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Leben und Stil

Sitzenbleiben kratzt am Selbstwertgefühl

Durch Corona-Lücken überlegen viele, das Schuljahr zu wiederholen. Eltern können Kindern dabei die Ängste nehmen.

Ich habe mich so angestrengt, und es hat trotzdem nicht gereicht.
Ich habe mich so angestrengt, und es hat trotzdem nicht gereicht. © 123rf

Am Freitag haben Sachsens Schüler ihre Zeugnisse bekommen – für ein Schuljahr, das sie zum Großteil zu Hause oder im Wechselunterricht verbracht haben. Zwar waren die Lehrer angehalten, die besonderen Umstände dieses Corona-Schuljahres bei der Benotung im Hinterkopf zu bewahren und die Zensuren im Sinne des Schülers zu vergeben. Aber was nicht oder nur mangelhaft da ist, lässt sich auch nicht schönzensieren. „Fakt ist, dass die Wissens- und Lernstände sehr unterschiedlich ausgeprägt sind“, sagt Dr. Susann Meerheim vom Kultusministerium Sachsen. Inwieweit die einzelnen Leistungen auseinanderklaffen, sollen die Lehrer nach den Ferien weiter individuell erheben.

Wie viele Schüler nicht in die nächste Klasse versetzt wurden – dazu kann das Kultusministerium erst im Oktober etwas sagen. Genau so wenig ist bereits bekannt, wie viele Schüler freiwillig das Schuljahr wiederholen werden. Wird ein Schulkind nicht in die nächste Klasse versetzt, müssen das nicht nur die Eltern verkraften, sondern vor allem der Schüler selbst. Viele empfinden Scham und Versagensängste.

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„Sitzenbleiben kratzt für viele Kinder an ihrem Selbstwertgefühl – insbesondere, wenn die Angst dazukommt, es im neuen Schuljahr wieder nicht zu packen“, sagt die Diplom-Pädagogin und Bildungsexpertin Jutta Wimmer. Für sie sei das wie eine Entwurzelung. „Sie sind traurig, weil sie Angst haben, ihren alten Freundeskreis zu verlieren“, so Wimmer. Dazu kommt die große Ungewissheit, wie es in der neuen Klasse laufen wird. Finde ich Anschluss? Was, wenn ich abgelehnt werde?

Angst, Freunde zu verlieren

Um ihr Kind für das neue Schuljahr stark zumachen, können Eltern jetzt vor allem zuhören. Wenn der Nachwuchs den Raum bekommt, das mulmige Gefühl im Bauch in Worte zu übersetzen, kann ihn das erleichtern. „Dann kann man es bearbeiten. Es verliert seinen Schrecken“, sagt Wimmer. Wichtig ist dann, dass die Eltern die Sorgen annehmen und nicht bagatellisieren. Aussagen wie „Mach dir nicht so einen Kopf – du wirst schon neue Freunde finden“, sind zwar gut gemeint, helfen aber kaum.

Besser ist es, wenn sich Eltern und Kind im Gespräch konkret mit den jeweiligen Ängsten auseinandersetzen und Lösungen entwickeln. Dabei ist auch Kreativität gefragt: Quält das Kind das Gefühl, versagt zu haben, kann eine gemeinsame Internet-Recherche Linderung schaffen. „Es gibt viele Promis und erfolgreiche Menschen, die sitzengeblieben sind. Man kann dem Kind zeigen, dass es in guter Gesellschaft ist“, schlägt Wimmer vor.

Geht es um die Angst, die Freunde in der alten Klasse zu verlieren, können Eltern und Kind gemeinsam überlegen, wie die Verbindung gepflegt werden kann. „Wichtig ist, dem Kind zu vermitteln, dass es selbst etwas dazu beitragen kann, die Freundschaften zu erhalten“, sagt Carola Wilhayn, Referatsleiterin der Schulpsychologie im Landesschulamt Sachsen-Anhalt.

Sommerferien nutzen

Auch wenn es sich für Kinder nicht so anfühlt: Ein wiederholtes Schuljahr steckt voller Chancen. Es ist die Möglichkeit, in vielen Fächern sicherer zu werden, neue Freundschaften aufzubauen, selbstbewusster zu werden. Gelingt es Eltern, ihren Kindern das zu vermitteln, eröffnet sich eine neue Perspektive. „Eltern haben eine Haltung zu der Entscheidung, dass ihr Kind eine Klasse wiederholt. Sie finden es gut oder eben nicht“, sagt die Lerntherapeutin und Diplom-Pädagogin Uta Reimann-Höhn. Diese Einstellung überträgt sich: Merkt das Kind, dass die Ehrenrunde seinen Eltern Bauchgrummeln bereitet, wachsen auch bei ihm schnell die Zweifel. Ein „Komm, wir packen das gemeinsam“ ist für das Kind hilfreicher, als wenn die Eltern ständig über die Schule oder die Pandemie-Situation schimpfen.

Schon in den Sommerferien können Familien einiges tun, um den Start in das neue Schuljahr zu erleichtern. Reimann-Höhn plädiert dafür, sich dabei mehr um das Wohlbefinden des Kindes als um Lernlücken zu kümmern. „Wenn es der Psyche des Kindes gut geht, fällt der Start ins Schuljahr viel leichter.“ Ähnlich sieht es auch Wilhayn: „Ferienangebote der Schule zum Aufholen oder Vertiefen des Lernstoffes kann man durchaus nutzen, aber gemeinsame Erlebnisse als Familie sind ebenso wichtig.“

Was sich Eltern und Kind für die Ferien ebenfalls vornehmen können: Erste Kontakte zu den neuen Mitschülerinnen und Mitschülern zu knüpfen, etwa eine Verabredung mit dem Jungen aus dem Tischtennisverein einzufädeln, der bald auch der Klassenkamerad ist. „Hat man eine erste Anbindung in der neuen Klasse, macht das enorm viel aus“, sagt Reimann-Höhn. Generell gilt: „Alle Informationen, die man vorab sammeln kann, wirken der Angst entgegen“, sagt Wilhayn. Dazu gehört auch, bei einem Schulwechsel schon in den Ferien den neuen Schulhof oder Schulweg kennenzulernen.

Zuhören bei holprigem Start

Damit es im neuen Schuljahr besser läuft, sollten Eltern und Kind auch auswerten, wo es in der Vergangenheit gehakt hat. Ist es die Menge des Stoffes? Die Schüchternheit, die die mündliche Mitarbeit erschwert? Das Gefühl, für Mathe „zu doof“ zu sein? „Bei Kindern, die sitzenbleiben, ist das Erfolgskonto im Minus. Es geht erst mal darum, es wieder ins Plus zu holen und kleine Erfolgserlebnisse zu schaffen“, erklärt Wimmer. Manchmal ist Nachhilfe der Schlüssel, manchmal kleine Lern-Challenges wie „Ich picke mir jetzt ein kleines Mathe-Thema heraus und schaue mir YouTube-Videos an, bis ich’s kann“.

Was macht man aber, wenn der Start holprig ausfällt und das Kind mit Schulfrust nach Hause kommt? „Wichtig ist, den Kindern zuzuhören, wenn sie von ihren Erfahrungen berichten und alles ein Stück weit zu beobachten. Ganz nach dem Motto „Ja, das war nicht schön für dich, aber vielleicht wird es morgen besser laufen“, sagt Wilhayn. Eltern sollten gemeinsam mit dem Kind überlegen, was ihm helfen kann.

Was den Start in die neue Klasse oder gar Schule ebenfalls erleichtert: ein guter Kontakt zum Klassenlehrer oder der Klassenlehrerin und eine ordentliche Portion Geduld. Denn: In eine neue Gruppe hineinzuwachsen, dauert. Und das Kind darf sich selbst fest dafür auf die Schulter klopfen, dass es sich dieser Herausforderung stellt. (dpa/mit rnw/sp)


„Aufholen nach Corona“ – jetzt geht es los

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  • Um die Pandemiefolgen für Schüler zu mildern, hatten Bund und Länder das Aktionsprogramm „Aufholen nach Corona“ vereinbart. Sachsen stehen 95 Millionen Euro dafür zur Verfügung. Erste Maßnahmen sollen in den Sommerferien starten:
  • Ferienpraktika: In den letzten beiden Schuljahren sind die Betriebspraktika für die meisten Neunt- und Zehntklässler ausgefallen. Wer möchte, soll sein Praktikum jetzt nachholen können – und wird dabei finanziell unterstützt. Um Schülern den finanziellen Aufwand zu verringern, gibt es einen Fahrtkostenzuschuss für Ferienpraktika von bis zu 30 Euro pro Schüler. Mehr Infos dazu gibt es hier.
  • Gutscheine für Schwimmkurse: Auch die Schwimmhallen waren wegen Corona geschlossen. Ein Großteil des Schwimmunterrichts, der in Sachsen lehrplanmäßig in der zweiten Klasse erfolgt, fiel aus. 10.000 Schüler konnten deshalb nicht schwimmen lernen. Laut Kultusministerium haben sie in der letzten Schulwoche Gutscheine für Schwimmkurse erhalten. Sie decken Kosten von maximal 120 Euro ab und müssen bis 31. Juli 2022 eingelöst werden. Die Kurse beginnen in den Ferien, werden aber auch darüber hinaus angeboten. Sie finden in Verantwortung der jeweiligen Anbieter vor Ort statt. Die Eltern schließen dazu dort individuelle Verträge. Mehr Infos dazu gibt es hier.

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