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Deutschland & Welt

Berliner Kiezkneipe geräumt

In Zeiten steigender Mieten und Gentrifizierung werden Szenekneipen zu hochpolitischen Symbolen. Und ihre Räumung sorgt für Widerstand.

Schon seit einer Woche gibt es Demonstrationen gegen die Räumung des Schillerkiezes.
Schon seit einer Woche gibt es Demonstrationen gegen die Räumung des Schillerkiezes. © Fabian Sommer/dpa

Berlin. Trotz heftiger Proteste ist die seit längerem umkämpfte linke Kiezkneipe "Syndikat" in Berlin-Neukölln am Freitagmorgen geräumt worden. In der Nacht und am Vormittag demonstrierten und protestierten weit mehr als tausend Menschen in den Straßen rund um die Kneipe laut und zum Teil aggressiv gegen die Räumung. Vereinzelt kam es dabei auch zu Steinwürfen auf Polizisten und heftigen Rangeleien.

Die Polizei nahm nach ersten Zahlen bis zum frühen Morgen 44 Menschen vorläufig fest, wie ein Sprecher der «Bild»-Zeitung sagte. Sechs Polizisten wurden demnach verletzt. Etwa 700 Polizisten sollten über den ganzen Tag verteilt für die Absperrungen im Einsatz sein. Die Kneipenbetreiber, die sich selbst ein Kollektiv nennen, hatten seit längerem keinen Mietvertrag mehr, wollten aber nicht ausziehen.

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Heute in den frühen Morgenstunden hat die Räumung des "Syndikat" begonnen.
Heute in den frühen Morgenstunden hat die Räumung des "Syndikat" begonnen. © Paul Zinken/dpa

Die Polizei hatte das Gebiet im Schillerkiez in Nord-Neukölln bereits am Donnerstag teilweise abgesperrt, um eine direkte Blockade des Zugangs zu dem Kneipeneingang zu verhindern. Gegen 9.00 Uhr erschien der Gerichtsvollzieher in Begleitung zahlreicher Polizisten in dem abgesperrten Bereich vor der Kneipe in der Weisestraße.

Polizeieinsatz mit Hubschrauber

Die Eingangstür wurde von außen geöffnet, um dem Gerichtsvollzieher Zugang zu verschaffen. Neben zahlreichen friedlichen Demonstranten gab es auch Protestierer, die Steine und Flaschen auf Polizisten warfen. Randalierer zündeten Mülltonnen an, bunte Rauchschwaden von Pyrotechnik waren zu sehen. Immer wieder kam es zu Rangeleien zwischen Demonstranten und der Polizei.

Ein Polizeisprecher nannte die Stimmung "emotionalisiert". Einige Demonstranten seien vermummt gewesen. Ein Polizeihubschrauber kreiste zeitweise über dem Ort. Videos, die im Internet verbreitet wurden, zeigten, wie sich Demonstranten und Polizisten gegenüberstanden. An einigen Häuserwänden waren Slogans für den Erhalt des «Syndikats» zu lesen. An Fenstern und auf Balkonen standen Bewohner und klapperten lautstark mit Töpfen oder machten mit leeren Dosen Lärm.

Das "Syndikat" hat bereits seit längerem keinen Mietvertrag mehr.
Das "Syndikat" hat bereits seit längerem keinen Mietvertrag mehr. © Paul Zinken/dpa

Das «Syndikat» liegt in einer Gegend, die sich seit Eröffnung des nahe gelegenen Tempelhofer Felds vor zehn Jahren und durch die wachsende Hauptstadt zu einem sehr beliebten Wohn- und Ausgehviertel junger Menschen mit zahlreichen Kneipen und Restaurants entwickelt hat.

Früher billige Altbauwohnungen wurden in den vergangenen Jahren deutlich teurer neu vermietet. Viele Wohnhäuser gehören nach Medienberichten inzwischen internationalen Investment-Konzernen mit zum Teil verschleierten Eigentumsstrukturen. Die Kneipe war daher auch ein Symbol des Kampfes gegen steigende Mieten, Verdrängung und einen Wandel der Stadt.

Die Grünen und Linken im Bezirk Neukölln kritisierten den Polizeieinsatz. Er sei unverhältnismäßig gewesen und die Versammlungsfreiheit sei massiv eingeschränkt worden. Die Polizei habe zur Eskalation beigetragen. Der Berliner FDP-Fraktionschef Sebastian Czaja forderte hingegen: "Heute muss der Innensenator zeigen, dass in Berlin das Eigentumsrecht noch einen Wert hat. Die Erpressungsversuche linker Chaoten dürfen nicht länger geduldet werden." (dpa)

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