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Bischofswerda dreht die Zeit zurück

Auf einmal ist der Stadtschreiber wieder lebendig. Und er ist nicht die einzige Attraktion einer neuen Stadtführung.

© Steffen Unger

Von Constanze Knappe

Bischofswerda. Der Stadtschreiber hat sich mit der Stadtkasse aus dem Staub gemacht. Das wäre eine Schlagzeile, die heute wie auch schon vor 200 Jahren wie eine Bombe geplatzt wäre. „Da ist nicht viel dran“, beschwichtigt Rainer Thomas. Um 1600 hatte Bischofswerda an den Bischof, der in Stolpen saß, regelmäßig Abgaben zu leisten. Zuviel des Guten befanden wohl einige Räte, haben gemogelt und einiges einbehalten. Der Bischof soll bemerkt haben, dass man ihn übers Ohr wollte. Seine Reaktion darauf ist nicht bekannt. Nur soviel, dass der Stadtschreiber damit nichts zu tun hatte. Fast ein bisschen entrüstet, rückt Rainer Thomas das Ganze gerade. Nicht von ungefähr. Denn er trägt das Kostüm des Stadtschreibers. Er hat sich die Rolle ausgeguckt, weil er viel in Archiven forscht, mit alten Akten und Schriften zu tun habe, da würde das gut passen. Aber, so sagt er, so ist das eben mit Legenden. Die halten sich hartnäckig – und machen Geschichte interessant.

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Genau das wollen im Jubiläumsjahr von Bischofswerda auch die Stadtführer und haben sich etwas Besonderes einfallen lassen. Eine „Lebendige Stadtführung“. Dafür schlüpfen Christine Bär (Förster-Christel), Gudrun Büchler (Marktfrau), Karin Winkler (Frau Bürgermeisterin), Gottfried Brückner (Stadttorwächter) und Armin Bär (Töpfergeselle) in Kostüme des Kleiderfundus und in die dazugehörigen Rollen. Rainer Thomas, der die Besucher führt, beginnt auf dem Altmarkt der 1227 erstmals urkundlich erwähnten Stadt Bischofswerda.

Die Lebende vom Schiebock

Und da geht es gleich um die nächste Legende, den Schiebock. Die Stadt lag an der Handelsstraße von Breslau nach Leipzig. Dass die Händler aus Bischofswerda auf dem Schiebock ihre Waren zur Messe nach Leipzig brachten, hält Reiner Thomas für nahezu unwahrscheinlich. „Vier Wochen Arbeitsausfall konnte sich niemand leisten und die Preise für Kost und Logis unterwegs hätten den Erlös von vornherein aufgefressen“, sagt er. Nichtsdestotrotz bleibt der Schiebock ein Wahrzeichen der Stadt.

Die Tour geht über die auch sonst übliche Altstadtroute. Und doch ist die „Lebendige Stadtführung“ mit den sonstigen nicht gleichzusetzen. Unterwegs begegnet man nämlich den Originalen wie etwa der Förster-Christel, die um 1910 Sand verkaufte, der zum Schrubben von Treppen und Böden verwendet wurde. Den Erlös vertrank sie gern. Was eine Marktfrau zu verkaufen hat, bleibt vorerst noch geheim. Jedenfalls kostet es sie wie auch die Förster-Christel so einige Anstrengung, den Schiebock über das zum Teil originale Pflaster der Altstadt zu bewegen. Der Stadttorwächter erwartet die Besucher an der Fronfeste. Stadtmauer, Rathaus und Knast, das waren so die Voraussetzungen, um überhaupt Stadt werden zu dürfen.

Der Torwächter weiß nicht nur allerlei über das Gebäude selbst, sondern auch über die Unterbringung der „bösen Buben“ zu berichten. Der Töpfer trägt schwer an seiner Kiepe auf dem Rücken, die voller Scherben ist. Dass es einmal 15 Töpfereien in der Stadt gab, ist heute kaum noch vorstellbar. Ansässig waren sie zumeist rund um den Neumarkt, weshalb dieser im Volksmund nach wie vor Töppermarkt genannt wird.

Frau Bürgermeisterin ist ungehalten

Wegen der Sonnenstrahlen gut beschirmt, flaniert die Bürgermeistergattin vor dem Rathaus. Ein bisschen ungehalten ist Frau Bürgermeister, wie sie damals genannt wurde, dass der Stadtschreiber statt in seiner Schreibstube zu arbeiten, einfach so herumspaziert. Da werde sie umgehend Meldung an ihren Gatten machen. Der Schreiberling seinerseits hält „vor lauter Ehrfurcht“ vor der Obrigkeit besser einigen Abstand.

Bei der Generalprobe am Mittwoch waren viele historische Fakten und so manche Legenden zu hören, vor allem aber gab es jede Menge zu schmunzeln. Man darf gespannt sein, wie dieses tolle Angebot zu 790 Jahre Bischofswerda bei den Einwohnern der Stadt und ihren Gästen ankommt. Im Anschluss an die etwa einstündige Tour kann man sich mit den Bischofswerdaer Originalen fotografieren lassen. Die „Lebendigen Stadtführungen“ finden am 20. Mai, 22. Juli und 26. August statt. „Das Wetter spielt mit“, ist sich Rainer Thomas schon jetzt ganz sicher.

Karten für die „Lebendigen Stadtführungen“ gibt es im Bürger- und Tourismusservice im Rathaus Bischofswerda.