merken

Döbeln

Bildung als bestes Mittel gegen Antisemitismus

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland redet im Lessing-Gymnasium über zunehmende Intoleranz.

osef Schuster., Präsident des Zentralrats der Juden, hat in der Aula des Lessing-Gymnasiums gesprochen. Sein Vorgänger Ignaz Bubis war vor 20 Jahren in Döbeln.
osef Schuster., Präsident des Zentralrats der Juden, hat in der Aula des Lessing-Gymnasiums gesprochen. Sein Vorgänger Ignaz Bubis war vor 20 Jahren in Döbeln. © Lars Halbauer

Von Dagmar Doms-Berger

Döbeln. Döbelner Gymnasiasten wissen mehr. „Was das Lessing-Gymnasium Döbeln mit seinem Kurs zu jüdischer Geschichte und Kultur leistet, ist außergewöhnlich und ein Alleinstellungsmerkmal“, sagt Josef Schuster (65). „Und es ist wunderbar, dass das Lessing-Gymnasium auch noch andere Menschen an diesem Wissen teilhaben lässt. Vor der Internetseite, die aus dem Kurs entstanden ist, kann ich nur den Hut ziehen.“ 

Gesund und Fit
Gesund und Fit

Immer gerne informiert? Nützliche Informationen und Wissenswertes rund um das Thema Gesundheit haben wir in unserer Themenwelt zusammengefasst.

Der Wahlgrundkurs erstellt seit vielen Jahren eine der umfangreichsten und mehrfach ausgezeichneten Dokumentationen zum Thema Judentum im deutschsprachigen Raum. Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, war am Mittwoch zu Gast am LGD und hielt eine Festrede aus Anlass des 150. Geburtstag des Döbelner Gymnasiums. Sein Amtsvorgänger Ignaz Bubis besuchte das Gymnasium vor 20 Jahren.

Schuster erinnert in seiner Rede an die Vorgänge in Chemnitz, redet über Ausgrenzung und konkret über einen Vorfall in Hannover, wo einem jüdischen Ehepaar die Fußmatte angezündet und der Zaun mit „Jude“ beschmiert wurde. Intoleranz und Antisemitismus seien auf dem Vormarsch, so Schuster. Ängste verspürten auch die jüdischen Gemeinden. 

Die polizeiliche Statistik zeigt, dass es im Schnitt im vergangenen Jahr einmal wöchentlich eine Gewalttat gegen Juden gab, 1800 antisemitische Straftaten insgesamt. Die meisten gehen auf das Konto von Rechtsextremisten. Für die gesellschaftliche Klimaverschärfung macht er vor allem die AfD verantwortlich. Bildung und Aufklärung, so wie es das LGD bereits praktiziert, hält er für das wichtigste Instrument, um dagegen vorzugehen. Unwissenheit fördere Vorurteile und die wiederum hätten Ablehnung zur Folge. „Es erfordert vor allem Mut“, sagt Schuster. Das fange im Kleinen an. Etwa die Stimme zu erheben, wenn wieder mal jemand einen Witz über Juden gemacht hat.

Dr. Josef Schuster wurde 1954 in Haifa, Israel, geboren. In den 1930er-Jahren hatte seine Familie nach massiven Diskriminierungen und KZ-Aufenthalten die unterfränkische Heimat verlassen. Als Schuster zwei Jahre alt war, kehrte er in die Heimat zurück. Sein Vater baute die jüdische Gemeinde wieder mit auf. „Ich habe mich hier immer zu Hause gefühlt“ sagt er auf Anfrage. „Für uns war es nie ein Thema, zu gehen. Der Holocaust war ein Thema in der Familie, aber nie dominant.“ Der Zentralratsvorsitzende arbeitet trotz der Belastung seines Amtes noch immer als niedergelassener Internist in Würzburg und ist mehrmals im Monat nachts im Notarztwagen unterwegs. Das Amt des Präsidenten ist ein Ehrenamt.

Verschweigen will Schuster nicht, dass die Intoleranz, die die jüdische Gemeinschaft zunehmend verspürt, zu einem Teil von Muslimen ausgeht. Schuster wehrt sich dagegen, Muslime unter Generalverdacht zu stellen. Unter den Migranten aus dem arabischen Raum sei aber eine tiefe Abneigung gegenüber Israel und Juden generell sehr verbreitet. Die Feindschaft zu Israel gehöre zur Staatsräson, auf Landkarten etwa gebe es den Staat Israel nicht.

Das Wissen über das Judentum und den Holocaust sei bei vielen sehr begrenzt. Das zeigt eine repräsentative Umfrage im Auftrag der Körber-Stiftung von 2017. Danach wissen vier von zehn Schülern nicht, wofür Auschwitz steht. „Das ist erschreckend und ein Missstand in der deutschen Bildungslandschaft“, so Schuster. Er sieht daher Handlungsbedarf in den Schulen. 

Der Zentralrat der Juden versucht, Projekte anzuschieben, etwa durch eine Kooperation mit der Kultusministerkonferenz. Dazu gehört auch die Aus- und Weiterbildung von Lehrern. Die Begegnung mit Zeitzeugen, die wohl jeden emotional anspricht, sowie der Besuch von Konzentrationslagern seien weitere wichtige Bausteine gegen das Unwissen. Der Zentralrat hat darüber hinaus das Projekt „Likrat“ gestartet, bei dem jüdische Jugendliche in Schulklassen gehen und Fragen zum Judentum beantworten.

Mehr zum Thema Döbeln