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„Betritt der Lehrer den Raum, steht die Klasse auf“

Dutzende Asylbewerber lernen am Riesaer Berufsschulzentrum Deutsch. Die meisten wollen danach Fußballer werden – oder Autohändler.

© Sebastian Schultz

Riesa. Hunderttausende Migranten hoffen darauf, in Deutschland bleiben zu können. 44 von ihnen haben im vergangenen Jahr am Riesaer Berufsschulzentrum für Technik und Wirtschaft (BSZ) mit Deutschkursen begonnen. Die SZ sprach dazu mit Schulleiter Michael Hampsch.

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Wenn die Ferne ruft

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Herr Hampsch, die Kanzlerin sagt beim Thema Asyl „Wir schaffen das“. Wie sind Ihre Erfahrungen mit den 44 Asylbewerbern, die am BSZ Deutsch lernen?

Ich sage es mal so: Sowohl beim Bildungshorizont als auch bei der Erwartungshaltung an Deutschland und den Arbeitsmarkt gibt es eine extreme Schieflage.

Wie meinen Sie das?

Bei der Schulbildung unser 44 Teilnehmer in den Deutsch-als-Zweitsprache-Klassen (DAZ) gibt es große Unterschiede zu gleichaltrigen Deutschen. In manchen Ländern ist eben nur eine vierjährige Schulbildung üblich. Dazu kommen unrealistische Erwartungen an das Leben in Deutschland.

Tatsächlich?

Ja. Nehmen wir das Beispiel Fußball: Gefühlt jeder Zweite will im Land des WM-Siegers beruflich Fußball spielen. Ähnlich viele wollen Autohändler werden, weil sie eben deutsche Autos kennen. Unter einem Beruf wie dem Zerspanungsmechaniker oder dem Industriemechaniker aber können sie sich wenig vorstellen. Da wollen wir Orientierung bieten. Zuerst aber kommt das Deutsch lernen.

Wie klappt das?

Unterschiedlich: Das nötige Lehrpersonal haben wir sehr schnell zugewiesen bekommen, so dass es mit den 30 Stunden Unterricht pro Woche klappt. Das meiste sind Deutschstunden. Dazu kommt Sport, wo sich die Leute bewegen können und in der Gruppe ihre Kommunikation verbessern. Eine Kollegin bietet auch Kunstprojekte an, etwa das Arbeiten mit Ton.

Woran hapert es?

An der Kontinuität: Eigentlich bräuchte man zwei Jahre zum Deutsch lernen. Tatsächlich gibt es viel Fluktuation. 44 Asylbewerber im Alter bis zu 27 Jahre haben bei uns angefangen. Von dieser Altersklasse haben wir noch 32, dazu sollen bald unbegleitete Minderjährige kommen. Einige Teilnehmer verschwinden aber, ohne bei uns Deutsch gelernt zu haben. Womöglich tauchen die in Westdeutschland in Parallelgesellschaften ab. Das ist menschlich nachvollziehbar, aber ein Problem.

Wie klappt das Zusammenleben von Deutschen und Ausländern am BSZ?

Da gibt es überhaupt kein Problem. Mir sind keine ausländerfeindlichen Vorfälle bekannt, auch keine mit Drogen. Wenn es Ärger gibt, dann höchstens zwischen den Asylbewerbern selbst. Da hilft dann aber ein ernstes Gespräch, zur Not die Drohung mit der Polizei. Das wirkt.

Es gibt also einen Respekt gegenüber Autoritäten. Gilt das auch für Frauen?

Ja! Wir haben nur weibliche Lehrer für die DAZ-Klassen. Und wenn die Kolleginnen den Unterrichtsraum betreten, steht die ganze Klasse auf. Unsere Lehrerinnen sind im Übrigen tough genug, mit schwierigen Situationen umzugehen. Zum Verständnis: Bis auf zwei junge Frauen bestehen die zwei Klassen nur aus Männern.

War denn über das Deutschlernen hinaus in Riesa überhaupt schon eine Berufsorientierung möglich?

In Ansätzen. Bislang konnten wir drei DAZ-Schüler in Praktika vermitteln: einen Mann in einen metallverarbeitenden Betrieb in Großenhain, einen in ein Autohaus in Zeithain, eine Frau in eine Riesaer Kita. Bei allen gab es positive Rückmeldungen.

Wie geht es nun am BSZ weiter?

Für das neue Schuljahr planen wir mit vier DAZ-Klassen, also für etwa 75 bis 80 Schüler. Personell ist der Unterricht auch bereits sichergestellt. Ob wieder junge Erwachsene kommen oder Minderjährige, wissen wir noch nicht. Das wird sich zeigen.

Wie ist Ihre Prognose: Gelingt mit solchen Kursen die Integration?

Das ist schwer zu sagen. Die Lehrer geben ihr Bestes. Aber oft fehlt die Kontinuität beim Schulbesuch. Dabei sind die Sprache und der Einstieg ins Berufsleben unverzichtbar für eine erfolgreiche Integration. Integriert ist, wer eine Arbeit hat, eine Familie versorgen kann und sich vielleicht noch im Fußballverein einbringt. Das ist ein Prozess, bei dem die nachfolgende Generation womöglich bessere Chancen hat.

Gespräch: Christoph Scharf

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