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Bergfest an der Förderbrücke

13 Wochen soll es dauern, das größte Teil der Brücke im Tagebau Nochten auszutauschen. Das neue Stück ist schon da.

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© André Schulze

Von Sabine Ohlenbusch

Gigantisch. Anders lässt sich die Förderbrücke nicht beschreiben. Sie ist vom Typ F60, den größten Förderbrücken der Welt. Eine 500 Meter umspannende Stahlkonstruktion, die ausschließlich den Weg bereitet für die Kohlebagger. Sie ist aber an diesem Dienstagvormittag nur der Nebenschauplatz. Gerade biegt der Star des Tages auf einem Schwerlasttransport um die Ecke. Radio, Fernsehen und Zeitung sind gekommen, um seine Fracht zu sehen.

Menschen wie Maschinen wirken winzig gegen das große Bauteil. Es wird in Zukunft die Hälfte des Brückengewichts von über 12000 Tonnen tragen.
Menschen wie Maschinen wirken winzig gegen das große Bauteil. Es wird in Zukunft die Hälfte des Brückengewichts von über 12000 Tonnen tragen. © André Schulze
Diese Förderbrücke F60 im Tagebau Nochten ruht künftig auf der großen Schwinge, die gestern angefahren wurde.
Diese Förderbrücke F60 im Tagebau Nochten ruht künftig auf der großen Schwinge, die gestern angefahren wurde. © André Schulze

Auf dem Anhänger liegt die große Schwinge. Sie hat vom Rand des Tagebaus Nochten noch ganz klein ausgesehen, stellt sich jetzt aber als riesiges Bauteil heraus. Das lässt noch am ehesten begreifen, in welcher Größenordnung sich das Projekt im Tagebau bewegt: Der tragende Knochen im Stahlskelett der Brücke wird ausgetauscht. Die Schwinge wiegt 315 Tonnen. Ab dem 21. Oktober wird die Hälfte der Brücke von über 12 000 Tonnen auf diesem stählernen Koloss ruhen. Und jetzt kommt er angefahren.

„Beim Bau der Brücke haben die Planer nicht vorgesehen, dieses Teil zu ersetzen“, erklärt Projektleiter Rene Zimpel. Er hat seinen Arbeitsplatz bei den technischen Diensten des Energiekonzerns Vattenfall eigentlich in Schwarze Pumpe, ist aber für die Brücke nach Nochten gekommen. Dass dieses Stahlteil Schwinge heißt, ist ein wenig irreführend: Es sitzt vielmehr fest am Übergang zwischen der eigentlichen Brücke und ihren beweglichen Armen, den Fahrwerken. Es schwingt nicht selbst hin und her, ist aber doch beweglich.

Vergleichbar ist die Schwinge mit dem Schulterblatt bei einem Menschen, der eine gymnastische Brücke schlägt. Sie ist das Gelenk, das bei Spannung flexibel bleibt. Das ist wichtig, weil die Brücke ständig in Bewegung ist und auf Temperaturschwankungen reagiert. In sich kann ihre Länge um 13 Meter abweichen. Dazu kann sich die Schwinge um sieben Meter an der Brücke entlangrollen, um sie zu verlängern oder zu verkürzen – so wie ein Mensch, der mit den Schultern zuckt.

In dem großen Stahlkörper liegt eine Kugel, welche die Brücke um bis zu 20 Grad schwenken lassen kann. Königskugel nennt sie Henning Möbius, der Brückenbereichsleiter. Sie hat einen Durchmesser von über einem Meter und würde damit manche Abrissbirne übertrumpfen. Auch die Brücke selbst habe kein größeres Teil, erklärt Henning Möbius.

Rene Zimpel zeigt mehrmals, welch großen Respekt er für die Ingenieurskunst hegt, welche die Förderbrücke erbaut hat. „Hut ab vor den Menschen, die sich das vor 42 Jahren ausgedacht haben“, sagt er. Aber auch der Austausch ist eine große Leistung. Den Löwenanteil an dem Projekt hat das Unternehmen Takraf übernommen, das bereits als Kombinat Wissen und Erfahrung für den Tagebau angehäuft hat.

Um die alte Schwinge überhaupt auszubauen, hat ein großes orangefarbenes Gerüst das Gewicht der gesamten Brücke übernommen und hydraulisch ein Stückchen nach oben gedrückt. Zwei Kräne heben die neue Schwinge von dem Anhänger hoch. Nun schwebt sie über den Köpfen der Zuschauer. Sie soll erst am Mittwoch eingehoben werden. Dann hat das Bauprojekt sein Bergfest erreicht und es sind noch genau sechseinhalb Wochen, bis die Brücke wieder ihre Funktion erfüllen soll.

Denn genau genommen klingt ihre Aufgabe sehr einfach: Auf der einen Seite des Tagebaus trägt die Förderbrücke Erde und Geröll ab, transportiert den Abraum über lange Förderbänder an ihr anderes Ende und legt sie dort wieder ab. Sie arbeitet sich auf Schienen durch einen langen Graben, an dessen Boden die Kohle liegt. In ihrem Gefolge führt sie stets drei Bagger, die ihr die Erde zuführen. Sieben Tage die Woche ist dieser ganze Verband aus Maschinen mit 20 Menschen besetzt.

Bevor sie aufgehört hat zu arbeiten, hat die F60 den Kohlebaggern unter sich noch rund zwei Millionen Kubikmeter Kohle als Vorrat überlassen. Jetzt sind noch 1,4 Millionen Kubikmeter davon übrig. Damit sollte kein Engpass entstehen, bis die Brücke wieder steht. Bis zu 90 000 Tonnen können pro Tag die Tagebaue Nochten und Reichwalde zusammen liefern.

Dieses Maximum wird aber selten gebraucht. Der Bedarf beläuft sich ungefähr auf ein Drittel davon. Denn die Braunkohle ist eine Brückentechnologie. Bei Wind und Sonne feuert das Kraftwerk Boxberg weniger, kann aber flexibel mehr Strom erzeugen, sobald die erneuerbaren Energiequellen streiken. „Es geht nicht anders als im Miteinander“, sagt Henning Möbius.