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Belastete Luft in deutschen Städten

Mit winzigen Staubpartikeln in der Luft ist nicht zu spaßen. Gibt es zu viele davon, kann das zu Lungenkrebs und Herzinfarkt führen. In Deutschland hat der Feinstaub wieder deutlich zugenommen.

© dpa

Berlin. Die Feinstaub-Belastung der Luft in Deutschland hat nach Messungen des Umweltbundesamtes (UBA) wieder deutlich zugenommen. Bereits jetzt sind Grenzwerte, die von der Europäischen Union für das gesamte Jahr vorgegeben sind, an einigen Messstellen überschritten - zum Beispiel in Stuttgart. Das geht aus der Datensammlung hervor, die die Behörde ständig im Internet aktualisiert. Umweltschützer fordern deshalb weniger Autoverkehr in den Innenstädten, eine Filterpflicht für Dieselloks, Binnenschiffe und alte Baumaschinen sowie schärfere Auflagen für Kamine und Heizungen.

Als Feinstaub bezeichnet man winzige Partikel in der Luft, die beim Einatmen gefährlich für die Gesundheit sein können - bis hin zu Lungenkrebs und Herzinfarkt. Nach geltendem EU-Recht sind an einer Messstation nur an 35 Tagen im Jahr maximal 50 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft erlaubt. In Stuttgart war dieser Jahreswert mit 36 Tagen bereits Mitte März erreicht. Berlin und Frankfurt (Oder) sind mit 33 und 32 Tagen kurz davor, dicht gefolgt von Halle und Leipzig mit 30 Tagen, teilte das Umweltbundesamt am Dienstag mit und bestätigte damit einen Bericht der „Welt“.

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Dass die Feinstaubwerte in Deutschland zwischen Januar und April anstiegen, sei allerdings nicht ungewöhnlich, sagte Arno Graff, UBA-Experte für Luftqualität. Das liege neben den üblichen Emissionen durch Industrie und Verkehr vor allem an der Heizperiode und an der Witterung. Bei kühlen und stabilen Hochdrucklagen ohne viel Wind sammelten sich mehr Luftschadstoffe in der unteren Atmosphäre. Entscheidend dabei ist aber immer die Konzentration.

Schlechter Anfang 2014

Winzige Partikel in der Luft - Warum Feinstaub gefährlich ist

Was ist Feinstaub?

Als Feinstaub, Schwebstaub oder englisch „Particulate Matter“ (PM) bezeichnet man winzige Teilchen in der Luft. Sie sinken nicht sofort zu Boden, sondern bleiben eine Zeit lang in der Atmosphäre. Mit bloßem Auge sind sie nicht zu sehen. Bei bestimmten Wetterlagen kann man Feinstaub aber als Dunstglocke wahrnehmen. Die Mischung aus den englischen Wörtern smoke (Rauch) und fog (Nebel) heißt „smog“.

Wo kommt Feinstaub her?

Ein großer Teil ist vom Menschen gemacht. Große Mengen entstehen vor allem durch Kraftwerke, Müllverbrennungsanlagen, Öfen und Heizungen sowie in Industrieprozessen. In Ballungsgebieten ist vor allem der Straßenverkehr eine bedeutende Quelle. Doch selbst Drucker im Büro, Kerzen im Wohnzimmer, Staubsaugen ohne Feinstfilter, Rauchen, Kochen, Osterfeuer und Silvesterfeuerwerk produzieren Feinstaub. Es gibt aber auch natürliche Quellen wie zum Beispiel Vulkanasche.

Warum ist Feinstaub gefährlich?

Die winzigen Partikel dringen über Nase und Luftröhre in den Körper ein. Folgen können Entzündungen und Erkrankungen der Atemwege und des Herzkreislaufsystems sein, bis hin zu Infarkten und Lungenkrebs. Nach einer Analyse der Weltgesundheitsorganisation WHO sterben im Jahr sieben Millionen Menschen weltweit durch Luftverschmutzung. Am schlimmsten betroffen ist Asien mit China und Indien. In den Industriestaaten Europas führt die WHO 279.000 Todesfälle auf Luftverschmutzung in der Umwelt zurück. In Deutschland schätzt das Umweltbundesamt die Zahl auf 47.000, vor allem durch Feinstaub und Stickstoffoxid.

Welche gesetzlichen Regelungen gibt es beim Feinstaub?

Seit 2005 gelten europaweit Grenzwerte für Feinstaub (PM10). Der Jahresmittelwert darf 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft nicht überschreiten. Der PM10-Tagesmittelwert an Messstationen darf 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft nicht öfter als an 35 Tagen im Jahr überschreiten. Für besonders gefährlichen kleinen Feinstaub (PM 2,5) empfiehlt die WHO im Jahresmittel sogar einen Grenzwert von 10 Mikrogramm pro Kubikmeter. Europa verlangt nur 25 Mikrogramm, sogar die USA sind mit 12 Mikrogramm schärfer. „Wir sind keineswegs mehr Umwelt-Vorreiter“, sagte Bärbel Höhn (Grüne), Vorsitzende des Bundestags-Umweltausschusses, am Dienstag im Deutschlandradio Kultur. „Wir müssen vielleicht auch mal gucken, was machen inzwischen andere Länder, um ihre Bevölkerung gesundheitlich zu schützen.“

Wie sieht die Realität in Deutschland aus?

Die 35-Tage-Regel an den Messstationen wird regelmäßig überschritten - vor allem an verkehrsreichen Straßen. Dabei gibt es allerdings starke jährliche und auch regionale Schwankungen. Insgesamt hat sich die Lage durch mehr Auflagen für Industrie und Verkehr sowie das Ende der DDR-Anlagen jedoch erheblich verbessert. Den letzten Smogalarm in Westdeutschland gab es 1987, in Ostdeutschland 1993. Seit dem Jahr 2000 flacht die Feinstaub-Kurve jedoch kaum noch ab. Es fehlt an Druck. Die EU hat bisher keine Sanktionen wie etwa Geldbußen verhängt.

Was passiert für mehr Schutz vor Feinstaub?

In Deutschland gibt es rund 100 Luftreinhalte- und Aktionspläne. Etwa 50 Kommunen in Deutschland haben bis Ende 2013 Umweltzonen eingerichtet, weitere wollen folgen. In die Zonen dürfen nur Autos mit einer Plakette fahren, die für gute Abgasfilter steht. Einige Städte haben auf bestimmten Routen auch Durchfahrtverbote für Lkw erlassen. Das Umweltbundesamt lobt, dass auch solche kleinen Maßnahmen Effekte zeigen. Ohne sie würden die Grenzwerte noch häufiger überschritten. Gefordert werden aber noch mehr Filter. Zum Beispiel für die Dieselmotoren von Binnenschiffen und alte Baumaschinen. Es geht aber auch um private Anschaffungen. Wer einen Kamin oder Ofen einbaut, sollte auf zertifizierte Systeme und Filter achten.

Wie steht Deutschland beim Feinstaub-Abbau in Europa da?

Nach Einschätzung des Umweltbundesamtes trotz der Grenzwertüberschreitungen immer noch ganz gut - Frankreich verhängte zum Beispiel erst vor kurzem Fahrverbote wegen Smog-Alarms. Und nicht jede Feinstaub-Belastung in Deutschland ist hausgemacht. Aus Kraftwerken und Industrieanlagen in Polen und Tschechien wehen bei Ostwind Partikel nach Ostdeutschland herüber - in Sachsen macht das schätzungsweise 30 Prozent des Feinstaub-Aufkommen aus. Abkommen sollen das künftig bremsen. Auch Saharastaub spielt bei bestimmten Wetterlagen eine Rolle. (dpa)

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Zuletzt gab es deutliche jährliche Schwankungen. 2012/13 war die Feinstaubbelastung in Deutschland relativ gering. Nur wenige Stationen überschritten die Grenzwerte. 2010/11 lagen dagegen 30 bis 40 Prozent aller Stationen darüber. Für 2014 lasse sich die Gesamtentwicklung noch nicht absehen, sagte Graff. Gut angefangen hat das Jahr aber nicht.

Nicht aller Feinstaub in der Luft ist durch Kohlekraftwerke, Autoabgase oder auch den steigenden Trend zu Kaminen jedoch hausgemacht. Insbesondere Ostdeutschland bekommt die Partikel bei Ostwind auch importiert - aus Polen und Tschechien.

„Die alarmierenden Feinstaubwerte müssen für die Bundesregierung Anlass zum sofortigen Handeln sein“, forderte der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND). Die Maßnahmen der Kommunen seien oft unkoordiniert und reichten zur Feinstaub-Bekämpfung offensichtlich nicht aus. Rad-, Fuß- und öffentlicher Nahverkehr müssten weiter ausgebaut werden. Lücken gebe es auch bei Filtern für Dieselloks und Binnenschiffe.

Die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt wies auf die Ruß-Gefahren durch veraltete Baumaschinen hin. Sie arbeiteten oft stundenlang und verpesteten die Luft. Eine Filterpflicht gelte jedoch nur für neue Maschinen.

Kein Rütteln an Umweltzonen

Am Sinn der Umweltzonen in Städten, in die zum Beispiel nur Autos mit ausreichenden Abgasfiltern fahren dürfen, zweifelt das Umweltbundesamt jedoch nicht. Mehr als 50 Kommunen hatten sich bis Ende 2013 für solche Zonen entschieden. „Je härter die Verbote waren, desto positiver die Effekte“, bilanzierte Experte Graff. „Aber es sind eben immer auch Zielkonflikte - die Gesundheit der Bevölkerung gegen das Grundrecht auf Mobilität und wirtschaftliche Interessen“, ergänzt er. Kommunen müssten Abwägungsentscheidungen treffen.

Zufrieden mit der Entwicklung ist Graff trotzdem nicht, selbst wenn deutsche Städte im Vergleich mit europäischen Ballungsräumen ganz gut dastünden. Neun Jahre nach Schaffung der EU-Grenzwerte müsse die Entwicklung weiter sein, sagte er. „Das ist geltendes Recht. Die Europäische Kommission könnte Deutschland für Grenzwertüberschreitungen verklagen.“ Strafzahlungen könnten teuer werden für die Kommunen. Bisher stelle die Kommission aber nur Fragen. Wo kein Kläger, da kein Richter - und kein Druck. (dpa)