merken
PLUS Bischofswerda

Zwischen großartigen Bildern und Selbstzweifeln

Vor zehn Jahren starb der Bischofswerdaer Maler Jens Hackel. Sein Wegbegleiter Falk Nützsche sorgt dafür, dass er nicht vergessen wird.

Falk Nützsche, hier in der Carl-Lohse-Galerie in Bischofswerda,  erzählt über das Leben seines Freundes Jens Hackel, der vor zehn Jahren starb.
Falk Nützsche, hier in der Carl-Lohse-Galerie in Bischofswerda, erzählt über das Leben seines Freundes Jens Hackel, der vor zehn Jahren starb. © SZ/Uwe Soeder

Bischofswerda. Die Nachricht von seinem Tod löste in der Stadt Bischofswerda und der Region große Betroffenheit aus. Vor zehn Jahren nahm sich der Maler Jens Hackel das Leben. Er wurde nur 45 Jahre alt. Am Sonntag war sein Todestag. Sein Wegbegleiter Falk Nützsche erinnert sich im Gespräch mit Sächsische.de an ihn.

Herr Nützsche, wann und wie haben Sie Jens Hackel kennengelernt?

TOP Immobilien
TOP Immobilien
TOP Immobilien

Finden Sie Ihre neue Traumimmobilie bei unseren TOP Immobilien von Sächsische.de – ganz egal ob Grundstück, Wohnung oder Haus!

Im Jahr 1989 bei der zweiten Demo in Bischofswerda, wo ungefähr 3.000 bis 4.000 Leute waren. Da waren die Machtverhältnisse quasi schon gekippt. Hackel lief hinter mir, und wir sind ins Gespräch gekommen. Er kam da gerade frisch aus dem Stasi-Knast, nachdem er den Aufruf des Neuen Forums verbreitet hatte und daraufhin in Dresden festgesetzt worden war. Wir haben gemerkt, dass wir beide Maler sind und gleiche Interessen haben. Ich habe ihm am selben Abend von einem Projekt erzählt, von dem auch er begeistert war und das wir gemeinsam umsetzen wollten. Wir lernten uns in nur wenigen Stunden gut kennen.

Was war das für ein Projekt?

Die Carl-Lohse-Galerie. Carl Lohse hatte zu Lebzeiten nichts von seiner Arbeit, denn bei den Nazis galt er mit seiner expressionistischen Arbeit als entartet. In der sozialistischen Zeit ging das wieder los, nur unter einer anderen Flagge. Bei seiner letzten Ausstellung in Zittau wurde er von der Presse total zerrissen und als "Maler mit kranken Nerven" dargestellt. Daraufhin schloss er sich in sein Atelier ein und malte nur noch für sich. Nach seinem Tod lag sein Nachlass brach. Sein Atelier verfiel zunehmend. Da habe ich mir gedacht, für Carl Lohse müsste man etwas machen. Innerhalb von drei Jahren haben Jens Hackel und ich gelernt, wie man eine Galerie plant und aufbaut. 1993 wurde die Carl-Lohse-Galerie Bischofswerda feierlich eröffnet.

Lief also zu diesem Zeitpunkt alles rund im Leben von Jens Hackel?

Leider nicht. Wir haben uns als Bürgerinitiative verstanden und waren so idealistisch, dass wir gar nicht gemerkt haben, wie schnell die Zeit vergangen ist. Hackel war eigentlich gelernter Möbeltischler, doch seine Arbeit brach weg, und er wurde arbeitslos. Auf der anderen Seite entstand zu der Zeit im Kulturhaus eine kleine Malervereinigung von vier Künstlern - die „Freie Gruppe Oberlausitz“. Jens Hackel regte deren Gründung an und wurde ein aktives Mitglied. Aber arbeitsmäßig hing er oft in der Luft, abgesehen von ABM-Stellen oder kleinen Jobs. Bei Ausstellungen der Künstlergruppe zeigte er großartige Bilder, von Landschaften über Stillleben bis zu Selbstporträts, aber sie ließen sich kaum verkaufen. Darunter litt er sehr. Der Zeit geschuldet wurde er von Selbstzweifeln und Perspektivlosigkeit geplagt.

Gibt es aus dieser Zeit auch schöne Erinnerungen?

Ja, viele. Ausstellungseröffnungen, Galerie- und Konzertbesuche, gemeinsame Reisen - zum Beispiel unsere Reise nach Nordirland, das damals noch Bürgerkriegsgebiet war. Wir waren zu Gast bei einem deutschen Auswanderer mitten in der Ulster-Landschaft zwischen Belfast und Londonderry. Da gab es keinen Strom und nichts weiter als eine ruinöse Flachsmühle, die er sich mit der Zeit aufgebaut hatte, eine kleine Kapelle und einen Pub. Mit ihm haben wir eine Ausstellung angekurbelt, zu der wir dann hingefahren sind. Das waren fast drei Wochen ohne Verpflichtungen, eine wunderbare Zeit. Da haben wir viel unternommen und die Freundschaft zwischen uns wurde fester und inniger.

Wie ging es dann in Bischofswerda weiter?

Die Zeit wurde schlechter. Die Arbeitsämter wurden restriktiver, und den Leuten wurden Leistungen gestrichen. Hackel hat das aber nicht in Wut umgedeutet, ihm „ging das in den Kopf“, und er zog sich immer weiter zurück. Er lebte zeitweise außerhalb, zum Beispiel in Berlin und Bautzen. Zu der Zeit zog er auch aus dem Atelier aus.

Jens Hackel im Atelier, das er gemeinsam mit Falk Nützsche nutzte.
Jens Hackel im Atelier, das er gemeinsam mit Falk Nützsche nutzte. © privat

Und dann?

Das Atelier hatte ich acht Jahre lang gemeinsam mit Jens Hackel, der teilweise auch dort gewohnt hat. Danach sahen wir uns nicht mehr so häufig, und ich bekam immer weniger von ihm mit. Heute würden ihn Firmen als begnadeten Möbeltischler mit Kusshand nehmen. Hätte er doch noch fünf oder zehn Jahre gewartet.

Können Sie sich noch an die Tage nach seinem Tod erinnern?

Bei der Beerdigung waren 300 Leute da, das war unglaublich. Viele Freunde, die sich verabschieden wollten. Es war ein wunderschöner Apriltag, die Vögel zwitscherten, und auf dem Friedhof stand ein Dudelsackspieler und spielte irische Musik.

Wo kann man Jens Hackels Kunst heute noch sehen?

Viele Gemälde gingen an Stiftungen und Sammlungen. Das hatte ich mir damals, als ich seinen Nachlass bekam, versprochen. Die Stadt Bischofswerda besitzt einige Werke, auch das Bautzener Stadtmuseum, der Ernst-Rietschel-Kulturring Pulsnitz und andere. Anlässlich seines zehnten Todestags organisieren wir ab dem 3. Juni zudem in der Lohse-Galerie eine Ausstellung zu seinen Werken namens „Gelebte Zeit“. Die wird hoffentlich auch wieder gut besucht sein, sollten es die Beschränkungen zulassen. Ich möchte einfach, dass sich an ihn erinnert wird.

Über das Leben von Jens Hackel hat Falk Nützsche ein Buch herausgegeben.
Über das Leben von Jens Hackel hat Falk Nützsche ein Buch herausgegeben. © privat

Was ist heute im Landkreis Bautzen wichtig? Das erfahren sie täglich mit unserem kostenlosen Newsletter. Jetzt anmelden.

Mehr Nachrichten aus Bautzen lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Bischofswerda lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Kamenz lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Bischofswerda