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Unser Sohn, der Lügner?

Eltern machen sich Sorgen, weil ihr Sprössling ständig die Unwahrheit sagt. Was tun? Kinderpsychiater Veit Rößner weiß Rat.

Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Dr. med. Veit Rößner vom Uniklinikum Dresden
Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Dr. med. Veit Rößner vom Uniklinikum Dresden © SZ

Unser Sohn (4) lebt in einer Fantasiewelt. Ständig behauptet er Dinge, die nicht stimmen. Er ist dabei fast immer selbst von seinen Schilderungen überzeugt. Wo ist die Grenze zum Lügen? Ich bin genervt und mache mir Sorgen, dass es Dritten mit ihm ähnlich geht.

Nicht selten sorgen sich Eltern, wenn ihr meist noch junges Kind plötzlich Geschichten erzählt und dabei oft tatsächlich Erlebtes durch seine „magischen Vorstellungen“ zu erklären oder ergänzen versucht. Sie haben die Befürchtung, ein Kind mit zu viel Fantasie lebe nicht in der Realität, es nehme es mit der Wahrheit nicht so genau. Der Weg, sich zu einem Lügner zu entwickeln, scheint geebnet. Hier kann ich aber Entwarnung geben.

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Denn das kindliche Denken zwischen dem dritten und fünften Lebensjahr wird mitunter auch als magische Phase bezeichnet. Diese Phase kann sich – dann meist stark abgeschwächt oder auf bestimmte Teilbereiche beschränkt – im Einzelfall auch darüber hinaus erstrecken. Für Eltern kann das eine Herausforderung sein.

In der kindlichen Vorstellung ist während der magischen Phase fast alles möglich. Wünsche, Gedanken, Schönes, aber auch Schauriges und Befürchtungen werden Teil der Wirklichkeit. In der kindlichen Vorstellung regnen Wolken, weil sie traurig sind. Oder das Kind kann plötzlich eine Fremdsprache. Ein anderes Kind befürchtet auf der Toilette, der Sog des abfließenden Wassers könnte es ins Dunkel ziehen. Oder es nimmt sogar an, dass ein Elternteil erkrankt ist, weil es nicht lieb war. Gedanken und das eigene Tun werden mitunter als Ursache für Geschehnisse wahrgenommen. Manche Kinder fürchten, dass andere Menschen, aber auch Fabelwesen, Dinge geschehen lassen können. In Fachkreisen sprechen wir von einer in sich stimmigen „magischen Logik“. Sie sehen also: nicht wenige alterstypische Ängste und Befürchtungen, aber auch so manche Überraschungen, Wünsche und Erwartungen, kann man sich mithilfe der magischen Phase erklären.

Für Eltern ist das „magische Denken“ ihres Kindes sicher nicht immer leicht zu verstehen. Solange es sich wohlfühlt, keine Probleme wie zum Beispiel Ausgrenzung durch Gleichaltrige erfährt und anderen nicht schadet, können Sie entspannt bleiben. Das Gleiche gilt auch für die alterstypischen Ängste der magischen Phase, die nun wieder manche elterliche Nachtruhe unterbrechen.

Falls bei Ihrem Kind jedoch die unschönen Facetten zunehmend alltagsbestimmend werden, sollten Sie zunächst die Aussagen korrigieren. Sie sollten etwa erklären, dass Eltern nicht krank werden, nur weil Kinder wütend waren oder nicht gehört haben. Entscheiden Sie aber selbst, was Sie zum Beispiel auf die Frage nach der Existenz von Fabelwesen antworten. Sie können wählen zwischen „Ich glaube nicht an Geister“ oder „Erwachsene glauben meist nicht an Geister“ oder „Man kann an Geister glauben oder nicht.“

Doch auch wenn Ihnen manche Geschichte Ihres Kindes besonders fantasievoll erscheint oder Sie sogar nervt: Tun Sie diese keinesfalls als Lüge ab. Dies überfordert ein Kind, das entwicklungsbedingt selbst noch schwer zwischen Glaube und Realität unterscheiden kann. Nehmen Sie Ihr Kind ernst, bleiben Sie ihm zugewandt und vertrauen Sie auf Ihre Intuition. Einige Eltern berichten, diesen ängstlichen Respekt ihres Kindes erzieherisch zu nutzen, indem sie etwa mit Hexen oder Ähnlichem drohen. Davon rate ich ab, unter anderem, weil es dem Kind dann im Abklingen der Phase schwerer fallen kann, zwischen Realität und Fantasie zu unterscheiden. Denn die eigenen Eltern haben eine tatsächliche Gefahr von Hexen ja immer wieder betont.

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Bei den allermeisten Kindern gewinnt etwa ab dem fünften Lebensjahr das realistische Denken allmählich die Oberhand. Bis zur Schuleinführung entwickeln sie sogar einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn oder besser Richtigsinn. Infolgedessen entwickeln sie ein großes Interesse an möglichst realistischen Zusammenhängen.

Haben auch Sie eine Frage an den Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Dr. med. Veit Rößner vom Dresdner Uniklinikum? Schreiben Sie an die Sächsische Zeitung, Nutzwerk, 01055 Dresden oder eine Mail an [email protected]

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