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Prüfungen in Sachsens Hörsälen - trotz Corona

Nur ein Teil der Klausuren wird an Sachsens Unis in der Pandemie digital absolviert. Aber nicht nur deshalb regt sich Widerstand unter den Studenten.

Dicht drängen sich die Studenten an der TU Dresden - das war vor der Corona-Krise
Dicht drängen sich die Studenten an der TU Dresden - das war vor der Corona-Krise © MOMENT PHOTO/Oliver Killig

Zehn Unterschriften hatte die Petition vor zwei Wochen, jetzt sind es weit über 2.000. Erstellt haben sie angehende Bauingenieure. Sie studieren an der TU Dresden. JSie verlangen von der Uni, dass alle Prüfungen digital geschrieben werden.

Während die Kontakte in ganz Sachsen auf ein Minimum reduziert werden, sollen die Studierenden die richtigen Kreuze für die Klausuren im Hörsaal setzen. Schon Mitte Januar kamen rund 300 Medizin-Studierende für die Prüfungen an die Dresdner Uni. Sie füllte ihre Fragenkataloge in Hörsälen aus - direkt neben dem Uniklinikum , wo auf der Corona-Intensivstation nahezu täglich Menschen sterben. Ab Februar beginnt auch für alle anderen sächsischen Studierenden die Prüfungszeit. Zwar raten viele Universitäten von Präsenz-Klausuren ab, doch einige Professoren stellen sich quer.

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Beispiele dafür finden sich in fast jeder Fakultät der TU Dresden. Mitte Januar hieß es für die angehenden Bauingenieure: 70 Prozent der Prüfungen werden im Hörsaal geschrieben. Die Studierenden starteten die Petition. Sie warnen vor einem hohen Infektionsrisiko - nicht nur im Hörsaal, sondern schon vor der Tür, wo sich aufgeregte Studierende kurz vor der Prüfung über mögliche Fragen austauschen. Der Bauingenieurstudent Constantin Rexa erinnert daran, dass einige Studierende zur Risikogruppe gehören.

Nicht jede Prüfung kann digitalisiert werden

Anfang Januar gab es vom Rektorat der TU Dresden ein Rundschreiben an alle Dozenten, in welchem die Unileitung aufforderte, die Klausuren digital durchzuführen. Dabei handelt es sich aber nicht um eine Verpflichtung, sondern um eine Empfehlung. Die Professoren entscheiden selbst: Online- oder Präsenzprüfung. Oder sie werden ganz verschoben.

Zum Nachteil derer, die auf Unterstützungsgelder angewiesen sind. Auch dieses Semester müssten Stipendiaten oder Bafög-Empfänger Leistungsnachweise erbringen, sagt Rexa. Werden die Prüfungen verschoben, bedeute das für einige Studenten: Das Geld fällt fortan weg. Für sie wäre es besser, wenn die Prüfungen zwar online, aber fristgerecht stattfänden. 400 Prüfungen sollen nach Angaben der TU Dresden in Präsenz ablaufen. Das sei im Vergleich zur Gesamtzahl der Prüfungen an der Universität eine geringe Quote. Trotzdem zu viele, sagen die Studierenden. Aber warum können nicht alle Klausuren online geschrieben werden?

Abgucken erlaubt

Das erklärt Henriette Greulich. Sie ist an der TU Dresden zuständig für die Lehre am Bildschirm. „Es bedeutet für die Dozenten einen Mehraufwand. Die Lehrenden müssen sich neue Prüfungen ausdenken.“ Denn die Klausuren werden als „openbookexams“ angeboten - das heißt: Abgucken ist erlaubt.

Man geht davon aus, dass die Studierenden zuhause am Rechner nicht nur brav ihre Klausuren schreiben, sondern die Lehrbücher vor sich aufgeschlagen haben. Reines Wissen abzufragen, funktioniert in dem Fall also nicht. Gerade die ersten Prüfungen seien auf Grundlagen ausgerichtet, sagt Greulich. Der studentische Vertreter Paul Senf hingegen ruft dazu auf, das Online-Format als Chance zu nutzen, Uni-Klausuren neu zu denken.

Wie die TU Dresden setzt auch die Dresdner Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) teilweise auf digitale Prüfungen. Dort werden laut Studentenrat (Stura) etwas mehr als die Hälfte der Tests online durchgeführt. „Es hätte deutlich mehr sein müssen, aber wir haben Verständnis dafür“, sagt der Elektrotechnikstudent Tino Köhler vom Stura. Wie gut digitale Prüfungen durchführbar sind, hänge stark vom Fachgebiet ab. Er fordert fortschrittliche Klausurformate: „Dass wir später als Ingenieure ohne Hilfsmittel arbeiten, ist weltfremd.“

Nicht alle möchten Online-Klausuren

Aber nicht alle Studierenden bevorzugen die Online-Tests. „Wir erhalten auch Mails von Studenten, die lieber in den Hörsaal wollen. Sie sagen: Das kenn ich, das ist mir vertraut“, sagt Köhler. Viele hätten Angst vor einer schlechten Internetverbindung: Für solche und ähnliche Fälle haben einige sächsische Unis angesichts der Pandemie „Freiversuche“ eingeführt. Das heißt: Wenn einem die Note nicht gefällt, gibt es im nächsten Semester einen neuen Versuch.

Wie die Prüfungsphase konkret aussehen wird, ist selbst im Februar noch an einigen Hochschulen ungewiss. So werden Präsenz-Klausuren der TU Freiberg an Inzidenzwerte gekoppelt. Steigt innerhalb einer Woche der Wert, war das Lernen für die Prüfungen umsonst.

Kritik am Kultusministerium

Die Leipziger Universität habe hingegen wesentlich früher entschieden, auf coronakonforme Prüfungsformate zu setzen, sagt Lehramtsstudent Felix Fink vom Stura Leipzig - zum Beispiel durch Projekte während des Semesters. „So lernen die Studierenden nicht nur stupide auswendig, sondern können das Wissen gleich anwenden“, so Fink.

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Zwar hat die TU Dresden nun auf die Petition der Studenten reagiert, aber die Diskussion geht weiter. Die HTW Dresden übt Kritik am sächsischen Kulturministerium und verweist hier auf Bayern. Dort gebe es im Gegensatz zu Sachsen eine klare Durchführungsverordnung für Online-Klausuren. Auch was das umstrittene Thema Videoaufsicht angeht. Die Online-Klausuren per Video zu überwachen, sei in Sachsen auf Grund datenschutzrechtlicher Bestimmungen nicht erlaubt – in Bayern dagegen schon. Für die Studenten heißt es also: Wie nun geprüft werden soll, bleibt in der stressigen Prüfungszeit für manche weiterhin fraglich.

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