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Jetzt rebellieren auch die Sportler in Weißrussland

Sie sind Staatsbotschafter und eine Stütze von Präsident Lukaschenko. Nun schließen sich immer mehr dem Protest an - auch Olympia-Medaillengewinner.

Immer mehr Sportler schließen sich in Belarus dem Protest gegen Präsident Lukaschenko an und gehen wie hier in der Hauptstadt Minsk auf die Straße.
Immer mehr Sportler schließen sich in Belarus dem Protest gegen Präsident Lukaschenko an und gehen wie hier in der Hauptstadt Minsk auf die Straße. © Anatol Redzin

Von Ronny Blaschke

Minsk. Von der obersten Etage seines Wohnhauses hat Yegor Mescheriakov einen guten Ausblick über Minsk. Seit bald einem Monat sieht er morgens die Militärfahrzeuge in die Innenstadt fahren. Er beobachtet, wie Hunderte Polizisten in Kampfmontur durch die Straßen marschieren. Er hört die verzerrten Stimmen von Beamten, die über Lautsprecher mit Gefängnis drohen. Yegor Mescheriakov hat sich daran gewöhnt, dass seine europäische Heimatstadt Minsk wie ein Kriegsschauplatz wirkt. Doch er hat sich auch daran gewöhnt, dann erst recht hinunter auf die Straße zu gehen. Stundenlang zieht er mit Freunden durch die Stadt, umgeben von Zehntausenden Menschen.

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Der Basketballer Yegor Mescheriakov hat in den 1990er-Jahren an einer Eliteuniversität in Washington gespielt, später in Italien, Griechenland und in der Türkei. Während Alexander Lukaschenko seit 1994 seine Macht in Belarus festigte, lebte Mescheriakov in demokratischen Staaten. Doch 2014 kehrte der langjährige Nationalspieler nach Minsk zurück. „Ich wollte an der Transformation unserer Gesellschaft mitwirken“, sagt er am Telefon. „Es gibt bei uns viele mutige, kreative Menschen. Doch Leute wurden verschleppt, gefoltert und sogar getötet. Wir müssen uns gut organisieren. Der Sport bietet eine wirksame Plattform, um Orientierung zu geben.“

Wie Yegor Mescheriakov haben rund 550 belarussische Sportler einen offenen Brief unterzeichnet. Unter ihnen sind Medaillengewinner von Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften: die viermalige Biathleton-Olympiasiegerin Darja Domratschewa, die Läuferin Maryna Arsamassawa, die Schwimmerin Aljaksandra Herassimenja oder die Freestylerin Anna Guskowa. Einige ihrer Forderungen: Neuwahlen, ein Ende der Polizeigewalt und die Freilassung politischer Gefangener.

Unterzeichnerin eines offenen Briefs für Veränderungen in ihrem Heimatland: die weißrussische Biathletin Darja Domratschawa, die mit Ole Einar Björndalen verheiratet ist.
Unterzeichnerin eines offenen Briefs für Veränderungen in ihrem Heimatland: die weißrussische Biathletin Darja Domratschawa, die mit Ole Einar Björndalen verheiratet ist. © Archiv: dpa/Peter Kneffel

„Der Protest der Sportler schmerzt Lukaschenko besonders“, sagt Vałdzis Fuhas, Mitgründer der belarussischen Menschenrechtsorganisation Human Constanta. „Vor diesem Sommer hatte die Regierung im Sport ein Monopol. Mit finanziellen Förderungen machte sie aus Athleten ein Heer loyaler Staatsbotschafter.“ Umringt von vermeintlichen Bewunderern ließ sich Lukaschenko gern dabei filmen, wie er beim Fußball aufs Tor schoss oder beim Eishockey einen Puck führte.

Seit 1997 ist Lukaschenko auch Präsident des Nationalen Olympischen Komitees. In den Führungsebenen der Fachverbände und Vereine ließ er Vertraute aus Militär, Geheimdienst und Staatsbetrieben installieren. Die wenigen Sportler, die dieses System im vergangenen Jahrzehnt hinterfragten, wie der Kickboxer Vitaly Gurkow, wurden aus dem Nationalteam ausgeschlossen. „Die Gesellschaft war in Fraktionen gespalten, auch im Sport dachte jeder an seinen eigenen Vorteil“, sagt Vałdzis Fuhas. „Doch so groß wie jetzt war die Solidarität noch nie.“

Auch Spitzensportler unter den Festgenommenen

Allmählich wagen sich auch mehr Sportfunktionäre an die Öffentlichkeit. Vadim Dejvatovskij, Vorsitzender des Leichtathletik-Verbandes, schrieb auf Twitter: „Lukaschenko ist nicht mein Präsident.“ Michail Zalewsky, Generaldirektor des Fußallrekordmeisters BATE Baryssau, warf seine Militäruniform demonstrativ in den Mülleimer.

Ob ihnen Konsequenzen drohen? In den vergangenen vier Wochen wurden mehrere Tausend Menschen festgenommen. Unter ihnen waren mehr als zwanzig Spitzensportler, zum Beispiel der Eishockeyspieler Ilja Litwinow, der in sozialen Medien auf seine Spuren von Folter deutete. Menschenrechtsorganisationen und Vereinte Nationen dokumentierten Hunderte Fälle von Einschüchterung, Misshandlung, Vergewaltigung. Gegenüber der ARD-Sportschau erzählte der Futsal-Nationalspieler Sergej Podalinski, was er im Gefängnis erlebt hatte: „Die erste Nacht habe ich auf den Knien verbracht. Die haben uns in eine Zelle gesperrt und abgeladen wie Nutztiere. Als die uns reingeführt haben, haben sie jeden von uns geschlagen, beleidigt, bedroht.“

Alexander Apeikin ist einer Verhaftung knapp entgangen. Einer seiner Bekannten aus einem Ministerium hatte ihn gewarnt, so konnte er sich nach Kiew absetzen. Der Manager des Handball-Erstligisten Vityaz Minsk wollte wenige Tage nach der wohl manipulierten Wahl Lukaschenkos die ersten Unterschriften von Sportlern zusammentragen. „Wir waren lange unpolitisch, wir wollten ein einfaches Leben“, sagt Apeikin via Skype. „Doch diese Haltung hat das System gestärkt. So kann es nicht weitergehen.“ Anfangs traute sich aus dem Sport kaum jemand an die Öffentlichkeit. Der Zehnkämpfer Andrei Krauchanka, der bei Olympia 2008 Silber gewonnen hatte, unterschrieb als Erster. Die Liste prominenter Namen wurde länger, eine Woche später kamen pro Tag 30 bis 40 hinzu.

Doch Andrei Krauchanka weiß, dass Symbolik allein nicht reicht. Der Sportpolizist wurde aus dem Staatsdienst entlassen. Daher bauen Alexander Apeikin und seine Mitstreiter nun eine Stiftung und einen Solidarfonds auf. Die bislang gesammelten Spenden von rund 70.000 Euro sollen an Athleten gehen, die nach den Protesten ihren Job oder ihr Stipendium verlieren.

Mutige Aktion in der zweiten Liga

Mit einem wöchentlichen Newsletter wollen sie Vereine und Verbände über die Repression informieren. „Wir zeigen, dass Sportler füreinander einstehen“, sagt Alexander Apeikin. „Uns bleibt keine Wahl. Denn sollte Lukaschenko im Amt bleiben, würde es eine beispiellose Säuberungswelle geben.“

Wie sehr die Einschüchterung wirkt, verdeutlichen die beiden Sportarten, die am meisten von staatlichen Netzwerken abhängen: Aus dem Eishockey sind kaum prominente Stimmen zu hören. Und von aktuellen Fußball-Nationalspielern hat lediglich Ilja Schkurin von ZSKA Moskau angekündigt, unter Präsident Lukaschenko nicht mehr für Belarus zu spielen. Mehr Gegenwehr wagt dagegen in der zweiten Liga der FC Krumkachy, einer der wenigen privat finanzierten Klubs in Weißrussland. Seine Spieler liefen mit einem weißen T-Shirt auf, darauf der Schriftzug: „Wir sind gegen Gewalt“. Eine Reaktion auf die Festnahme von zwei Mitspielern.

Der Fußballverband ABFF hat in einem Rundbrief von den Vereinen politische Zurückhaltung gefordert. Allerdings hatte er wenige Tage vor der Präsidentschaftswahl auf seiner Internetseite Auszüge aus einer Rede Lukaschenkos veröffentlicht. Ligaspiele werden nun ohne Zuschauer ausgetragen, angeblich wegen Corona. Noch im Frühjahr – auf dem Höhepunkt der Pandemie – war Belarus das einzige europäische Land mit gefüllten Stadien gewesen. „Organisierte Fanszenen lassen sich schwerer kontrollieren als die NGO der Zivilgesellschaft“, sagt Ingo Petz von dem Experten-Netzwerk „Fankurve Ost“.

Fußballfan tot aufgefunden

Für Lukaschenko war die Ukraine eine Warnung. Dort hatten demonstrierende Ultras 2014 am Sturz des prorussischen Präsidenten Wiktor Janukowytsch mitgewirkt. „Danach ist bei Dinamo Minsk die Fanszene systematisch zerschlagen worden“, sagt Ingo Petz. „Anführer wurden in Schauprozessen zu Haftstrafen verurteilt.“ Bei den aktuellen Protesten sind auch Ultras vertreten, allerdings nicht in sichtbaren Gruppen. Mitte August wurde der Fußballfan Nikita Krivtsov aus Maladsetschna tot in einem Waldgebiet gefunden. Freunde glauben, er wurde nach Protesten verschleppt und getötet. Selbst Sportportale, die im Internet über Fälle wie diese berichteten, wurden danach gesperrt.

Fans sammeln nun Spenden für die Familie von Nikita Krivtsov, andere machen vor Gefängnissen inhaftierten Freunden mit lauten Rufen Mut. Von den internationalen Sportverbänden hingegen kam noch kein klares Zeichen: 2014 fand die Eishockey-WM in Belarus statt, 2019 folgten in Minsk die Europaspiele. Das Europäische Olympische Komitee ehrte Lukaschenko für seinen „herausragenden Beitrag zur olympischen Bewegung“. „Das Mindeste wäre, diesen Orden zeitnah wieder zu entziehen“, sagt Dagmar Freitag, Vorsitzende des Sportausschusses im Deutschen Bundestag – und sie fragt: „Wo ist eine klare Positionierung von IOC-Präsident Thomas Bach zu Lukaschenkos Rolle als Präsident des NOK?“

Im nächsten Jahr soll neben Riga auch Minsk Austragungsort der Eishockey-WM sein, zudem soll der Uefa-Kongress dort stattfinden. „Das darf nicht passieren“, sagt Alexander Apeikin, Initiator des offenen Briefes. „Damit würde sich Lukaschenko bestärkt fühlen. Und für uns wäre es ein Schlag ins Gesicht.“

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