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Bis zu 2 000 Jobs in Gefahr

Lufthansa, Easyjet und Condor übernehmen wohl nicht alle Beschäftigten der Pleitefirma Air Berlin. Unterlegene Bieter drohen mit Klage.

© dpa

Von Hannes Koch

Bei der insolventen Fluggesellschaft Air Berlin müssen sich etwa 400 Piloten, 800 Kabinenbeschäftigte und 700 Techniker ernsthafte Sorgen um ihre Jobs machen. Für diese zeichnete sich bis Freitag keine Lösung in den Verhandlungen um die Übernahme ab. Zuvor entschied der Gläubigerausschuss, dass man vornehmlich mit Lufthansa und Easyjet, eventuell auch mit Condor weiterverhandeln wolle.

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Worum geht es?

Air Berlin, die zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft, ist pleite. Ein vom Amtsgericht Berlin bestellter Verwalter und die Gläubiger, darunter die Lufthansa-Tochter Eurowings, die Bundesagentur für Arbeit und die Commerzbank, verhandeln mit Unternehmen, die Air Berlin ganz oder teilweise kaufen und fortführen wollen. 15 Interessenten haben sich gemeldet. Die Gebote von Lufthansa, Easyjet und Condor halten die Gläubiger offensichtlich für am aussichtsreichsten.

Was bedeutet das für die Mitarbeiter?

Insgesamt arbeiten bei Air Berlin rund 8 000 Leute. Lufthansa und Eurowings wollen bis zu 78 Flugzeuge und Besatzungen übernehmen. Bald schon könne man vermutlich bis zu 3 000 neue Mitarbeiter begrüßen, sagte Lufthansa-Vorstandschef Carsten Spohr. Details zu den anderen Angeboten sind noch nicht bekannt.

Welche Jobs sind in Gefahr?

Rund 400 Piloten flogen bisher Maschinen unter anderem auf den Interkontinental-Verbindungen in die USA und die Karibik. Diese Air Berlin-Strecken wollen die Bewerber nicht fortführen. Ebenfalls betroffen sind dadurch rund 800 Flugbegleiter, die auf den Langstrecken-Flügen eingesetzt wurden. Schwierig ist die Lage auch für die Air Berlin-Technik, die die Flugzeuge wartet. Für diesen Betriebsteil und seine etwa 700 Arbeitnehmer wurde die Bieterfrist verlängert. Lufthansa und die anderen Fluggesellschaften wollen erst Klarheit gewinnen, wie viele Maschinen sie übernehmen. Für die Beschäftigten der Air Berlin-Firmenzentrale arbeitet die Berliner Landesregierung an einer Transfergesellschaft.

Kann die Gewerkschaft etwas tun?

Es sei ein „gutes Zeichen“, dass Eurowings, Easyjet und Condor „gute Tarifverträge und eine gute Mitbestimmungskultur“ hätten, sagte Christine Behle, Vorstandsmitglied der Gewerkschaft Verdi. Sie hofft „auf eine Kollektivlösung für so viele Beschäftigte wie möglich“. Die Gewerkschaft strebt an, dass die neuen Besitzer die Beschäftigten gemeinsam und zu den bisherigen Bedingungen einstellen. Auch die Pilotenvereinigung Cockpit (VC) will versuchen, für möglichst alle 1 200 Piloten eine neue Beschäftigung durchzusetzen. Ab Montag sollen Verhandlungen stattfinden.

Was bieten die Interessenten?

Eurowings sperrt sich bisher gegen eine kollektive Regelung und bietet nur individuelle Bewerbungen an. Die künftigen Arbeitsbedingungen, vor allem die Gehälter, würden dann schlechter ausfallen. Nach Information von Markus Wahl, Sprecher der Pilotenvereinigung, liegt die Bezahlung der Piloten bei Eurowings 20 bis 40 Prozent unter dem jetzigen Niveau. „Das Ansinnen, dass sich jeder Pilot einzeln neu bewerben soll, finden wir ein bisschen frech“, sagte VC-Vorstandsmitglied James Phillips, „das würde zu einem Rosinenpicken führen.“

Geben sich andere Bieter geschlagen?

Flugunternehmer Hans Rudolf Wöhrl, der Air Berlin komplett übernehmen will, zeigte sich „entsetzt“. „Zu keinem Zeitpunkt ist ernsthaft eine andere Lösung als die Zerschlagung und die Zuteilung der Fragmente an Lufthansa und einige weitere Bieter“ verfolgt worden, so Wöhrl. Utz Claassen, ehemals Chef des Energie-Konzerns EnBW, prüft eine Klage. Ex-Rennfahrer und Niki-Gründer Niki Lauda: „Ich finde es unglaublich, dass die deutsche Politik die Lufthansa derart unterstützt.“ Kritik kam auch vom chinesischen Unternehmer Jonathan Pang.

Ist die Kritik gerechtfertigt?

Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD) und ihr Staatssekretär Matthias Machnig haben sich positiv zur Übernahme durch die Lufthansa geäußert. Gespräche zwischen dem Wirtschafts-, und dem Verkehrsministerium, sowie dem Marktführer fanden im Umkreis der Air Berlin-Insolvenz statt. Das Bundeskabinett beschoss dann einen Überbrückungskredit für Air Berlin, damit die Maschinen einstweilen weiterfliegen können. Auch die Gewerkschaft Verdi ließ Sympathien für die Lufthansa erkennen. Die Arbeitnehmervertreter haben Angst, dass sonst Firmen wie Ryanair zum Zuge kommen, die noch schlechtere Arbeitsbedingungen bieten.

Ist das Geschäft nun über die Bühne?

Nein. Mit der Entscheidung der Firmen wäre nur die erste Etappe abgeschlossen. Dann muss das Bundeskartellamt genehmigen. Bereits heute wickelt die Lufthansa rund 40 Prozent aller Starts ab, die von deutschen Flughäfen stattfinden. Nach der Übernahme wären es rund 45 Prozent. Darin könnte das Kartellamt eine marktbeherrschende Stellung erkennen. „Wenn auf bestimmten Strecken das Angebot von zwei Airlines in einer Hand gebündelt wird, kann das die Marktmacht steigern“, heißt es vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. „Preiserhöhungen zulasten der Kunden sind nicht ausgeschlossen.“