merken

Besuch mit dramatischen Folgen

Unangemeldet dringt ein Riesaer in eine Wohnung ein. Die Bewohner haben noch heute daran zu knabbern.

© dpa

Von Stefan Lehmann

Riesa. Kurz nach halb elf wird Simon P.* von einem Geräusch geweckt. Als er die Augen öffnet, sieht er, dass in der Küche nebenan Licht brennt. Der 26-Jährige steht auf, öffnet die Tür – und traut seinen Augen nicht. Vor ihm steht Henry K.* ein alter Jugendfreund, dem er erst vor ein paar Wochen wiederbegegnet war. „Es war damals Stadtfest, er war ziemlich betrunken und auf Krawall aus“, erinnert sich P. „Er wollte sich mit jedermann prügeln, auch mit mir.“ Mit derben Worten hätten er und seine Freunde K. bedeutet, sich zu verziehen.

Anzeige
Fit und ohne Erkältung durch den Winter
Fit und ohne Erkältung durch den Winter

Nicht nur ein gesunder Lebensstil, auch ein Griff in die Phytothek kann dabei helfen, den Körper zu stärken. Professionelle Beratung gibt es in den StadtApotheken.

Nun steht Henry K., ein hochgewachsener, kräftiger Typ mit Kurzhaarschnitt, also in der Wohnung, mitten in der Nacht – und will mit dem einen Kopf kleineren P. die offene Rechnung von damals begleichen. Als er bemerkt, dass Simon P.s Freundin ebenfalls in der Wohnung ist, trollt er sich. „Ich habe mich danach wieder hingelegt – ich musste ja um 4 Uhr aufstehen“, erklärt der Wohnungsbesitzer bei Gericht. Dass der skurrile Fall überhaupt dort verhandelt wird, liegt an drei Armbanduhren, die der 26 Jährige K. aus der Wohnung mitgehen ließ. Hätte es diesen Diebstahl nicht gegeben, wäre er möglicherweise ohne Anzeige davongekommen. Doch wie kam der Riesaer überhaupt in die Wohnung?

Für Henry K. beginnt der Tatabend im September 2017 in einer Bar. „Zu dem Zeitpunkt stand schon fest, dass ich auf Langzeit gehe“, sagt er und meint damit eine Langzeittherapie wegen seines Alkoholkonsums. Er trinkt etwas, ist aber nur „ein bisschen angedüdelt“, als ihm irgendwie in den Sinn kommt, P. noch einen Besuch abzustatten. Vor dem Mehrfamilienhaus im Riesaer Stadtzentrum klingelt er einfach. Doch der Mieter hört das nicht – er hat wie jede Nacht die Klingel abgestellt. Also probiert K. die anderen Klingeln an der Tür durch, bis ihm schließlich eine Mieterin öffnet. Einen anderen Mieter fragt er nach Simon P.s Wohnung. Danach hat der 26-Jährige leichtes Spiel: In der kleinen Hausgemeinschaft ist es üblich, den Schlüssel von außen an der Wohnungstür stecken zu lassen. Nur ein Handgriff, dann steht K. in der Wohnung.

Dort sackt er die Uhren ein. Der Hund des Bewohners – ein Mops – schlägt nicht Alarm, sondern lässt sich vom Eindringling kraulen. Warum er den Diebstahl begangen hat, kann K. heute selbst nur vage beantworten: „Ich wollte ihm vielleicht eins auswischen.“ Der Wert der Uhren, die er mitgenommen hat, ist nicht der Rede wert. Es sind Erbstücke, das mit Abstand wertvollste wird auf 75 Euro geschätzt. „Direkt daneben lagen noch ein paar richtig teure, die hat er liegen gelassen“, sagt Simon P. „Das Bargeld auf dem Tisch war auch noch da, deshalb habe ich den Diebstahl erst am nächsten Tag bemerkt.“ Am Abend nach dem Vorfall steckt Henry K. die Uhren auch wieder in P.s Briefkasten. Der hat da schon per Messengerdienst mitgeteilt, dass er K. angezeigt hat. Entschuldigt hat sich Henry K. bis zur Gerichtsverhandlung nicht.

Den Angeklagten lässt die ganze Geschichte augenscheinlich eher ungerührt. Es klingt fast, als sei es für ihn die größte Selbstverständlichkeit, nachts bei entfernten Bekannten in die Wohnung zu spazieren. Schwerer als der Stehlschaden wiegen andere Folgen. Simon P. hat sich mittlerweile zwei zusätzliche Schlösser für die Wohnungstür zugelegt, in der Hausgemeinschaft lässt niemand mehr den Schlüssel stecken. P.s Freundin leidet seit dem Vorfall unter Schlafstörungen, selbst die Zeugenaussage belastet sie sichtlich. Alleine schläft sie in der Wohnung überhaupt nicht mehr, sagt sie.

Aufhorchen lässt daher vor allem, dass Henry K. erst Tage vor der Gerichtsverhandlung noch einmal im Haus gewesen ist. „Er hat wieder bei den Nachbarn geklingelt und gefragt, ob ich da bin“, sagt Simon P. Er selbst habe das erst am nächsten Tag erfahren. Zu allem Überfluss soll er auch an diesem Abend wieder betrunken gewesen sein. Für Richterin Ingeborg Schäfer Grund genug, den Angeklagten zu warnen: „Wenn sich so was verfestigt, sind Sie schnell im Bereich des Stalking. Sie sollten sich das ein für alle Mal aus dem Kopf schlagen.“ Überhaupt hat der Mann Glück: Weil er sich offenbar nicht gewaltsam Zugang zu Hausflur und Wohnung verschafft hat, bleibt am Ende nur die Anklage auf Diebstahl bestehen. Dafür verhängt die Richterin letztlich eine Geldstrafe von insgesamt 600 Euro. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, die Staatsanwaltschaft behielt sich zunächst noch Rechtsmittel vor. Sie hatte eine Bewährungsstrafe sowie Arbeitsstunden für den Angeklagten gefordert.

* Namen geändert.