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„Bekannt wie das Sandmännchen“

Reinhard Höppner ist tot. Verbunden bleibt mit seinem Namen das „Magdeburger Modell“.

© imago

Der Tag der ersten freien Volkskammerwahlen in der DDR am 18. März 1990 hat das Leben vieler Menschen in der DDR gründlich verändert – darunter auch das von Reinhard Höppner. Der Mathematiker aus Magdeburg und engagierte Christ wird über Nacht zum Politiker und zieht in das letzte DDR-Parlament ein. Dort nimmt er für die SPD einen der Vizepräsidenten-Posten ein. Bis dahin saß er im Berliner Akademie-Verlag, verantwortlich für Mathematik-Literatur. „Das war schon ein merkwürdiges Gefühl, plötzlich an der Stelle zu sitzen, wo vorher der Herr Sindermann gesessen hat“, erinnerte sich Höppner später. Und weil das Präsidium der Volkskammer anstelle des alten DDR-Staatsrates auch gleich noch Oberstes Verfassungsorgan ist, ist Höppner plötzlich das stellvertretende Staatsoberhaupt der Republik. „Das fand ich eher komisch“, meinte Höppner rückblickend.

Die Volkskammer tagt in dem halben Jahr ihres Bestehens 38 Mal – und alle Sitzungen werden aus dem „Palast der Republik“ komplett im DDR-Fernsehen übertragen. Und weil er ständig Sitzungen leitete, war er damals, wie Journalisten schrieben, „so bekannt wie das Sandmännchen“, witzelte Höppner im Nachhinein. „Meine Kinder konnten einfach nach Hause gehen, den Fernseher einschalten und gucken, ob Vati ordentlich arbeitet.“

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Und Höppners Bekanntheit hielt an, obwohl er sich nach der deutschen Vereinigung gegen eine Karriere in der Bundespolitik und für die Landespolitik in Sachsen-Anhalt entschied. In die Geschichte ging Höppner als der ostdeutsche Politiker ein, der die damals allerorten als SED-Nachfolgepartei apostrophierte PDS zumindest auf Länderebene hoffähig machte: Als erster deutscher Ministerpräsident bildete er 1994 in Sachsen-Anhalt zusammen mit den Grünen eine Minderheitsregierung, die von der Tolerierung durch die PDS abhängig war. Das sogenannte „Magdeburger Modell“ hielt bis 2002. Da verloren die Linkssozialisten die Lust am Tolerieren und stürzten damit erst das rot-grüne und später das alleinige SPD-Kabinett.

Höppners Name steht damit für eine politische Ära in Sachsen-Anhalt. Mit viel taktischem Geschick, aber auch mit Nachdruck und Willen zur Macht setzte der zutiefst gläubige Christ und überzeugte Sozialdemokrat seine Ziele durch. Nur so gelang es ihm über lange Zeit hinweg, sowohl den Tolerierungspartner PDS als auch die Kritiker in den Reihen der SPD, aber auch die CDU-Opposition im Zaum zu halten.

Sein Amtsnachfolger Wolfgang Böhmer würdigte Höppner gestern denn zwar auch als einen Mann, der „wichtige Weichen“ gestellt habe, etwa beim Solidarpakt. Allerdings konnte sich der CDU-Politiker auch rückblickend kritische Bemerkungen über das „Magdeburger Modell“ nicht verkneifen. Sachsen-Anhalts Linke-Fraktionschef Wulf Gallert hingegen meinte, mit der damaligen Minderheitsregierung habe Höppner „unwahrscheinlichen Mut“ bewiesen, als ein Politiker, dem es nie „auf kurzfristigen Beifall“ angekommen sei. Nach seiner Wahlniederlage 2002 zog sich Höppner dann auch Schritt für Schritt aus der Politik zurück. Obwohl damals schon an Krebs erkrankt, trat Höppner als Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchtags 2005 bis 2007 weiter öffentlich auf.

Der am 2. Dezember 1948 in Haldensleben geborene Sohn eines Pfarrers hatte an der TU Dresden Mathematik studiert und später promoviert. Mehr als 18 Jahre arbeitete Höppner als Fachbuch-Lektor im Berliner Akademie-Verlag. Zugleich war er von 1980 bis 1994 ein sehr engagierter Präses der Synode der Kirchenprovinz Sachsen.

Trotz seiner langwierigen Krebserkrankung hielt Höppner in den letzten Jahren auch weiterhin Vorträge und schrieb Bücher. 2006 war er zum ersten Mal operiert worden. In der Nacht zum Montag verlor er im Alter von 65 Jahren den Kampf gegen die heimtückische Krankheit. Reinhard Höppner hinterlässt eine Frau und drei erwachsene Kinder. (SZ/dpa/mdr)