuerliche Produktion erhalten wollen, müssen wir einiges ändern und auch als Verbraucher bereit sein, mehr für Lebensmittel zu bezahlen. Landwirtschaftsbetriebe haben einen hohen Investitionsbedarf, vieles wird ihnen durch neue Verordnungen aufgebürdet. Mal sollen Ställe mit Spaltenboden versehen werden, dann mit Betonboden mit Stroh. Da geht kleinen Betrieben schnell die Luft aus. Viele Menschen wünschen sich zwar das Idealbild Streichelzoo, aber gleichzeitig treiben die neuen Vorschriften die Entwicklung zu größeren Betrieben weiter voran. Das ist offensichtlich ein von der Gesellschaft geduldeter Kollateralschaden.

Werden die Genossenschaften mehr oder weniger?

Wir erleben Zuwächse bei neuen Dienstleistungsformen, etwa den Energiegenossenschaften. Bei den Volksbanken und im Agrarsektor wird es noch Fusionen geben.

In Ihrem Verband gibt es auch Seniorengenossenschaften, was ist das?

Manche Rentner fragen sich, wie sie künftig leben wollen. Die Chance, im familiären Umfeld zu bleiben, hat ja leider abgenommen. Manche geben an der Heimtür die Verantwortung für ihr Leben ab. Aber manche Senioren wollen die Vorteile des Zusammenlebens nutzen und es selbst organisieren, nicht von anderen genormt. Solche Zusammenschlüsse wird es künftig häufiger geben, Musterbeispiele kennen wir aus Mainz und Köln.

Ist die Überalterung und die Abwanderung vom Land in die Städte vor allem ein ostdeutsches Problem?

Nein, das gibt es überall. Ich habe 16 Jahre in der Eifel gelebt, dort gab es eine der ersten Ärztegenossenschaften. Auf dem Lande ist die Infrastruktur in der Regel schlechter als in der Stadt, aber die Versorgung lässt sich organisieren. Dorfläden oder ein Bus mit Dingen des täglichen Bedarfs tragen dazu bei. Aber noch wichtiger ist Vorbeugung, damit kleine Orte attraktiv bleiben. Dazu gehört Weiterbildung für die örtliche Wirtschaft und Breitband-Anbindung, damit Menschen in ihrem Ort arbeiten können und nicht pendeln müssen. Die Politik als moderierende Instanz muss die Bereitschaft der Menschen zur Eigenverantwortung fördern, dazu gehören auch finanzielle Förderprogramme.

Das Gespräch führte Georg Moeritz.

www.genossenschaftsverband.de