merken

Besser als die Deutschen

Diese Handball-EM ist eine mit ganz vielen Überraschungen, positive wie negative.

© Eibner/Felix König

Von Tino Meyer

Anzeige
So sparen Sie bei der Autoversicherung 

Haben Sie schon mal überlegt, wie Ihre Autoversicherung günstiger wird? Wer bis zum 30. November 2019 wechselt, profitiert von bis zu 15 Prozent Rabatt.

Sein Fazit gilt für alle und alles. „Das war ein echt verrücktes Turnier“, meint Roman Becvar, der zwar ohne Medaille von der Handball-Europameisterschaft zurückgekehrt ist. Er und die tschechische Nationalmannschaft gehören dennoch zu den Gewinnern. Die Frage ist jedoch, was denn nun die größte aller Überraschungen der vergangenen zwei Wochen war: dass Spanien und Schweden das Finale am Sonntagabend in Zagreb bestritten haben? Damit haben schließlich nicht mal die wagemutigsten Experten gerechnet (Partie endete nach Redaktionsschluss dieser Seite).

Oder ist es nicht vielmehr das Auftreten der Deutschen, die ihre Mission Titelverteidigung auf dem neunten Platz beendeten? Oder sind es doch Becvars Tschechen und ihr fast schon sensationelles Abschneiden? „Wir natürlich. Dass wir Sechster werden, hat erst recht niemand gedacht“, sagt der 26-Jährige, der beim HC Elbflorenz Dresden in der zweiten Bundesliga spielt – und eigentlich schon beim Neujahrsturnier seines Klubs am Wochenende wieder dabei sein sollte. War Becvar dann auch, aber ausschließlich als gefeierter Zuschauer.

Mehr Enttäuschte als Zufriedene

Die Glückwünsche reißen einfach nicht ab, und Becvar selbst wird wohl erst in ein paar Tagen richtig fassen, was da in Kroatien geschehen ist. „Der sechste Platz in Europa für uns ist top – die beste Platzierung seit 1996. Das ganze Land ist stolz, und ich bin richtig zufrieden“, meint Becvar, der in der internen Familienwertung damit auch seinen Vater überholt hat. Roman Becvar senior – unter anderem Spieler und Trainer bei Einheit Plauen – belegte mit der Nationalmannschaft bei der EM 1996 zwar auch den sechsten Platz, verlor das Spiel um Platz fünf damals aber 25:27 gegen Kroatien. „Da waren wir am Freitag ein Tor besser“, sagt der Junior lachend.

Mit 26:27 unterlag eine der großen positiven Überraschungen gegen die Gastgeber, die sich im Rückblick wiederum auf der Seite der schwer Enttäuschten wiederfinden – zusammen nicht nur mit den Deutschen. Auch Weltmeister Frankreich und Olympiasieger Dänemark, in der Vorrunde von Tschechien besiegt, hatten sich mehr erwartet, als das Spiel um Platz drei – das Frankreich 32:29 gewann. Vor allem glaubten beide nicht, im Halbfinale an den zuvor keineswegs überragenden Spaniern sowie Schweden zu scheitern.

Die Leistungsdichte aber, das ist eine der übergreifenden Erkenntnisse des Turniers, ist im Handball so groß wie nie. Die sogenannten Kleinen gibt es speziell in Europa nicht mehr, stattdessen entscheiden Tagesform und Kleinigkeiten. „Das Ziel war: uns jedes Spiel verbessern. Doch dann haben wir gezeigt, dass wir gegen die besten Mannschaften der Welt mithalten können. Das gibt mir und meinen Mitspielern noch mehr Selbstvertrauen“, sagt Becvar.

Bei Deutschland ist das Gegenteil passiert, was Becvar im Hauptrundenspiel gegen den nunmehrigen Ex-Europameister aus der Nähe miterlebt hat. Kein Selbstbewusstsein, keine Selbstverständlichkeiten, kein sogenannter Flow. Kein Rausch also, der eine Mannschaft durch das Turnier trägt. „Ich sage dazu besser nichts“, meint Becvar. Im Teamhotel hat er im Fernsehen die deutsche Pleite gegen Spanien verfolgt.

Reden soll er auch gar nicht, das müssen andere tun. Am Samstagabend hat beispielsweise der deutsche Verbandsvize Bob Hanning im ZDF-Sportstudio nach Erklärungen gesucht. Das Ergebnis: Bundestrainer Christian Prokop soll unbedingt eine zweite Chance erhalten, es vorher aber mit allen Beteiligten eine grundsätzliche Aussprache geben. Fakt bleibt also: Die Aufarbeitung hat gerade erst begonnen – auch für Becvar, nur hat sein ungläubiges Kopfschütteln gänzlich andere Gründe.