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Schluss mit dem Mathe-Trauma

Beim Thema Zahlen stellen sich bei vielen die Nackenhaare auf. Ein Lerncoach erklärt, wie Mathematikfrust entsteht und zeigt Auswege.

Hurra, ich kann es endlich! Einfach die Vier in Drei und Eins zerlegen, so lässt sich die Aufgabe einfacher rechnen.
Hurra, ich kann es endlich! Einfach die Vier in Drei und Eins zerlegen, so lässt sich die Aufgabe einfacher rechnen. © dpa/Karl Mittenzwei

Sie sitzen in jeder Schulklasse und in jeder Bildungsstufe – Schüler, die glauben, für Mathematik völlig ungeeignet, sogar zu blöd zu sein. Doch Mathematikfrust hat tiefere Ursachen, sagt Georg Burkhard, Lerncoach und Nachhilfelehrer aus Graz, in seinem Buch Mathe ohne Angst. Er fand heraus, dass dieser Frust ein langsamer und schleichender Prozess der Machtlosigkeit und des Ausgeliefertseins ist. Die Enttäuschung beginnt meist unbewusst und steigert sich.

Doch das muss nicht so bleiben. Burkhard spricht aus Erfahrung. Er liebt zwar die Mathematik und hat es schon immer getan. Doch sein Problem waren die Sprachen: Deutsch-, Latein- oder Englischarbeiten wurden bestenfalls mit einer Note vier bewertet, das war für ihn schon ein Erfolg. Deshalb kann er sich gut in Schüler mit Problemfächern hineinversetzen. Sein Buch hilft ihnen aus der Angst.

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Der Reiz von Mathematik

In diesem Fach geht es darum, Muster und Zusammenhänge zu finden, zu erkennen und zu verstehen. Sachverhalte, Überlegungen und Theorien sollen in so einfachen Worten wie möglich dargestellt und zum Ausdruck gebracht werden. „Deshalb ist Mathematik die Wissenschaft davon, es sich so einfach wie möglich zu machen“, so Burkhard. Auch wenn das für manche wie Hohn klingen mag. Seien diese Muster gefunden und verinnerlicht, sei alles fast nur noch ein Kinderspiel. Doch in der Regelschule werde das nicht gut genug gefördert, zumindest für die Schüler, die Schwierigkeiten mit der Mathematik haben.

In all den Jahren des Unterrichts habe es nur wenige neue Ansätze gegeben. Obwohl viele Menschen Alternativen, neue Wege und neue Modelle entwickelt haben, fanden sie so gut wie gar keinen Einzug in das Regelschulsystem. Junge Menschen müssten mit ihrer natürlichen Neugier an die Wissenschaft Mathematik herangeführt werden, dann eröffneten sich ungeahnte Räume und Möglichkeiten. „Auch wenn niemals alle Schüler gleichermaßen für das Fach brennen werden, können drei begeisterte, glühende und leidenschaftliche Mathematiker mehr bewirken als hundert Personen, die alle dasselbe lernen mussten und sich nicht nach ihren Bedürfnissen ihren Lernstoff aussuchen durften.“

Erst Resignation, dann pure Angst

Der Mathematikunterricht ist so aufgebaut, dass zum Beispiel mit Grundrechenarten begonnen wird und sich darauf alle anderen Anwendungen aufbauen. Hat aber ein Schüler die Division nicht verstanden, hat er künftig auch Probleme mit Brüchen oder Prozenten. Je früher man den Anschluss verpasst, umso gravierender sind die Folgen. So individuell das Lerntempo bei den Menschen ist, so individuell müssten manchmal auch die Erklärungen ausfallen, damit alle den Stoff verstehen.

Für die meisten Lehrer in der Regelschule eine unmögliche Herausforderung. So komme es, dass Kinder resignieren, was sich dann in Versagensängste steigert. Burkhard empfiehlt deshalb, jede nur mögliche Unterstützung zu nutzen, die dem Kind guttut, um ein nicht verstandenes Aufgabenfeld zu begreifen. Eltern, ältere Schüler, Lerncoaches oder Nachhilfelehrer könnten solche Quellen sein.

Es gibt einen Ausweg

Um aus dem Mathe-Trauma herauszukommen, müsse man zunächst herausfinden, worin die Ursache dafür liegt. Etwa vier Prozent der Schüler haben eine Rechenschwäche, Dyskalkulie genannt, die meist genetisch bedingt ist. Diese Lernschwäche lässt sich diagnostizieren und fachkundig behandeln. Für diese Kinder sind die Empfehlungen von Georg Burkhard nur bedingt nutzbar. Sie werden die Betroffenen nicht aus ihrem Mathe-Problem herausführen. Für alle anderen können sie aber sehr hilfreich sein. Burkhard rät zu analysieren, bis wohin der Stoff verstanden wurde. Ab welchem Punkt begann es, dass Mathematik als schwierig wahrgenommen worden ist? Er motiviert auch, auf das bisher Erreichte positiv zu schauen.

Das verändert die Perspektive, die innere Einstellung zu dem Fach, nach der Devise: Was bis dahin gelungen ist, gelingt auch mit dem Rest! Es ist nur eine Frage der richtigen Erklärung. Deshalb widmet der Autor etwa die Hälfte seines Buches dem Erklären mathematischer Grundlagen – in verschiedenen Versionen, um das Verstehen zu fördern. Er bietet Eselsbrücken und nennt die Grundsätze, die eine bestimmte Aufgabenstellung mit anderen vergleichbar machen. Begonnen bei den Grundrechenarten, über Kommaverschiebung bis hin zur Umrechnung von Maßeinheiten und dem Umstellen von Formeln zeigt er Wege auf, die zum Ziel führen. Einen großen Raum nimmt auch das Kopfrechnen ein. Durch Rundungen und Überschlagsrechnungen soll der Schüler (der auch ein Erwachsener sein kann) lernen, eine Vorstellung von Zahlenwerten und Mengen zu erwerben. Sie seien die Grundvoraussetzung für erfolgreiches Kopfrechnen.

Erleichterungen für den Alltag

Burkhard rät, eine bestimmte Schriftform für das Lösen von Aufgaben zu nutzen, um jeden Rechenschritt nachvollziehbar zu machen und Fehlern eher auf die Spur zu kommen. Der Autor ist ein Fan von Skizzen. Das Aufzeichnen von Problemstellungen – sowohl beim Rechnen als auch in der Geometrie – hilft beim Verstehen.

In einem Bild lasse sich zum Beispiel farblich markieren, welche Größen bereits bekannt sind. Wichtig sei, dass die Skizze für einen selbst verständlich und eine Hilfe ist. „Mache dir keine Gedanken, ob jemand anderes sie lesen oder verstehen kann, sie muss nur für dich passen.“ Motivieren möchte er auch dazu, seine Scheu zu überwinden und im Unterricht sofort nachzufragen, wenn etwas nicht verstanden wurde. Dann erhält auch der Lehrer das nötige Feedback und kann den Stoff anders vermitteln. Es zu Hause allein nacharbeiten zu wollen, gehe oft schief.

Strategien für die Zukunft

Es gibt immer wieder Dinge, die man sich einfach nicht merken kann. Auch dazu liefert das Buch Empfehlungen. Haftnotizen an allen möglichen Orten seien ein gutes Mittel, wie er sagt. Lernen sei auch Zeitmanagement. Deshalb lernt man möglichst in Intervallen, die auch Belohnungen bereithalten, wenn ein bestimmter Meilenstein geschafft ist. Der Wunsch von Georg Burkhard ist: „Dass es eine Veränderung in deiner Sichtweise auf das Schulfach gibt und du irgendwann – vielleicht auch nur leise und im Geheimen für dich alleine – sagen kannst: Mathe mag ich.“

Massive Lernstörung ist selten

  • Eine Dyskalkulie, die Rechenschwäche, ist meist genetisch bedingt. Etwa vier Prozent der Schüler sind davon betroffen. Je früher eine fachkundige Therapie und Förderung einsetzt, umso weniger prägt sie den Alltag.
  • Den betroffenen Kindern fällt es schwer, die Grundrechenarten zu erlernen. Sie haben auch Probleme mit Mengen und Zahlen, können Mengen nicht gut einschätzen und vergleichen. Sie schaffen es oft nicht, Gegenstände abzuzählen und die Zehnerübergänge zu verstehen.
  • Für eine Diagnostik wenden sich Eltern an Ärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie oder -psychotherapie beziehungsweise an das zuständige Schulamt. Es gibt verschiedene testpsychologische Untersuchungen, Intelligenztests und Verfahren zur Erhebung der Rechenfähigkeit.
  • Bei anerkannter Dyskalkulie gibt es die Möglichkeit von Nachteilsausgleichen, zum Beispiel mehr Zeit bei Arbeiten. Der Landesverband Legasthenie und Dyskalkulie in Sachsen berät bei der Therapeutensuche und bei anderen Unterstützungsmaßnahmen.

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