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Massenkuscheln mit dem Publikum

Der scheidende Berlinale-Chef Dieter Kosslick sieht Streaming-Dienste als große Konkurrenz fürs Kino, aber auch als Ansporn und Bereicherung.

Sein letztes Festival: Direktor Dieter Kosslick räumt nach der am Donnerstag beginnenden Berlinale seinen Posten.
Sein letztes Festival: Direktor Dieter Kosslick räumt nach der am Donnerstag beginnenden Berlinale seinen Posten. © dpa

Seit 2001 ist Dieter Kosslick Chef der Berlinale. Am 7. Februar startet die letzte Ausgabe des Filmfestivals unter seiner Regie. Vorab spricht er im Interview über den Wandel der Filmfestspiele, die mutigste Jury-Entscheidung und eine Festivalausgabe, die ganz unterschiedliche Familienmodelle seziert.

Herr Kosslick, wenn Sie Ihr Klarinettenspiel optimiert und das letzte Kapitel Ihrer Autobiografie geschrieben haben. Was machen Sie dann?

Bauen und Wohnen
Wohnen Sie noch oder bauen Sie schon?
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Das ist die Frage. An meinem Klarinettenspiel muss ich schon noch ein Weilchen arbeiten. Und dann mache ich erst einmal eine Pause. Ich merke eigentlich jetzt erst, was für eine Anspannung das über die ganzen Jahre war. Vorher habe ich das nicht so mitgekriegt. Aber jetzt, wo ich weiß, dass es bald vorbei ist, möchte ich nicht nur Slow-Food essen, sondern auch Slow-Life leben. Ich gönne mir den Luxus, ein Päuschen zu machen. Darauf freue ich mich.

Was bleibt von Ihnen, wenn Sie gehen?

Es war mir immer wichtig, dass die Menschen keine Angst vorm Roten Teppich haben, sondern einfach drüber laufen. Und am Publikumstag gehört der Teppich ganz den Fans. Dieses Jahr haben wir übrigens zum ersten Mal einen grünen Roten Teppich. Grün, weil er aus recycelten Plastik-Fischernetzen zusammengewebt wurde. Bestimmt sind wir das erste Filmfestival mit einem nachhaltigen Roten Teppich. Daran haben wir lange getüftelt.

Wie unterscheidet sich die Berlinale heute von dem Festival, das Sie 2001 übernommen haben?

Ein Meilenstein war natürlich, dass sich das Publikum vervielfacht hat und das nicht nur einmal. Jedes Jahr sind mehr Zuschauer gekommen. Außerdem haben wir den Nachwuchs gefördert mit dem Berlinale Talent Campus, heute Talent, aber auch mit der „Perspektive Deutsches Kino“. Das deutsche Kino hat inzwischen mit der Berlinale einen Heimathafen gefunden: In den vergangenen 18 Jahren haben wir mehr als 50 deutsche Filme im Wettbewerb gezeigt. Und dort haben viele Regisseure wie Fatih Akin den Goldenen Bären geholt und viele deutsche Schauspieler Silberne Bären.

Kritiker bemängeln gerade den Publikumszuwachs und, dass die Berlinale mittlerweile mehrere Festivals in einem beherbergt. Was entgegnen Sie denen?

Dass sie auf ein anderes Festival gehen sollen, das kleiner ist.

Was war denn einer der schlimmsten Momente in Ihrer Berlinale-Karriere?

Ein einziges Mal, bei „Cold Mountain“, ist niemand zur Eröffnung gekommen. Auch Nicole Kidman hat abgesagt. Das war wirklich nicht witzig ... Und das vergesse ich nicht. Dann gab es viele Demonstrationen und unschön war es auch, wenn wir Filme nicht zeigen konnten, weil die Zensur ihres Landes sie verboten hat. Dafür hatten wir dann aber mit den Rolling Stones die größte Rockband der Welt auf dem Roten Teppich zusammen mit Martin Scorsese. Das hat dann vieles wieder ausgeglichen.

Und welche Jury-Entscheidung fanden Sie am mutigsten?

Die Jury im letzten Jahr hat sich wirklich etwas getraut, als sie Adina Pintilie für „Touch me not“ den Goldenen Bären für den besten Film und den Preis für den besten Erstlingsfilm gegeben hat. Dieser Beitrag war ja extrem umstritten und hat manche Leute echt schockiert. Die Produktion wurde aber auch in mehr als 50 Länder verkauft. Der Film hat seine Weltreise gemacht. Eine der schönsten Jury-Entscheidungen war für mich der Goldene Bär für „Body and Soul“ der ungarischen Regisseurin Ildiko Enyedi. Da waren sich viele Leute einig, dass das ein echter Zauberfilm war.

Gab es jemanden, den Sie gerne mal hier gehabt hätten, der aber nie kam?

Neee, eigentlich nicht. Ich wollte immer, dass Clint Eastwood kommt, aber der konnte im Februar nie. Und als er dann doch einmal kam, war das grandios. Und natürlich wollte ich auch immer Meryl Streep hier haben und das hat auch geklappt. Es waren eigentlich eine ganze Menge da. In meinen 18 Jahren Berlinale waren 2.000 bekannte Gäste hier.

Und auf wen können sich die Leute in diesem Jahr freuen?

Natürlich auf unsere wunderbare Jurypräsidentin, Juliette Binoche. Dann auch auf Charlotte Rampling, die den Ehrenbären bekommt. Außerdem kommen Catherine Deneuve und Christian Bale. Er spielt im großartigen Film „Vice“. Das ist die Geschichte des ehemaligen US-amerikanischen Vizepräsidenten Dick Cheney – ein ganz besonders fieser Politiker.

Welches sind die beherrschenden Themen in dieser Ausgabe?

„Das Private ist politisch“ ist die Überschrift der diesjährigen Berlinale: Wir werden häufig sehen, wie es in Familien aussieht, wie sie auseinanderfallen und wie Patchworkfamilien entstehen. Passend dazu haben wir sehr viele Beiträge, in denen es um Kinder geht. Gleich zwei widmen sich der chinesischen Ein-Kind-Politik. Auch der sehr eindrucksvolle dramatische deutsche Film „Systemsprenger“ passt da sehr gut dazu. Darin geht es um ein Mädchen, das nicht in das herrschende System passt. Und in einem Wettbewerbsbeitrag geht es um Kindesmissbrauch durch die Kirche. Damit hat Regisseur Francois Ozon den Prozess, der aktuell in Lyon läuft, schon filmisch vorweggenommen.

Und Filme rund um die Musik sind auch dabei ...

Ja, wir zeigen eine tolle Dokumentation über die Toten Hosen. Und einen Film, der aufgrund der komplizierten Rechtelage 30 Jahre im Tresor gelegen hat. Endlich können wir die verstorbene Aretha Franklin zeigen, wie sie 1972 eine Platte aufnimmt. Diese Frau wird ewig leben. Der Film ist faszinierend: Ganz ohne Spezialeffekte, ohne Beleuchtung. Er beeindruckt einfach nur, wie da eine Frau in einer Kirche steht und großartig singt.

Das Gegenteil solcher Produktionen sind actiongeladene Serien oder Filme, die auf Netflix laufen.

Ja, die Konkurrenz ist groß und im Moment holen die Streamingdienste auf. Ende des Jahres wird es davon noch mehr geben: Disney startet einen eigenen Streaming-Dienst, Warner Bros auch und das verändert Hollywood total: Netflix ist gerade mit der Serie „You“ sehr erfolgreich. Da geht es um einen New Yorker Buchhändler, der sich in eine Frau verliebt, die jeden Tag in die Buchhandlung kommt. Als TV-Serie ist sie gefloppt. Dann hat sie Netflix aufgekauft und jetzt ist sie zum ganz großen Hit geworden. Zurzeit wird die zweite Staffel gedreht. Die Streaming-Dienste sind schon allein mit ihrer Art des Marketings eine große Konkurrenz fürs Kino.

Können Festivals da noch etwas retten?

Die Festivals sind gefragt, sich zu engagieren und fürs Kino einzutreten. Auch wenn die Filme, die wir zeigen, später bei Netflix laufen. Erst einmal sollten sie im Kino zu sehen sein. Das ist ganz wichtig. Wir zeigen dieses Jahr einen solchen Netflix-Film. Wir haben schon vor fünf Jahren angefangen, diese Produktionen zu zeigen. Denn auch berühmte Filmemacher wie Roma-Regisseur Alfonso Cuarron drehen heutzutage mal eine Studioproduktion und dann wieder mit einem Streamingdienst.

Nachdem Sie sich verabschieden, werden auf Ihrem Stuhl zwei Leute sitzen: Carlo Chatrian als künstlerischer Leiter und Mariette Rissenbeek als geschäftsführende Leiterin. War es falsch, sich niemanden an Ihre Seite zu holen?

Ich habe immer wieder gefordert, die Aufgaben aufzuteilen. Jetzt wird es in Zukunft so sein und ich gratuliere den Glücklichen dazu, dass sie sich diesen Job teilen können. Für eine Person alleine ist die Berlinale mittlerweile wirklich zu groß geworden.

Sie waren immer ein Festivaldirektor zum Anfassen. Wen werden Sie zum Abschied ganz besonders fest drücken?

Das ergibt sich automatisch daraus, wie das Festival konstruiert ist. Der letzte Tag gehört dem Publikum – wie immer bei der Berlinale. Und da werde ich dann in Anführungszeichen die ganz normalen Berlinale-Besucher drücken, wie sonst die Stars.

Und was werden Sie danach am meisten vermissen?

Na, schon morgens irgendwo hinzugehen und mit den Kollegen ein Käffchen zu trinken. Und natürlich darüber zu reden, wie das so ist mit dem Leben und den Filmen. Das wird mir wahrscheinlich fehlen. Aber ich kann ja meine Kollegen besuchen und ein Stück selbst gebackenen Kuchen mitbringen.

Das Interview führte Barbara Breuer.