Teilen:

Biedenkopf sitzt in der ersten Reihe, darf aber nicht mitwählen

Parteitag in Hamburg. © dpa

Beobachtungen am Rande des CDU-Parteitags von SZ-Reporterin Annette Binninger

So sieht ein Sieger aus. Vladimir Klitschko, mehrfacher Boxweltmeister, ist auch nach Hamburg gekommen. Er sitzt auf der Gäste-Bank und schaut dem Geschehen zu, herzlich begrüßt von den Parteitags-Delegierten gleich zu Beginn des großen Treffens.

Als der Zug der tschechischen Staatsbahn am Donnerstagabend in Hamburg hält, steigt auch ein schmaler, älterer Herr mit viel zu großem blauen Hut heraus. Am Taxistand schaut er sich suchend um. Es ist Kurt Biedenkopf, der es sich nehmen lässt, auch bei dieser Wahl noch einmal dabei zu sein. Er darf zwar nicht mitwählen, aber als Ehrenmitglied seiner CDU sitzt der ehemalige Generalsekretär und spätere sächsische Ministerpräsident dann doch noch einmal in der ersten Reihe im Plenarsaal. In wenigen Wochen wird er 89 Jahre alt.

Wenn Sachsen seine gastronomischen Fachkräfte sucht, die in den heimischen Restaurants, Kneipen und Biergarten so dringend fehlen - hier, in Hamburg wären noch zwei Exemplare, die man nach Hause holen könnte. Ein Dresdner und ein Vogtländer servieren den 30 sächsischen Delegierten, die sich am Vorabend im Dorint-Hotel versammelt haben, an der Hotel-Bar die Drinks. Wenn sie im Freistaat besser verdienen würden, kämen sie vielleicht wieder zurück.

Es gibt Geschenke für Angela Merkel. Kurz nach ihrer Abschiedsrede gibt es zwar nicht mal einen Blumenstängel – dafür sehr, sehr langen Applaus, der vielleicht länger „wärmt“ als manches gute Wort oder Geschenkt. Doch ein paar Minuten später bekommt die Kanzlerin und Musikfreundin vom nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten und CDU-Vize Armin Laschet ein Erinnerungsstück an den durch schwere Randale erschütterten G20-Gipfel. Sie erhält den Dirigentenstab von Musikgenie Kent Nagano, der damit Beethovens Neunte in der Hamburger Philharmonie dirigierte, vor den Staatschefs dieser Welt. Der schlichte Stab ist fein gerahmt, auf weißem Grund. Angela Merkel hat also weiter das Gefühl, das ganz große „Orchester CDU“ doch noch weiter dirigieren zu dürfen.

Am lockersten ist an diesem Tag Jens Spahn gestimmt. Auch er habe die Umfragen gesehen. „Aber es fühlt sich richtig an, hier zu stehen.“ Er sei etwas gelassener geworden, sagt der 38-Jährige bei seiner Vorstellungsrede. Und am Ende erhält er so viel Applaus, dass manche fürchten, er könnte damit so viele Sympathiepunkte gesammelt haben, dass es doch noch für den Vorsitz reichen könnte.

Der Blazer von Annegret Kramp-Karrenbauer erregt die Gemüter auf diesem Parteitag. Nicht etwa, weil es manche das schwarz-weiße Karo-Streifen-Muster inklusive Schulterpolser als modischen Fauxpas sehen, sondern weil sich etliche Fernsehjournalisten bei diesem Anblick besorgt fragen, wie sie das Flimmern, das solche Muster im Fernsehen versucht, verhindern können. „Da hilft nur eines“, stöhnt ein TV-Kollege. „Sie darf es einfach nicht werden.“

Keine prophetischen Gaben bewies das ZDF in der Nacht vor dem Parteitag, auch wenn es kurzzeitig so aussah. Der Programmhinweis auf die Sondersendung „Was nun, Herr Merz?“ mit Fragen an den neuen CDU-Vorsitzenden wurde dann doch etwas vorfristig öffentlich gemacht. Und so wuchs der Spott bei Twitter. Letztlich war es eine Panne. Und das ZDF wusste auch nicht mehr als andere.

Abstimmen am eigenen Sitzplatz, gleich im Plenarsaal. Die CDU machts möglich. Und so hatte bei diesem Parteitag jeder seine kleine portable Wahlkabine quasi „am Mann“ und „an der Frau“. Das ersparte zugleich den Gang zur Wahlkabine wie sonst. Eine echte Zeit- und Energie-Ersparnis.