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Seit 50 Jahren als Musiker erfolgreich - ohne Ausbildung

Mit wenigen Gitarren-Riffs begann Hartmut Reichelt 1971 Musik zu machen. Zum großen Bühnenjubiläum erinnert sich der Rammenauer an Schönes und Schwieriges.

Hartmut Reichelt aus Rammenau spielt seit 50 Jahren auf seiner Gitarre. Besonders die Country-Musik hat es ihm angetan.
Hartmut Reichelt aus Rammenau spielt seit 50 Jahren auf seiner Gitarre. Besonders die Country-Musik hat es ihm angetan. © Steffen Unger

Rammenau. Hartmut Reichelt lässt sich nicht lange bitten, um ein Lied auf seiner Zwölf-Saiten-Western-Gitarre anzuspielen. „Almost heaven, West Virginia. Blue Ridge Mountains, Shenandoah River”, singt er mit einem Cowboy-Hut auf dem Kopf. „Bereits ein Ton kann einen Ohrwurm auslösen. Deswegen liebe ich die Musik so sehr. Sie weckt Gefühle“, sagt der gebürtige Rammenauer.

Seit nunmehr 50 Jahren tritt er als Musiker bei Veranstaltungen und privaten Feiern auf, feiert in diesem Jahr sein 50-jähriges Bühnenjubiläum. Angefangen hat der heute 68-Jährige mit 19 Jahren zu Silvester 1971 im Gartenlokal Morgensonne in Bischofswerda. Seine Band hatte damals noch keinen richtigen Namen.

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„Erst später zu einer Tanzveranstaltung im Goldenen Engel Bischofswerda haben wir zusammengesessen und wussten nicht, wie wir unsere Band nennen sollten. Vor uns lag ein Schreibblock der Firma Astra. Da haben wir nur ein D angehängt, und so waren wir ab sofort die Astrad-Combo“, berichtet Reichelt, der damals an der Gitarre spielte.

Reichelt hat eigenen Fanclub in Geißmannsdorf

Dass er Musiker geworden ist, hat er seinem Freund und Bandkollegen Johannes Steglich zu verdanken. „Er hat mir Ende der 1960er-Jahre ein paar Gitarren-Griffe gezeigt und mir die ersten Akkorde beigebracht. Mit A, E und D konnte ich dann schon die ersten Lieder spielen“, sagt Reichelt. Eine Musikschule habe er nie besucht. „Ich bin Autodidakt, habe mir danach alles selbst beigebracht.“

Und das ziemlich erfolgreich. Denn 1973 wird Astrad-Combo die Hauskapelle im Schloss Rammenau. „Das war musikalisch unsere beste Zeit.“ Bis April 1974 begeistern sie die Gäste im Schloss und treten danach bis 1986 in den verschiedenen Lokalen rund um Bischofswerda auf. In Geißmannsdorf, einem Ortsteil von Bischofswerda, hat Reichelt sogar einen eigenen Fanclub.

„Mir war immer wichtig, dass den Menschen meine Musik Freude bereitet, sie für einen Abend ihre Probleme um sich herum vergessen können“, sagt er. Eigene Hits hat Reichelt aber nie geschrieben. „Es gab Versuche, aber die waren nicht besonders erfolgreich. Deswegen haben wir versucht, die großen Hits so gut wie möglich nachzuspielen.“

Musik aus dem Westen über Tonband-Gerät aufgenommen

Das war besonders zu DDR-Zeiten schwierig. Denn die Staatsführung der DDR verlangt damals von Künstlern, dass sie sich an marxistisch-leninistischen Ideen orientieren. „Wir durften maximal 40 Prozent West-Musik spielen, aber auch nicht jedes Lied aus dem Westen war erlaubt. Gehalten haben wir uns aber nie dran“, gibt Reichelt zu.

Meist habe man ohnehin mehr Musik aus dem Westen gespielt. „Heino, Freddy Quinn, Smokie oder Costa Cordalis. Alles, was den Leuten gefallen hat, hatten wir im Programm. Dass wir uns dabei nicht an die Regeln gehalten haben, hat niemanden gestört.“

Die Astrad-Combo war von 1973 bis 1974 die Hauskapelle im Barockschloss Rammenau. Hartmut Reichelt (2.v.r.) spielte dabei eine der beiden Gitarren.
Die Astrad-Combo war von 1973 bis 1974 die Hauskapelle im Barockschloss Rammenau. Hartmut Reichelt (2.v.r.) spielte dabei eine der beiden Gitarren. © privat

Auch die Musik der Beatles oder von Elvis wurde aufgeführt. „Wir haben die Songs mit einem Tonbandgerät auf Kurzwelle von Radio Luxemburg oder auf UKW vom Rias aufgenommen. Das hat mal besser, mal schlechter funktioniert“, sagt Reichelt. Man habe die Musik dann mehrmals angehört und versucht nachzuspielen. „Das war sicherlich nicht perfekt, aber die Melodie und der Text waren erkennbar.“

Freie Kunst ohne autoritäre Aufsicht war war dennoch eine Illusion. Denn Reichelt und seine Bandmitglieder brauchten damals eine Spielerlaubnis. Ohne diese Erlaubnis durften in der DDR keine öffentlichen Auftritte bestritten werden. Darin war unter anderem geregelt, wie viel der Künstler für einen Auftritt bekommt. „Wir wurden auch regelmäßig beurteilt und in Kategorie eingestuft“, sagt Reichelt.

„Bühnensicheres Auftreten und fleißiges Musizieren“

In einer Einschätzung der Abteilung Kultur des Rates des Kreises Bischofswerda von 1982 heißt es: „Das Kollektiv bemühte sich um einen guten Kontakt zum Publikum, was auch durch entsprechende Titelauswahl recht rasch gelang. Dieser Kontakt lebte vor allem durch die sehr zahlreich dargebotenen Gesangstitel, ein bühnensicheres Auftreten und fleißiges Musizieren.“

Doch es wurde auch kritisiert: „Die künstlerische Bewältigung der einzelnen Titel bedarf jedoch der Aneignung weiterer musikalisch-handwerklicher und interpretatorischer Fähigkeiten durch jedes einzelne Mitglied des Kollektivs. Folgende Schwerpunkte müssen in der Probearbeit unbedingt beachtet werden: Kollege Reichelt (Gitarre): Melodiespiel, Technik.“

„Heute interessiert das keinen mehr. Entweder die Leute wollen einen hören oder nicht. Da braucht man keine Zulassung“, sagt Reichelt, der nach der Wende mit seinem Kumpel Johannes Steglich durch das Land tourte. „Unsere weiteste Reise ging bis nach Niedersachsen. Dort hatte uns ein Busunternehmer zu seiner Silberhochzeit gebucht.“

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Bis 2000 treten die beiden als Astrad-Duo auf, danach ist Hartmut Reichelt als Solokünstler unterwegs, besitzt ein eigenes kleines Tonstudio und wird bis heute vor allem zu Familienfeiern gebucht. Seit Juni hatte er bereits wieder 18 Veranstaltungen. „Vieles musste vorher wegen Corona abgesagt werden.“ Aber das trübt das 50-jährige Bühnenjubiläum nicht.

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