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Zugfahren nur mit 24 Stunden Voranmeldung?

Wütende Worte statt Hilfe: Auf der Fahrt nach Dresden wird ein Rollstuhlfahrer schlecht behandelt. Dahinter steckt ein grundsätzliches Problem.

David Gratzl fährt oft mit dem Zug von Bischofswerda nach Dresden. Weil er angeblich beim Einsteigen zu langsam ist, wurde er von einer Zugbegleiterin beschimpft. Doch ihm geht es um mehr.
David Gratzl fährt oft mit dem Zug von Bischofswerda nach Dresden. Weil er angeblich beim Einsteigen zu langsam ist, wurde er von einer Zugbegleiterin beschimpft. Doch ihm geht es um mehr. © SZ/Uwe Soeder

Bischofswerda. Diese Fahrt wird David Gratzl noch länger in Erinnerung bleiben. Wie so häufig wollte der Rollstuhlfahrer mit dem Zug von Bischofswerda nach Dresden fahren. Doch statt Hilfe beim Einstieg gab es einen ruppigen Empfang. "Eine Mitarbeiterin der Länderbahn sagte, wenn ich mich mit meinem Rollstuhl nicht vorher anmelde, könne sie meine Mitnahme nicht gewährleisten." Tatsächlich hatte Gratzl genau das versucht. Doch von der Bahn erhielt er die Auskunft, dass Anmeldungen spätestens 24 Stunden vorab erfolgen müssen. Schon das ist ein Unding, findet er.

Doch es kommt noch schlimmer. „Die Mitarbeiterin sagte, dass, wenn ich nicht vorausplanen kann, eben nicht mehr der Bahn fahren könne. Außerdem wäre ich schuld, wenn andere Bahnreisende ihre Anschlüsse verpassen, da ich mit meinem langsamen Einsteigen für Verzögerungen im Betriebsablauf sorgen würde", berichtet Gratzl.

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Das alles bekam der Rollstuhlfahrer in wütendem Tonfall an den Kopf geworfen. Seine zehnjährige Tochter, die ihn auf der Zugfahrt begleitete, "war durch die Art und Weise der Zugbegleiterin sehr eingeschüchtert", wie er sagt.

Für ihn ist klar: "Die Bahn wirbt damit, dass sie für alle da ist. Da gehöre ich mit meinem Rollstuhl genauso dazu, und da möchte ich das auch flexibel nutzen können". Denn mehr als das Legen der ohnehin im Zug befindliche Rampe brauche er nicht. Und das dauere nicht lang. "Das ist ein Aufwand von nicht mal einer Minute.

Das sagt die Länderbahn zum Vorfall

Auch die nachträgliche Reaktion der Länderbahn ihm gegenüber lässt in seinen Augen zu wünschen übrig. "Natürlich nehmen wir – wenn betrieblich möglich – auch Reisende ohne Voranmeldung mit", teilt Pressesprecher Jörg Puchmüller auf Nachfrage von Sächsische.de mit. Allerdings werde durch ein "bundesweit übliches Verfahren" sichergestellt, dass die notwendigen Vorkehrungen getroffen werden können.

Welche Vorkehrungen so umfangreich seien, dass man die Bahn einen ganzen Tag vorher darüber informieren müsse, weiß Gratzl nicht. Denn in seinem Fall gehe es einzig und allein um das Ausfahren der kleinen Rampe. "Zum Gespräch zwischen Ihnen und unserem Zugbegleitpersonal können wir keine Stellung beziehen", heißt es weitern in der Antwort der Länderbahn.

Man könne sich, wenn die Aussagen „forsch bzw. diskriminierend“ gewesen seien, nur dafür entschuldigen und werde entsprechende Schritte einleiten, "sodass sich solche Situationen in Zukunft nicht wiederholen.“ Für Gratzl ist das ein schwacher Trost. „Wenn ich einen schlechten Tag habe, kann ich das auch nicht an anderen – beispielsweise an meinen Kunden – auslassen“, sagt er.

Voranmeldung generell diskriminierend?

Ohnehin sei für ihn eine vorherige Anmeldung, ob aus beruflichen oder privaten Gründen, für ihn meist gar nicht möglich. „Ich kann nicht 24 Stunden vorausplanen“, sagt er. Man stelle sich vor, dass man einen wichtigen Termin habe, der spontan eine halbe Stunde länger gehe.

„Ich kann mittendrin nicht einfach sagen, dass ich los muss, weil ich genau diesen Zug nehmen muss, obwohl es noch weitere Züge gibt“, betont Gratzl. Denn das wäre, blickt man auf das Bundesteilhabegesetz, ein klarer Verstoß.

Auch die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen, die Deutschland bereits vor 14 Jahren unterschrieben hat, sehe klar vor, dass jeder Mensch gleiche Rechte habe. "Es hat auch einfach etwas mit Menschenwürde zutun, abhängig von allen Gesetzen", betont Gratzl.

Behindertenbeauftrage schaltet sich ein

Ein schwacher Trost für ihn ist, dass ihm sowas noch nicht allzu oft passiert ist. „Zu 99 Prozent stoße ich auf Mitarbeiter, die bereit sind eine Lösung zu finden“, sagt er. Das würde diese Situation allerdings nicht entschuldigen, weshalb er sehr stark an einer Aufklärung der Situation interessiert sei. Unterstützung erhält Gratzl dabei unter anderem von der Behindertenbeauftragen im Landkreis Bautzen.

Ob solche Fälle gehäuft auftreten, weiß Franziska Pohling nicht, denn nicht von jedem werde sie informiert. "Einige wählen diesen Weg und andere schweigen und nehmen die Situation hin", sagt sie. Sie hat das Anliegen allerdings an den Verkehrsverbund Zvon weitergeleitet, der vor wenigen Tagen eine gesonderte Antwort der Länderbahn bekommen hat.

"Der Vorfall wurde intern ausgewertet und mit der Mitarbeiterin analysiert. Selbstverständlich nehmen wir auch nicht angemeldete mobilitätseingeschränkte Fahrgäste in unseren Zügen mit. Ich hoffe, dass der Fahrgast auch zukünftig unsere Züge nutzen wird", heißt es dort.

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