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Biber auf dem Vormarsch

Immer öfter werden in Reichenbach Hinweise zum Nager gemeldet. Nun entsteht in der Kleinstadt ein Bibermanagement.

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© LPV

Von Constanze Junghanß

Ein schräg abgenagter Baumstumpf und drum herum ein Haufen Späne. Welcher „Holzfäller“ war da denn am Werk? Das fragte sich Martin Hennersdorf. Der Nieder Seifersdorfer entdeckte die markanten Fraßspuren kürzlich beim Spaziergang mit der Familie am Schwarzen Schöps. Und griff zum Fotoapparat. Das Bild liegt am Donnerstag vor Kay Sbrzesny. Lange überlegen muss der Mitarbeiter vom Landschaftspflegeverband Oberlausitz jedenfalls nicht. „Das war eindeutig ein Biber“, stellt er fest. Ob sich ein Biber auch tatsächlich am Schwarzen Schöps langfristig ansiedelt, bleibt offen. Denkbar jedenfalls wäre das, so der Kreisnaturschutzbeauftragte. Denn das zweitgrößte Nagetier der Erde siedelt sich immer öfter in der hiesigen Region an. Und ist offensichtlich mit großen Schritten sogar auf dem Vormarsch.

Eigentlich war der Biber – ebenso wie der Wolf – lange Zeit verschwunden. Vor rund 210 Jahren wurde der letzte Nager bei Leschwitz – heute Görlitz-Weinhübel – gesichtet. 1999 kam er wieder. Entdeckt wurde das erste Bibertier zu diesem Zeitpunkt bei Zodel. „Vermutlich erfolgte die Einwanderung der Tiere über die Oder, die Lausitzer Neiße und die Spree“, so der Ökologe. Seitdem gebe es eine stetige Ausbreitung entlang der Neiße und ihren Nebenflüssen. Dazu zählen mittlerweile selbst der Schwarze und der Weiße Schöps. Sichtungen und Fraßspuren gab es zudem jüngst nahe Zittau im Süden, am Löbauer Wasser, am Buchholzer Wasser in Vierkirchen bis hoch in den Norden bei Weißwasser.

Was den Naturschutz freut, ist für manche allerdings ein Problem. „Biber bauen Dämme“, sagt Kay Sbrzesny. Damit stauen sie Wasser an. Nutzflächen von Land- und Forstwirtschaft können überfluten und der Grundwasserstand steigen. Da Biber Vegetarier sind, verschmähen sie die eine oder andere Feldfrucht in Gewässernähe nicht. Und auf wenig Gegenliebe stoßen ihre Aktivitäten, wenn Obst- und Ziergehölze den scharfen Zähnen zum Opfer fallen. Es gibt sogar eine Stelle beim Kreis, die sich in solchen Fällen unter anderem mit der Regulierung von Schadensersatzansprüchen beschäftigt. Beim Landschaftspflegeverband in Reichenbach entsteht ein Bibermanagement, wie Verbands-Geschäftsführerin Katrin Appold gegenüber der SZ bestätigt. „Voraussichtlich im Frühjahr starten wir“, sagt sie. Gefördert werde das vorerst dreijährige Management vom Freistaat über EU-Mittel. Bei dieser Stelle sollen unter anderem Sichtmeldungen aufgenommen, Informationen gebündelt und zwischen Kommunen, Bürgern, Ämtern und Landwirten vermittelt werden.

Der Landschaftspflegeverband beschäftigt sich schon länger intensiv mit der Thematik. So führt er beispielsweise „Biberwanderungen“ durch und konnte fünf ehrenamtliche „Biberbetreuer“ für den Naturschutz gewinnen. Zusammen mit der Unteren Naturschutzbehörde vom Kreis brachte der Verband vor zwei Jahren die erste Broschüre zum Biber heraus. Über Schadensminimierung und bibersichere Baumschutzmaßnahmen ist da ebenso zu lesen wie über Schutzstatus und Lebensweise der bis zu 1,20 Meter großen Säugetiere. Die 1 000 Exemplare waren schnell vergriffen, wie Sbrzesny bestätigt. 2017 erschien deshalb eine Neuausgabe, in der zu den bisherigen noch weitere Verbreitungsgebiete ergänzt wurden. Zwar gibt es keine konkreten Zahlen, wie viele Biber tatsächlich in der Region heimisch sind. Nach aktuellem Stand wurden jedoch etwa 200 Biberreviere im Kreisgebiet nachgewiesen. „Pro Revier kann es sich dabei um ein Einzeltier, ein Paar oder eine Familie mit Jungtieren handeln“, erklärt Kay Sbrzesny den Grund, weshalb man die genaue Population nicht in genaue Zahlen fassen kann.

Die Tiere unterliegen einem strengen Schutz nach dem Bundesnaturschutzgesetz. Biberbau und Biberdämme dürfen nicht so ohne Weiteres rückgebaut werden. Dazu braucht es eine Genehmigung. Einfangen und Töten ist sowieso verboten. Vor zwei Jahren geriet ein Biber in Görlitz selbst in die Schlagzeilen. Der hatte sich aus unbekannten Gründen allein in eine missliche Lage gebracht. Das Tier steckte im Geländer der Altstadtbrücke fest. Hinzugezogen wurde die Polizei, die die Wildtierauffangstation vom Tierpark Görlitz zur Rettung hinzuzog. Eine Mitarbeiterin konnte den Festgesteckten befreien und unverletzt in die Neiße entlassen.