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Bericht aus der Gruft

Kriminalbiologe Mark Benecke begeistert 600 Fans in Hoyerswerda.

Von Uwe Schulz
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Das Foto mit den Fans gehört zur Benecke-Show mit dazu.
Das Foto mit den Fans gehört zur Benecke-Show mit dazu. © Foto: Uwe Schulz

Wenn Mark Benecke zu einem Vortrag in eine Stadt kommt, dann beschäftigt er sich schon auf der Anreise mit ihr auf seine Weise. Dafür liest er keinen Reiseführer, googelt nicht, aber er schaut mit dieser kindlich unbekümmerten Neugierde auf Dinge, die einfach da sind. Zu seinem Berufscredo gehört die Aussage: Nicht denken, nicht meinen, nicht glauben, nur auf die Spuren schauen. Also fotografiert er das schnell wechselnde Wetter bei der Anreise und macht einem in wenigen Sätzen klar, wie wenig einem Erinnerungen im Ernstfall nützen, um daraus auf eine ganz konkrete Stelle schließen zu können. Er zeigt ein paar Details vom Bahnsteig in Hoyerswerda, die selbst Bahnvielfahrer noch nicht wahrgenommen haben, und macht am Bahnhofsvorplatz ein Bild von einer unscheinbaren Grünfläche, die kein Mensch fotografieren würde.

Und dann geht er nah ran, macht Detailaufnahmen von Kronkorken, Zigarettenstummeln, Pflanzen und zeigt so ganz schnell und anschaulich, was man normalerweise nicht wahrnimmt. Eigentlich ist das auch völlig egal. Doch wenn man aber nun genau hier eine Leiche finden würde, dann wäre es schon interessant zu wissen, seit wann Kronkorken und Zigarettenstummel hier liegen und ob sie in Zusammenhang mit dem Verbrechen stehen. „Kriminalisten müssen räumlich-zeitliche Zuordnungen vornehmen“, sagt Mark Benecke. Das Rechtliche, die juristische Bewertung interessieren ihn nicht. Er fragt nicht nach, wie dieser oder jener Prozess ausgegangen ist, zu dem er als Gutachter hinzugezogen worden war.

Sein Spezialgebiet ist die forensische Entomologie, also die Erstellung von Gutachten auf Basis der Insektenkunde in Kriminalfällen. Er ist wohl Deutschlands einziger öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für biologische Spuren und gleichzeitig begnadeter Entertainer. Ungefähr im Jahresrhythmus bucht ihn die KulturFabrik für Hoyerswerda, mietet dann stets den Sparkassensaal „Visavis“ an und bietet 600 Zuschauern aus einem ziemlich großen Umfeld eine Wissenschaftsshow. Am Mittwoch war er da, berichtete 600 begeisterten Zuschauern von seiner Arbeit und von seiner Untersuchung der berühmten Mumien von Palermo. Mark Beneckes Expertise ist international gefragt. Er hat Hitlers Schädel und Unterkiefer in Moskau untersuchen dürfen und hat vom Konservator der Mumie Lenins die Rezeptur für die Erhaltung des berühmten Leichnams erhalten. Er hat einige der religiösen Wunder der Welt erforscht. Und sich 2012 also auch die Mumien von Palermo angeschaut.

Ein Archäologe hatte die Erlaubnis bekommen, die Kapuzinergruft und die über 2 000 darin aufbewahrten Toten zu untersuchen. Mark Benecke reiste mit ihm. Ihn interessierte, wie die Toten konserviert wurden, warum viele der Mumien vergleichsweise wenig Gewebe haben, ganz wenige jedoch so zu sehen sind, dass der Laie von „einem guten Zustand“ sprechen würde. Es gab Spuren von einem Brand und von Feuchtigkeitsschäden im Bauwerk in den letzten einhundert Jahren.

Und Mark Benecke fand heraus, wie der Mumifizierungsprozess vorgenommen wurde. Er kann auch gut erklären, warum sehr dünne Menschen nach dem Tod besser mumifizieren als adipöse und was alles beim Konservierungsprozess schiefgehen kann. Und natürlich kann er darüber referieren, in welchem Stadium nach dem Tod welche Insekten sich wo an einem Leichnam gütlich tun. Das ist nicht unbedingt etwas für zart besaitete Gemüter. Denn Mark Benecke zeigt in seinen mehrstündigen Vorträgen Aufnahmen von echten Leichen in der Totale und im Detail. Aber er mag Tiere eben auch sehr und seien sie noch so klein. Seine beruhigende Schlussaussage ist, dass man im Tod einfach nicht allein ist, sondern jede Menge tierischer Begleiter hat, auch wenn der Mensch dabei ist, die Insekten quasi auszulöschen. Allein in Deutschland seien in den letzten 25 Jahren 75 Prozent der Insekten-Biomasse verloren gegangen.