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Betreuungsgeld holt Kinder aus den Kitas

Die Einführung des von der schwarz-gelben Koalition geplanten Betreuungsgeldes würde jeden zwölften Haushalt veranlassen, Kinder aus der öffentlichen Tagesbetreuung herauszunehmen. Acht Prozent würden...

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Von Peter Heimann, Berlin

Die Einführung des von der schwarz-gelben Koalition geplanten Betreuungsgeldes würde jeden zwölften Haushalt veranlassen, Kinder aus der öffentlichen Tagesbetreuung herauszunehmen. Acht Prozent würden sie wegen der Prämie dann zu Hause betreuen, heißt es in einer gestern veröffentlichten Erhebung des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) Mannheim.

Bei den – oft Vollzeit arbeitenden – Eltern in Haushalten mit einer ganztägigen Kita-Nutzung würde sich durch das Betreuungsgeld kaum etwas ändern. Nur ein Prozent verzichte hier nach einer Reform auf Kinderbetreuung, so die Studie. Aber von den ursprünglich 19 Prozent der Haushalte, die eine halbtägige Kinderbetreuung nutzen, würden sich sieben Prozent dafür entscheiden, keine Betreuung mehr in Anspruch zu nehmen. Die Gegner des Betreuungsgeldes befürchten, dass Kinder aus sozial schwachen Familien nicht in Bildungseinrichtungen geschickt und damit benachteiligt werden.

„Reine Mitnahmeeffekte“

Nach den Plänen von Union und FDP sollen Eltern, die ihre unter drei Jahre alten Kinder zu Hause betreuen, rund 150 Euro im Monat bekommen. Umstritten ist vor allem, ob diese Leistung in bar oder als Gutschein ausgezahlt werden soll. Die CSU ist für eine Auszahlung, die FDP will ein Gutscheinsystem, damit das Geld auch den Kindern zugutekommt und nicht von den Eltern konsumiert wird.

Nach Ansicht von Bayerns Familienministerin Christine Haderthauer (CSU) diene das Betreuungsgeld dazu, finanziell die gesellschaftliche Anerkennung von Eltern auszudrücken, die ihre ureigenste Aufgabe, die Betreuung Ein- oder Zweijähriger, selber leisten. Und sie nicht dem Steuerzahler übergeben, der für jeden Krippenplatz 1000 Euro im Monat aufwenden müsse. „Das Betreuungsgeld soll gerade nicht lenken und nicht in die Familien eingreifen.“

Tut es auch nicht – jedenfalls, was den Arbeitsmarkt angeht. Auf die Erwerbstätigkeit der Mütter hat das Betreuungsgeld der Studie zufolge kaum einen Einfluss. Ein Großteil der jährlich mit etwa 1,4 Milliarden Euro veranschlagten Ausgaben für die geplante Familienleistung entfiele auf „reine Mitnahmeeffekte“. Das heißt, trotz der Geldzahlung verhielten sich die meisten Mütter auf den Arbeitsmarkt genauso wie ohne: „Es bleiben diejenigen zu Hause, die ohnehin nicht arbeiten würden.“

Annähernd jede zweite Frau, die in Teilzeit beschäftigt ist, wäre bereit, ihren Beruf aufzugeben, um sich ausschließlich der Kindererziehung zu widmen, berichtet das ZEW. Für hochqualifizierte Mütter gingen vom Betreuungsgeld dagegen kaum Anreize aus, zu Hause zu bleiben, da die Einkommenseinbußen bei eigener Kinderbetreuung deutlich höher ausfielen als 150 Euro im Monat.

Das Geld setzt falsche Anreize

Ein Gutteil des Geldes würde an Migrantenfamilien, Familien mit niedrigen Einkommen und Eltern mit niedriger Qualifikation fließen. Für diese Gruppen schaffe das Betreuungsgeld Anreize, auf die neu geschaffenen Betreuungsmöglichkeiten zu verzichten.

Es blieben dann gerade die Kinder Betreuungseinrichtungen fern, die etwa von Kinderkrippen und ähnlichen Einrichtungen am stärksten profitieren könnten. „Die Einführung eines Betreuungsgeldes könnte demnach die für richtig erkannte, frühe institutionelle Förderung für Kinder aus bildungsfernen Familien gefährden“, schreiben die Autoren. (mit AP)