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Bestechung auf höchster Ebene

Korrupte Funktionäre, vertuschte Dopingfälle: Nach mehreren Razzien sieht Biathlet Erik Lesser sogar Parallelen zur Fifa.

© dpa

Von Nicolas Reimer und Andreas Morbach

Bestechungsgelder an die Top-Funktionäre, 65 vertuschte Dopingfälle – und schon wieder führt die Spur nach Russland: Der Biathlon-Sport versinkt in einem gigantischen Korruptionssumpf und benötigt mehr denn je einen Neuanfang. Nach Razzien, die am Dienstag in der Zentrale des Weltverbands IBU in Österreich, dem Wohnsitz des Präsidenten Anders Besseberg in Norwegen sowie in Deutschland erfolgt waren, treten immer mehr Details zutage. So sollen die Machenschaften mindestens bis in das Jahr 2012 zurückreichen und viele russische Sportler – gedeckt von höchster Stelle – mit verbotenen Substanzen im Körper an der WM 2017 in Hochfilzen teilgenommen haben.

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„Wegen der Anwendung verbotener Substanzen, schweren Betrugs im Zusammenhang mit Doping sowie der Geschenkannahme von Bediensteten“ werde gegen Mitglieder des russischen Teams und zwei IBU-Funktionäre – die nicht benannten Besseberg und Generalsekretärin Nicole Resch – ermittelt. Dies teilte die in Österreich federführende Zentrale Staatsanwaltschaft zur Verfolgung von Wirtschaftsstrafsachen und Korruption mit. Durch Schmiergelder und „erschwindelte Preisgelder“ gehen die Ermittler von einem Schaden in Höhe von 275 000 Euro aus.

Das Internationale Olympische Komitee reagierte zurückhaltend und drückte sein „vollstes Vertrauen in die ermittelnden Behörden“ aus. Diese beschlagnahmten bereits am Dienstag Telefone, Computer und Dokumente von Besseberg, der sich keiner Schuld bewusst ist. „Ich denke, wir haben absolut im Einklang mit den Richtlinien gehandelt“, sagte der Norweger, einst selbst Biathlet, dem Fernsehsender NRK. Seine Ergänzung lässt Raum für Spekulationen: „Aber ich kann nicht sagen, ob die Ermittler das genauso sehen.“

NRK hatte ebenso wie die Zeitung Verdens Gang unter Berufung auf Ermittlerkreise berichtet, dass die IBU seit 2011 ungeheuerliche 65 Dopingfälle verheimlicht haben soll. Dafür, dies geht aus den bisherigen Ermittlungen hervor, sollen Gelder in Höhe von umgerechnet 240 000 Euro geflossen sein. „Das verstehe ich nicht. Ich habe keine Krone, keinen Euro und keinen Dollar von irgendeinem Russen angenommen“, sagte Besseberg.

Die Annahme stützt allerdings die Thesen, welche von der Welt-Anti-Doping-Agentur in einem 16-seitigen Bericht aufgestellt werden. Darin wird unter Berufung auf den russischen Doping-Whistleblower Grigori Rodtschenkow und einen nicht genannten Informanten ein verheerendes Bild gezeichnet. „Hinter den Praktiken stand die Absicht, die russischen Sportler zu schützen“, heißt es in dem Bericht: „Herr Besseberg und Frau Resch sind mitschuldig und sehr wohl über das falsche Verhalten des jeweils anderen im Bilde.“ Wahrscheinlich zogen sich auch deshalb beide vorerst zurück. Resch wurde für den Zeitraum der laufenden Ermittlungen von ihren Aufgaben entbunden, Besseberg teilte zudem dem IBU-Vorstand seinen vorläufigen Rücktritt mit. Beim nächsten IBU-Kongress im September könnte eine neue Führung gewählt werden, nach 25 Jahren im Amt tritt Besseberg dann ohnehin nicht mehr zur Wahl an.

Solche Strippenzieherei und das insgesamt undurchsichtige Treiben im Weltverband haben den deutschen Biathleten Erik Lesser bewogen, den eigenen Laden mal genau zu inspizieren. Kürzlich wurde er in die Athletenkommission der IBU gewählt. Interner Druck sei schön und gut, aber man könne auch nicht immer alles kleinreden. „Ich sehe es als meine, als unsere Aufgabe in der Athletenkommission an, die Stimme zu erheben, querzudenken, so ein bisschen die Opposition zu sein.“ Er fordert daher mehr Transparenz in der Kommunikation und ein klareres Bekenntnis der IBU im Kampf gegen Doping.

In einem Punkt sagt der Verfolgungsweltmeister von 2015 seinem vergleichsweise kleinen Verband sogar ähnliche Probleme nach wie der mächtigen Fifa. „Wenn man sich anschaut“, sinniert Lesser, „wie eine WM-Vergabe im Biathlon mittlerweile abläuft, wer letztlich gewählt wurde, oder wie oft eine Nation innerhalb von zwei Dekaden eine WM bekommt, könnte man vermuten, dass das nicht immer ganz demokratisch abläuft.“ (sid)