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Bautzen: Bald wieder mehr Bäume am Straßenrand?

Strenge Vorschriften sorgen dafür, dass es im Landkreis immer weniger Alleen gibt. Wie das umgangen werden kann und welche Besserungen die Politik verspricht.

Bevor eine Kreisstraße ausgebaut wird, werden in der Regel die Bäume am Straßenrand abgeholzt. Neue dürfen vor Ort nur in seltenen Fällen gesetzt werden.
Bevor eine Kreisstraße ausgebaut wird, werden in der Regel die Bäume am Straßenrand abgeholzt. Neue dürfen vor Ort nur in seltenen Fällen gesetzt werden. © Steffen Unger

Bautzen. Um schwere Unfälle zu verhindern, sollen Bäume erst in größeren Entfernungen neben einer Straße gepflanzt werden. Eine Richtlinie schreibt von 2009 mindestens 4,5 Meter vor. Das ist aber abhängig von der zulässigen Höchstgeschwindigkeit, denn ab 80 km/h müssen es sogar 7,5 Meter sein. Am Ende sorgt das dafür, dass es auch im Landkreis Bautzen immer weniger Straßenbäume gibt.

Die Richtlinie gilt in Sachsen außerorts, also auch auf kleinen Dorfstraßen. Dass diese Regelung knallhart durchgesetzt wird, hat unlängst Kerstin Mickan hautnah erfahren müssen. Im Gedenken an ihren verstorbenen Vater pflanzte sie 50 Bäume an eine Straße in der Gemeinde Doberschau-Gaußig - und musste sie wieder umpflanzen, weil sie zu nah an der Fahrbahn standen.

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Nur ein paar hundert Meter weiter, auf der schmalen Kreisstraße zwischen Brösang und Seitschen, kann seit mehreren Jahren angesehen werden, wohin die Anwendung dieser Richtlinie führen kann. Statt Obstbäumen am Straßenrand gibt es hier einen weitreichenden Blick auf die angrenzenden Felder.

"Das ist das erste Opfer im Landkreis Bautzen", sagt die Landschaftsarchitektin Annette Schütze. Sie hat den Ausbau der Straße im Jahr 2016 für den Landkreis begleitet. Vorhandene Bäume wurden beseitigt, neue dort nicht gepflanzt.

Die Kreisstraße zwischen Brösang und Seitschen im Jahr 2013 - mit Bäumen am Straßenrand.
Die Kreisstraße zwischen Brösang und Seitschen im Jahr 2013 - mit Bäumen am Straßenrand. © Archivfoto: Annette Schütze
So sieht die Kreisstraße zwischen Brösang und Seitschen aktuell aus - ohne Bäume am Straßenrand. Sie wurden beim Ausbau beseitigt.
So sieht die Kreisstraße zwischen Brösang und Seitschen aktuell aus - ohne Bäume am Straßenrand. Sie wurden beim Ausbau beseitigt. © SZ/Richard Walde

Seit 2009 wurden von knapp 800 Kilometern Kreisstraßen 150 ausgebaut. "Grundhafte Baumaßnahmen beinhalten grundsätzlich landschaftspflegerische Ausgleich- und Ersatzmaßnahmen", erklärt Mandy Noack vom Landratsamt Bautzen. Heißt: Für jeden gefällten Baum wird zumindest ein neuer gepflanzt, das kann aber an einer ganz anderen Stelle sein.

Würde man mit einem Abstand von 7,5 Metern zur Straße pflanzen wollen, müsste zusätzliches Land allein dafür erworben werden - und das würde weiteres Geld kosten.

Die Eigentümer um eine Erlaubnis zum Bepflanzen zu bitten, sei auch keine Option. "Unsere Erfahrungen zeigen, dass die Pächter beziehungsweise Eigentümer der meist betroffenen Feld- und Ackerflächen einer Pflanzung von Bäumen nicht zustimmen", sagt Landkreissprecherin Mandy Noack.

Neues Regelwerk ist in Arbeit

Doch es kann auch anders gehen, zeigen Beispiele aus Brandenburg. Bei Straßen mit weniger als 2.000 Fahrzeugen am Tag wird dort eine Möglichkeit geboten, dass Bäume dichter an der Asphaltdecke gepflanzt werden dürfen. Zuvor musste in solchen Fällen eine Leitplanke her. "Das setzt die Richtlinie nicht außer Kraft, setzt aber auf den gesunden Menschenverstand", betont Annette Schütze.

Und auch in Sachsen besteht Hoffnung auf Veränderungen. Neben der eingangs genannten Richtlinie gibt es in Deutschland ein weiteres Papier aus dem Jahr 2006, das sich mit dem Thema Straßenbäume auseinandersetzt. Dieses trägt den Namen "Empfehlungen zum Schutz vor Unfällen mit Aufprall auf Bäume", kurz ESAB.

Erarbeitet wurde es von der Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen. Darin ist aktuell ebenfalls von einem Mindestabstand zwischen Bäumen und Fahrbahn von viereinhalb Metern die Rede. Doch es soll bald eine neue Version geben, die dann als neues Regelwerk genutzt werden könnte.

Bei der anstehenden Überarbeitung der ESAB gelte es, Lösungen zu finden, die sowohl den Schutz von Leib und Leben der Verkehrsteilnehmer als auch den Erhalt von Alleen hinreichend berücksichtigen, erklärt Kathleen Brühl aus dem Sächsischen Verkehrsministerium.

Umweltministerium erarbeitet Alleen-Programm

Auch das Umweltministerium möchte sich zeitnah mit dem Problem auseinandersetzen. "Um den Rückgang von Straßenbäumen und Alleen zu stoppen, wird derzeit ein 'Alleen-Programm' erarbeitet", heißt es von dort. Wann dieses veröffentlicht werde, stehe aber noch nicht fest.

Bis das passiert und um zumindest in irgendeiner Form gegen das Verschwinden der Straßenbäume vorzugehen, gibt es nach Meinung der Landschaftsarchitektin Annette Schütze einige Möglichkeiten. Sie führt als Beispiel den Ort Jenkwitz, südlich von Bautzen, an. "Dort gibt es an der Straße da mal ein Stückchen Acker und dann wieder ein paar Bäume. Das ist nun alles als Ortslage ausgewiesen, die Höchstgeschwindigkeit wurde auf 50 km/h beschränkt, und da dürfen die Bäume auf 4,50 Meter Abstand stehen", sagt Annette Schütze.

Eine weitere Möglichkeit ist das Anlegen eines Radweges. Stehen die Bäume an diesem, werden 7,5 Meter Entfernung zur Straße erreicht, ohne dass noch zusätzlich Land erworben werden muss. Das soll laut Schütze so zwischen Wölkau und Stacha passieren.

Doch eines sei bei jedem einzelnen Projekt klar: "Vor jeder Straßenneuplanung werden Unfallschwerpunkte geprüft. Da ist es wieder der gesunde Menschenverstand, um an solchen Punkten keine Bäume zu setzen", betont sie.

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