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Bessere Intensivmedizin

Vor allem in der Klinik Meißen sind die Sterberaten niedrig. Eine neue Offenheit hilft auch den Ärzten.

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© Claudia Hübschmann

Von Marcus Herrmann

Meißen. Längst spielen für kranke Menschen in Meißen, Riesa und Radebeul auch andere Dinge eine Rolle als die Nähe zum eigenen Wohnort oder die Empfehlung des Hausarztes, wenn es darum geht, wo sie sich behandeln lassen wollen. Auch ältere Patienten informieren sich im Internet, lesen Bewertungen durch oder prüfen Statistiken über die Qualität der Krankenhäuser. Gleiches gilt für niedergelassene Ärzte. Um diese Entwicklung nicht zu verschlafen, haben sich die drei Elblandkliniken bereits im Jahr 2011 dazu entschieden, interne Daten in Form eines Qualitätsberichtes jährlich und für jedermann zugänglich zu veröffentlichen.

„Wir erkennen, dass ein offener Umgang mit Statistiken zum Klinikkonzept, Sterberaten, aber auch Freundlichkeit und Service an den einzelnen Häusern von Patienten honoriert wird“, sagt Frank Ohi, Vorstand der Elblandkliniken. Einige würden sich deshalb ganz bewusst für die Behandlung in einem der Häuser entscheiden. Durchgeführt wird die Prüfung von der Initiative Qualitätsmedizin (IQM), einem Zusammenschluss führender Krankenhausträger in ganz Deutschland. Über 370 Hospitäler nehmen teil. Mithilfe innovativer Geräte bekommen Ärzte die Möglichkeit, Qualität durch fortlaufende Datenerhebungen zu messen. „Letztlich nutzen wir dafür die Abrechnungsdatensätze, die die Ärzte an die Krankenkassen schicken. Daraus ergeben sich dann die jährlichen Zahlen“, sagt Jörgen Weber, der die Datensätze am Meißner Elblandklinikum erfasst und auswertet.

Die Ergebnisse für das vergangene Jahr seien gerade veröffentlicht worden. Und durchaus positiv zu bewerten, sagt Weber. Ein Beispiel dafür ist die am Meißner Klinikum vor zwei Jahren aufgebaute Schlaganfall-Station. „Mit dieser im Landkreis einzigartigen Abteilung ist es uns auch 2015 gelungen, die Sterblichkeit nach Schlaganfällen niedrig zu halten“, sagt Frank Ohi.

Daten mit Vorsicht zu genießen

Zwar seien im letzten Jahr 9,3 Prozent der Patienten mit Schlaganfall und damit drei Prozent mehr als 2014 gestorben. Trotzdem liege man knapp unter dem Erwartungswert der IQM, der sich aus den Erkenntnissen der letzten Jahre ergibt. Deutlich höher liegt die Quote in Riesa, wo 2015 drei von 16 Schlaganfall-Patienten starben (18,8 Prozent), in Radebeul waren es 12,5 Prozent. Alle Werte seien allerdings mit Vorsicht zu genießen, sagt Jörgen Weber. Die Datensammlung dürfe nicht als Ranking oder Qualitätsbericht verstanden werden. „Dafür sind die einzelnen Patientengeschichten und die Anzahl der in den jeweiligen medizinischen Bereichen behandelten Menschen an den drei Standorten zu verschieden.“

Während in Meißen 2015 zum Beispiel 624 Schlaganfall-Patienten behandelt worden, seien es in Riesa nur 24 gewesen. Trotzdem liefere die Auswertung wertvolle Anhaltspunkte. „Wir haben uns im Bereich Kardiologie oder der Intensivmedizin deutlich verbessert“, macht Ohi deutlich. So konnte die Sterblichkeitsrate am Elblandklinikum in Riesa bei Blutvergiftung mit Organversagen im Jahresvergleich von 29,6 auf 24,3 Prozent gesenkt werden. Einen Spitzenwert bei der Diagnose Herzinfarkt liefert Meißen: Hier ist 2015 nur einer von 78 Patienten gestorben während es 2014 noch sechs von 77 waren. Nachholbedarf gebe es dagegen noch in der Unfallchirurgie, sagt Ohi. Denn die Statistik zeigt: 2015 starben in allen Kliniken zusammengenommen fünf Patienten bei einer Gallen-OP. Das sind zwei mehr als 2014.

Aufwand zahlt sich aus

Für die Chefärzte an den Elblandkliniken bedeute die freiwillige Transparenz zusätzlichen Aufwand. „Es gibt zwangsläufig mehr Diskussionsstoff, gerade dort, wo wir Verbesserungsbedarf sehen“, erklärt Frank Ohi. Trotzdem erkennen die Ärzte den Sinn hinter der ganzjährigen Datenerfassung, für die ein fünfstelliger Betrag kalkuliert werden müsse. So mancher Arzt schaue sogar mit Spannung und Vorfreude auf die Werte der IQM.

„Dinge klinikübergreifend zu analysieren, Einzelfälle zu hinterfragen und vom Erfahrungsaustausch unter Kollegen zu profitieren, sind wichtige Voraussetzungen für eine optimale Behandlung des Patienten“, sagt Chefarzt Philipp von Breitenbuch, Ärztlicher Direktor am Elblandklinikum Radebeul.

Gleichwohl räumt er sein, dass es anfangs gewöhnungsbedürftig gewesen sei, Abläufe an seiner Klinik gegenüber externen Chefärzten zu erläutern. Doch nur durch Vergleiche und Wissenstransfer unter den Kliniken könne auch die Behandlung verbessert werden. In Zukunft sollen speziell Pflegekräfte aktiv am Qualitätsmanagement teilnehmen. „Denn sie haben mehr Patientenkontakt als viele Ärzte. Darum müssen wir den Austausch unter Pflegern mehr fördern“, so Ohi.