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Berufswunsch Spion

Russlands Geheimdienst FSB ist so beliebt wie nie. Er verspricht nicht allein sozialen Aufstieg.

© Youtube

Von Klaus-Helge Donath, SZ-Korrespondent in Moskau

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Dürfte die ältere Generation über die Berufswahl des Nachwuchses entscheiden, würde sie der Jugend zu einer Karriere im Staatsdienst raten. Jedoch nicht irgendeiner, sondern einer Laufbahn beim Geheimdienst FSB, der Nachfolgeorganisation des sowjetischen KGB. Das ergab eine Umfrage des Moskauer Meinungsforschungsinstituts FOM im Januar. Fast die Hälfte aller Befragten erträumte sich für ihre Lieben ein Leben in den Rängen des Föderalen Sicherheitsdienstes (FSB).

Die Attraktivität des Dienstes hat sich seit 2001 verdoppelt, ermittelte das russische Meinungsforschungsinstitut FOM im Januar. Im Jahr 2000 war gerade Wladimir Putin, scheidender FSB-Chef, als russischer Präsident in den Kreml eingezogen.

35 Prozent der Befragten hielten an der Jahrtausendwende einen FSB-Job für erstrebenswert. 34 Prozent begegneten damals dem Geheimdienst noch mit Bedenken. Nach 17 Jahren Putinära sind die Vorbehalte fast verflogen. Nur noch zwölf Prozent hegen Zweifel. Stattdessen halten bereits zwei Drittel der Gesellschaft eine Anstellung im Geheimdienstorden für einen besonderen Glücksfall. 69 Prozent halten die Arbeit der Behörde für prestigeträchtig. Noch mehr schätzt die junge Generation bis 30 Jahre mit 76 Prozent den Dienst.

Unbestritten, zur wachsenden Beliebtheit des Dienstes trug Wladimir Putin als gestählter Sportler und wachsamer Tschekist bei. Tscheka hieß der Geheimdienst nach der Oktoberrevolution. Als Berufsbezeichnung hat sich der „Tschekist“ für Spione innen wie außen bis heute erhalten.

Das Prestige förderte nicht zuletzt auch die Propaganda vermeintlicher Bedrohung aus dem Westen. Der Dauerbeschuss aus den TV-Röhren verwandelte Russland in eine belagerte Festung, die sich gegen übermächtige Feinde zur Wehr setzen müsste.

Präsident Putin als Vorbild

Auch der Kampf gegen islamistischen Terror – etwas realer als die virtuellen Fantasien westlicher Bedrohung – fördert die positive Sicht auf die Sicherheitsorgane. Nachteile, wie etwas die Gefahr, dass sich der Geheimdienst ins Privatleben einmischen könnte, werden nur noch als zweitrangig betrachtet, meint Grigori Kertman vom FOM-Institut.

Darüber hinaus zeichnen auch Unmengen von Filmen und TV-Serien ein heroisches Bild vom Komitee für Staatssicherheit samt den Vorgängerorganisationen Tscheka und NKWD. Aufopferungsbereite Patrioten überlagern allmählich das Image des Dienstes als Repressionsinstanz.

Ebenfalls nicht zu unterschätzen: Die Biografien von Wladimir Putin und KGB-Mitstreitern laden zur Nachahmung ein. Sie stehen noch für eine Zeit, in der die Mitarbeit in den „Strukturen“ gesellschaftlichen Aufstieg bedeutete. Wladimir Putin stammte aus ärmlichen Verhältnissen und war nur ein durchschnittlicher Schüler. Gelegentlich räumt er das freimütig ein. „Er hat es geschafft, warum sollten wir es nicht hinkriegen“, sagen sich Jugendliche. Die „Organe“ boten damals soziale Aufstiegsmöglichkeiten. Diese sozialen Lifte sind inzwischen überfüllt.

In der Auseinandersetzung um die Führungsrolle in Staat und Gesellschaft stach der FSB alle anderen staatlichen Behörden und Agenturen aus. Inzwischen präsentiert sich der Dienst als gesamtgesellschaftlicher Kontrolleur, der beinahe alles im Griff hat. Weder Beamte noch Geschäftsleute seien Herren ihrer selbst, meint der Politologe Nikolai Petrow im Wirtschaftsblatt Wedomosti.

Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus träumten junge Leute davon, binesmeni (Geschäftsmänner) zu werden. Himbeerrote Jacketts waren die Einheitskleidung jener ruchlosen Glücksritter. Zwischendurch sorgte auch mal für Verstörung, dass junge Frauen Liebesdienste auf Devisenbasis als Berufswunsch nannten. Das änderte sich jedoch mit Wladimir Putin in den 2000er-Jahren. Seither galt eine Stelle im Staatsdienst, der garantierte Nebeneinnahmen sicherte, als erstrebenswert. Deren Anwärter stiegen auch zu den begehrtesten Ehemännern auf.

„Hat jemand noch Illusionen über die Zukunft Russlands?“, fragt ein Wedomosti-Leser. Niemand möchte heute noch Kosmonaut oder Wissenschaftler, ja nicht einmal Geschäftsmann oder Bandit werden. Nein, KGBler“, klagt der Beobachter. „Was bedeutet Freiheit und Wachstum eigentlich für Euch? Ihr wollt den Sieg der Repression...“

Die Hälfte der von FOM Befragten wünscht den Kindern einen FSB-Job. Schwarzer Humor der Sowjetzeit brachte es schon auf den Punkt: Die eine Hälfte sitzt, die andere bewacht.