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Bienenhotel statt Insektengift

Sachsens Obstbauern sehen sich im Zusammenhang mit dem Weinskandal zu Unrecht an den Pranger gestellt.

© Marko Förster

Von Peter Anderson und Jörg Richter

Riesa. Die Neuerung kommt unscheinbar daher. Auf den ersten Blick wirkt sie wie ein leicht verwilderter Buddelkasten. Doch was soll der hier, mitten in einer Obstplantage? Der Geschäftsführer des Landesverbandes Sächsisches Obst Udo Jentzsch kann diese Frage beantworten. Er weist auf winzige Löcher in der Abbruchkante oberhalb der Sandfläche hin. Wildbienen und andere Insekten können dort ihre Nester bauen. Im Unterschied zur Honigbiene beginnen sie bereits im März mit dem Bestäuben. Bis zu 5 000 Blüten befruchtet ein Exemplar täglich – und das auch bei Kälte und bedecktem Himmel.

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Mit Nistkästen und Bruthilfen für Vögel …
Mit Nistkästen und Bruthilfen für Vögel … © Landesverband Sächsisches Obst
… sowie Insekten versuchen die Hersteller …
… sowie Insekten versuchen die Hersteller … © Landesverband Sächsisches Obst
… nun in einer großangelegten Aktion, …
… nun in einer großangelegten Aktion, … © Landesverband Sächsisches Obst
…den Einsatz chemischer Mittel noch weiter zu minimieren.
…den Einsatz chemischer Mittel noch weiter zu minimieren. © Landesverband Sächsisches Obst

Natürliches Gleichgewicht als Ziel

Zusammen mit Insektenhotels, Hecken und Totholzhaufen sind die Nisthilfen Teil eines großangelegten Projekts der sächsischen Obstbauern. Sie wollen in den nächsten Jahren die Artenvielfalt in ihren Anlagen erhöhen. Ein natürliches Gleichgewicht soll entstehen, das wiederum hilft, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu verringern – zum Schutz der Umwelt und des Verbrauchers.

Damit ist Jentzsch an dem Punkt angelangt, dessentwegen er zu einem Pressetermin in eine Obstplantage eingeladen hat. Sachsens Verbandsgeschäftsführer sieht seine Branche zu Unrecht an den Pranger gestellt. „Die Berichterstattung verweist wiederholt darauf, dass das Insektenmittel Dimethoat im Obstbau angeblich angewendet werden darf“, kritisiert Jentzsch. Dies sei jedoch falsch und rücke die Produzenten in ein schlechtes Licht. Dimethoat ist in Deutschland im Obstbau seit mehreren Jahren verboten und darf nicht benutzt werden.

Was für Äpfel, Kirschen und Erdbeeren gilt, trifft auch auf den Weinanbau zu. Trotzdem war Anfang 2016 bekannt geworden, dass sächsische Weine Rückstände des unerlaubten Pflanzenschutzmittels enthielten. Im Laufe der nächsten Monate kam schrittweise ans Licht, dass in mindestens rund einem halben Dutzend sächsischer Betriebe mit illegalen Mitteln gearbeitet worden war. Obgleich nicht gesundheitsschädlich wurden in der Folge Hunderttausende Liter belasteten Weins aus dem Verkehr gezogen. Umsatzausfälle in Höhe von mehreren Millionen Euro für die Weingüter waren die Folge. Selbst Winzer, die nicht direkt betroffen waren, hatten mit Einbußen zu kämpfen. Erst vor wenigen Wochen wurde bekannt, dass ein großer sächsischer Weinhersteller gerichtlich prüfen lässt, ob die Behörden bei der Aufarbeitung der Dimethoat-Affäre korrekt gearbeitet haben.

Jentzsch, dessen Verband 83 Betriebe aus Sachsen und Sachsen-Anhalt repräsentiert, ärgert das erneute Aufwärmen der Geschichte. In seinen Augen ist ein solches Verhalten inkonsequent. Wenn eine Person oder eine Firma – gleich ob es Landwirtschaft, Gartenbau oder Weinbau betreffe – ein nicht zugelassenes Pflanzenschutzmittel einsetze, müsse sie alle Konsequenzen tragen. So lautet seine Ansicht. Für die eigene Branche nimmt er in Anspruch, stets korrekt zu arbeiten.

Obsthof Ibisch setzt auf Blühstreifen

Im Obsthof Ibisch in Blattersleben hat man ebenfalls die Zeichen der Zeit erkannt. Mitinhaber Martin Ibisch setzt aber nicht auf ausgediente Buddelkästen, um Wildbienen ein zu Hause zu geben. Der Obsthof Ibisch hat bereits letztes Jahr damit begonnen, neben den Obstplantagen drei Meter breite Blühstreifen anzulegen. Im Handel werden dafür spezielle Saatmischungen mit 40 verschiedenen blühenden Wiesenpflanzen angeboten. „Wir wollen so dem Insektensterben entgegenwirken, damit die Artenvielfalt erhalten bleibt“, sagt Martin Ibisch. Wildbienen, Hummeln und andere Nützlinge sollen in den Blühstreifen heimisch sein und ganz nebenbei die Obstbäume bestäuben und schützen, auch wenn das für die Blatterslebener zusätzliche Investition und Arbeit bedeutet.

Zusätzlich strengere Vorgaben

Sachsens Obstbauern spielen in einer höheren Liga als ihre Winzerkollegen. Im Jahr 2016 ernteten die mitteldeutschen Erzeuger knapp 123 000 Tonnen Obst auf einer Fläche von gut 4 380 Hektar. Sachsens Weinanbaugebiet erstreckt sich dagegen lediglich über knapp 500 Hektar. Der Ertrag dürfte um die 3 500 Tonnen liegen.

Strenge Vorgaben kommen zusätzlich von den riesigen Obst-Kühlhäusern, die zahlreiche Supermarktketten beliefern. Bereits seit 1994 wirtschaften die Mitglieder des Landesverbandes Sächsische Obst deshalb nach den Richtlinien für kontrollierten, integrierten Anbau. Nützlinge werden gefördert und Pflanzenschutzmittel erst eingesetzt, wenn eine bestimmte Schadschwelle erreicht ist. Und auch dann nur ganz gezielt und mit der Wetterprognose abgestimmt. Ergänzend kommt ein engmaschiges Netz an Proben hinzu. Die Ausgaben dafür summierten sich mittlerweile auf einen höheren fünfstelligen Betrag, sagt Jentzsch.