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Ein Dorf würdigt seinen ersten Lehrer

1845 kam Johann Traugott Mutschink nach Demitz, um Schüler zu unterrichten. Auch in der Dorfkneipe gab er sein Wissen weiter. Und er leistete noch mehr.

Zum 200. Geburtstag des ersten Lehrers von Demitz-Thumitz, Johann Traugott Mutschink, organisieren Gästeführer Jörg Nadolny und die ehemalige Bürgermeisterin Gisela Pallas eine Veranstaltung. Im Ort selbst erinnert nur das Straßenschild an Mutschink.
Zum 200. Geburtstag des ersten Lehrers von Demitz-Thumitz, Johann Traugott Mutschink, organisieren Gästeführer Jörg Nadolny und die ehemalige Bürgermeisterin Gisela Pallas eine Veranstaltung. Im Ort selbst erinnert nur das Straßenschild an Mutschink. © SZ/Richard Walde

Demitz-Thumitz. Ein einziger Lehrer für weit über 100 Schüler. Was heute undenkbar scheint, war für Johann Traugott Mutschink zeitweise der ganz normale Alltag. Seit dem 26. März 1845 war der damals 23-jährige Sorbe der allererste Lehrer im heutigen Demitz-Thumitz und gab sein Wissen in der neu errichteten Schule weiter, während vor den Fenstern der Eisenbahnbau voranschritt und für so manche Ruhestörung sorgte.

"Demitz war zu dieser Zeit zwar ein bisschen sorbisch, aber der größte Teil der Bevölkerung waren deutsche evangelische Christen", erzählt Gästeführer Jörg Nadolny, der sich lange mit dem Leben Mutschinks auseinandergesetzt hat. Von einer katholischen Äbtissin wurde der evangelische Mutschink ins Dorf geschickt, was die zweite Besonderheit darstellt. Denn das war keinesfalls üblich.

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Imkerverein gegründet und Geschichten geschrieben

Trotz der beiden vermeintlichen Widersprüche - oder vielleicht gerade deshalb - brachte sich Mutschink, der in Nechen bei Löbau geboren wurde, sofort sehr ins Demitzer Dorfleben ein. "Es war für Demitz ein Glücksfall, denn er war ein ungeheuer aktiver Mensch. Nicht nur in der Schule, wo er für seine kluge Unterrichtsweise von den Behörden gelobt wurde, sondern auch in anderen Bereichen", erzählt Nadolny.

Unter anderem gründete Mutschink einen Imkerverein, was ihm den Beinamen Bienenvater verschaffte. Für Vorträge über das Thema war er über die sächsischen Grenzen hinaus sehr gefragt. Doch seine größte Liebe war die Literatur. "Er fühlte sich von Anfang an zum Schriftsteller berufen", sagt Nadolny.

Johann Traugott Mutschink war der erste Lehrer in Demitz-Thumitz.
Johann Traugott Mutschink war der erste Lehrer in Demitz-Thumitz. © Archiv

"Er war Gründungsmitglied der sorbischen wissenschaftlich-kulturellen Vereinigung Maćica Serbska", erzählt Anja Pohontsch, die heutige Vorsitzende eben dieses Vereins. So machte sich Mutschink einen Namen als sorbischer Literat und wurde zum Mitbegründer der sorbischen weltlichen Kunstprosa. "Er hat das sorbische Selbstverständnis gestärkt", betont Nadolny.

Denn habe er über alles geschrieben, was man sich nur vorstellen kann. Beispielsweise über den fiktiven Ort Pilzdorf, der einige Besonderheiten mit sich bringt. "Die Sorben eines Dorfes, das von der Beschreibung her sehr stark an Demitz erinnert, waren der Meinung, dass sie zu wenig von der Welt wissen, weil sie eben Sorben sind", sagt Nadolny.

Zwei Veranstaltungen zum 200. Geburtstag

Genau so sei es in der Zeit der Französischen Revolution auch in Mutschinks Wahlheimat gewesen, wo der Lehrer derjenige war, der den Menschen sein Wissen weitergab. "Einer der Sorben im Buch kam auf die Idee, den klugen Lehrer im Dorf zweimal pro Woche einzuladen, damit er die Welt erläutert", fügt er an. Und zwar in die Dorfkneipe.

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Um den "Kneipenlehrer" gebührend zu ehren und seinen 200. Geburstag zu feiern, haben sich die Gemeinde Demitz-Thumitz und der Granitdorf-Verein etwas überlegt. Am Sonnabend dieser Woche - einen Tag vor Mutschinks 200. Geburtstag - ist um 10.30 Uhr eine Ehrung am Grab geplant, am Abend steht eine Infoveranstaltung über das Leben von Mutschink im örtlichen Sport- und Freizeitzentrum auf dem Programm.

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"Dort singt auch der Kirchenchor aus dem obersorbischen Dorf Crostwitz unter anderem ein Lied, für das Mutschink den Text geschrieben hat", freut sich Nadolny. Zudem werde ein Nachfahre des ersten Demitzer Lehrers - der Schriftsteller Thomas Gerlach - zu Gast sein.

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