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Mit dem Stadttorwächter durch Bischofswerda

Drei Stadtführer zeigen Touristen und Einheimischen die schönsten Orte in Schiebock - und schnappen dabei mitunter selbst spannende Geschichten auf.

Von Timotheus Eimert
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Bis zu zwölfmal führen die Bischofswerdaer Gottfried Brückner, Gudrun Büchler und Christine Bär (v.l.) durch ihre Stadt und zeigen Interessierten die schönsten Ecken in Schiebock.
Bis zu zwölfmal führen die Bischofswerdaer Gottfried Brückner, Gudrun Büchler und Christine Bär (v.l.) durch ihre Stadt und zeigen Interessierten die schönsten Ecken in Schiebock. © Archivfoto: Steffen Unger

Bischofswerda. Wenn Christine Bär, Gudrun Büchler und Gottfried Brückner von Bischofswerda erzählen, dann können sie fast gar nicht mehr aufhören. So viel wissen die drei Rentner über die Geschichte, Architektur und Wirtschaft der Stadt und der Oberlausitz. „Hier gibt es zum Beispiel einen Bischofssitz, an dem aber nie ein Bischof gesessen hat“, berichtet Gudrun Büchler. „Deswegen wird er auch als sogenannter Bischofssitz bezeichnet“, ergänzt Christine Bär.

Und Gottfried Brückner weist auf einen ganz besonderen Ginkgo am Mühlteich hin. „Er wurde 2016 gepflanzt. Damals kamen ungarische Gastarbeiter, die zu DDR-Zeiten unter anderem bei Fortschritt gearbeitet hatten, wieder in Bischofswerda zusammen. Denn eine Hälfte ist wieder zurück nach Ungarn, die andere ist hiergeblieben“, erzählt er. Solche Geschichten findet der 66-Jährige extrem spannend.

Dass die drei Bischofswerdaer so viel über ihre Heimatstadt erzählen können, hat einen einfachen Grund: Seit 2015 begleiten sie als Stadtführer interessierte Menschen durch Schiebock, zeigen ihnen die Ecken, die selbst Einheimische noch nicht kennen. „Viele meinen, dass sie zwar schon oft an gewissen Orten vorbeigelaufen sind, aber sie haben sie noch nicht bewusst wahrgenommen oder kennen die Geschichte zum Beispiel hinter einem Gebäude nicht“, meint Christine Bär.

Um Stadtführerin zu werden, habe sie 2014 einen Kurs an der Kreisvolkshochschule in Bautzen absolviert. „Ich habe damals eine Beschäftigung gesucht, die mir Spaß macht“, sagt sie.

Stadtführer entwickelte Tour zur Industrie Bischofswerdas

Ähnlich war es auch bei Gottfried Brückner und Gudrun Büchler. Auch sie haben damals den Kurs an der Volkshochschule gemacht. Büchler sagt, was sie dazu motivierte: Sie höre immer wieder, dass in Bischofswerda nichts los sei und es in der Stadt dreckig aussehe. „Wenn die Leute ihre Pizzakartons auf die Straße schmeißen, kann ich das nicht ändern. Aber ich kann ihnen die schönen Ecken Bischofswerdas zeigen“, sagt die Stadtführerin, die besonders gern durch die Parks von Bischofswerda führt.

Neben der Geschichte der Stadt und der Oberlausitz wurden die Gästeführer auch in Didaktik, Rhetorik und Präsentationstechniken geschult. Dazu gehörten auch kleine Details. Zum Beispiel, dass man Gäste bei Führungen so platziert, dass sie nicht gegen die Sonne blicken müssen. „Wir mussten auch eine Probeführung machen“, sagt Bär.

Ihm habe in den rund zwölf Kurseinheiten vor allem das Thema Entwicklung der Industrie in der Oberlausitz gefallen, sagt Brückner. „Ich habe dabei so viel mitgenommen, dass ich daraus eine eigene thematische Stadtführung entwickelt habe“, erzählt er. Seitdem führt er die Menschen zum einstigen Fortschritt-Werk, zur Herrenmode oder zum Herrmannstift, in dem früher eine Tuchmacherfabrik untergebracht war.

„Das Tuchmacherhandwerk zählt zu den ältesten Gewerben Bischofswerdas, bereits kurz nach dem Jahre 1406 erhielt deren Innung die bischöfliche Bestätigung“, erzählt er voller Begeisterung. Seine Erkenntnis: „Gerade in den Produktionsstätten der ehemaligen DDR kommen die Leute ins Erzählen. Sie berichten von früher, weil sie hier noch selbst gearbeitet haben, und erzählen, wie es damals ausgesehen hat.“ Schon häufig habe er so Geschichten aufschnappen können, die er später in seine Stadtführung einbaute.

Zweimal im Jahr gibt es eine besondere Führung

Gemeinsam entwickelten die drei Stadtführer und weitere Personen auch die lebendigen Stadtführungen anlässlich der 790-Jahr-Feier von Bischofswerda im Jahr 2017. Mittlerweile werden sie zweimal im Jahr angeboten ­– einmal im Frühjahr und einmal im Herbst. Die Stadtführer zeigen dabei das alte Bischofswerda. „Auf der Route durch Schiebock begegnen wir dabei immer wieder sagenhaften oder geschichtsträchtigen Bewohnern und Figuren, die von Laien und Ehrenamtlichen gespielt werden. Eine bekannte Person ist zum Beispiel Carl Lohse“, erklärt Christine Bär, die als Förster-Christel bei diesem Schauspiel mitmacht.

Mittlerweile sei man eine Gruppe von rund zehn Personen, sagt Gottfried Brückner, der als Stadttorwächter durch die Stadt führen darf. Rund 90 Minuten dauern diese besonderen Stadtführungen, also etwa 30 Minuten länger als eine normale Tour. „Vor allem junge Familien genießen die besondere Atmosphäre. Wir versuchen, es immer etwas lustig zu gestalten, damit die Kinder auch Spaß haben“, sagt Gudrun Büchler. Jedes Jahr überlege man sich auch neue Rollen und neue Texte für die Stadtoriginale. „Wir wollen den Menschen ja nicht jedes Jahr das Gleiche erzählen“, sagt Gottfried Brückner.

Die nächste lebendige Stadtführung findet erst im neuen Jahr statt. Am kommenden Sonnabend gibt es jedoch die Möglichkeit, eine normale Tour durch Bischofswerda zu machen, erklärt Sascha Hache, Referent des Oberbürgermeisters. Diese beginnt um 11 Uhr und ist die letzte öffentliche Stadtführung in diesem Jahr. Insgesamt werden jährlich von März bis Oktober acht bis zehn normale Stadtführungen angeboten.