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Kosmetikerin bangt um ihre Existenz

Susann Glatz aus Neukirch büßte während der Pandemie schon mehrere Tausend Euro ein. Warum ihr die versprochene Unterstützung vom Staat kaum hilft.

Kosmetikerin Susann Glatz bekommt kaum finanzielle Unterstützung für die Zeiten, in denen sie in Neukircher Studio schließen muss.
Kosmetikerin Susann Glatz bekommt kaum finanzielle Unterstützung für die Zeiten, in denen sie in Neukircher Studio schließen muss. © SZ/Uwe Soeder

Neukirch/Lausitz. Seit 22 Jahren betreibt Susann Glatz ihr Kosmetikstudio in Neukirch. Doch so schwer, wie in den vergangenen Monaten sei es für sie noch nie gewesen. Schlaflose Nächte und Existenzängste - all das ausgelöst von Corona-Hilfen, die bei ihr laut eigenen Aussagen nur in geringem Maß ankamen. "Das war echt eine harte Zeit", sagt sie gegenüber Sächsische.de. Denn trotz eines Nebenjobs in der örtlichen Netto-Filiale ging der Kontostand mit der Zeit immer weiter ins Minus.

"Es gab schon im ersten Lockdown ein Theater, als wir am 14. März letzten Jahres für sieben Wochen zugemacht wurden. Da konnten wir 9.000 Euro Soforthilfe beantragen", erzählt sie. Tatsächlich behalten durfte man aber nur das Geld für die Geschäftskosten. Alles, was für private Ausgaben draufging, musste wieder zurückgezahlt werden, was sieben Wochen ohne Geld für Privates bedeutete.

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Als dann wieder geöffnet wurde, gab es zwar strenge Hygienebestimmungen, wie beispielsweise die Maskenpflicht, doch immerhin durfte Glatz wieder ihrer Arbeit nachgehen. "Da hatte ich wieder meine Einnahmen und keine Einbußen", berichtet sie. Mit der erneuten Schließung im November wurde es für sie finanziell aber so richtig fatal.

Minijob im Discounter gesucht

"Normal bin der Hauptverdiener der Familie", erzählt Susann Glatz. Neben ihrem Mann, der als Handwerker im Sanitärbereich arbeitet, hat sie einen siebenjährigen Sohn und eine 19-jährige Tochter. Dass da die privaten Kosten nicht zu vernachlässigen sind, sei logisch.

Als ihre Einnahmen aus dem Kosmetikbereich im zweiten Lockdown erneut komplett wegfielen, musste sie fast zwei Monate auf erste Unterstützung warten. "Am 28. Dezember kamen 1.196 Euro an", sagt Glatz. Später bekam sie nochmal 1.300 Euro im Rahmen der November- und Dezemberhilfen.

"Alles ein Tropfen auf den heißen Stein", betont Susann Glatz. Aus ihrer finanziellen Not heraus suchte sie sich deshalb einen Minijob beim Discounter Netto. Zudem verdiente sie ein wenig mit der während dieser Zeit erlaubten medizinischen Fußpflege. Ihren Sohn musste sie zu Hause betreuen. Denn der durfte im Gegensatz zum ersten Lockdown nicht mehr in die Notbetreuung gehen, da Handwerker nicht mehr als systemrelevant bezeichnet wurden.

Erst den Dispo erhöht, dann Kredit aufgenommen

"Ich hatte Existenzängste, schlaflose Nächte und wollte mir noch einen weiteren Job für 20 Stunden suchen. Ich hab’s wirklich überall versucht, aber es ist gruselig schwer, als Mensch im Arbeitsleben etwas zu finden", betont sie. Besonders über Absagen im Pflegebereich war sie enttäuscht. "Die Mitarbeiter dort gehen auf dem Zahnfleisch, aber es wird gespart und niemand eingestellt", sagt die Kosmetikerin.

Deshalb entschied sie sich Ende 2020 für einen Termin bei der Bank, um den Dispokredit zu erweitern. Doch ihre Situation spitzte sich aufgrund der andauernden Schließung ihres Kosmetikstudios weiter zu. "Ich wusste, dass ich im März an das Limit meines Dispos komme und, dass kein Geld mehr vom Staat kommt", sagt sie. Deshalb habe sie schließlich einen Bankkredit aufgenommen.

Denn von den Hilfen, die für die Monate Januar bis Juni zur Verfügung stehen, habe ihr ihre Steuerberaterin abgeraten. Der Grund: "Wenn man vor Juni wieder aufmacht, muss man alles wieder zurückzahlen", sagt Glatz. So stand es zumindest im auszufüllenden Dokument. Diesem Rat widersprechen aber sowohl das Wirtschaftsministerium als auch die Sächsische Aufbaubank (SAB).

Ministerium verspricht schnellere Auszahlung

"Sie kann für die Monate Januar und Februar die Überbrückungshilfe III beantragen", sagt Volker Stößel von der SAB. Da sie in den Monaten November und Dezember allerdings andere Hilfen in Anspruch genommen habe, gelte das nur für Monate im Jahr 2021.

"Unternehmen sind antragsberechtigt, wenn sie in einem Monat einen coronabedingten Umsatzeinbruch von mindestens 30 Prozent im Vergleich zum Referenzmonat im Jahr 2019 erlitten haben", fügt Anna Sophie Eichler vom Wirtschaftsministerium an.

Somit würden Susann Glatz zumindest für Januar und Februar 2021 wieder die viel zitierten Fixkosten zustehen, auch wenn diese wieder nur einen Bruchteil vom regulären Umsatz im Monat abdecken würden. Auch die Auszahlung dieser Gelder würde deutlich schneller gehen, als noch im vergangenen Jahr, verspricht das Wirtschaftsministerium.

Testpflicht schreckt Kunden ab

Was das Susann Glatz bringen würde? "Aktuell ist mein Konto im Dispo, vorher war es im Plus", erzählt sie. Rechnet man das Geld dagegen, das sie noch bekommen könnte, würde trotzdem ein hoher Verlust übrig bleiben. Das ist für Susann Glatz überhaupt nicht zu verstehen. "Ich hatte ein Berufsverbot und konnte nicht arbeiten", sagt sie.

Auch in die Zukunft blickt Glatz mit Sorge. "Jeder Kunde muss ab sofort einen tagesaktuellen negativen Corona-Test mitbringen", erzählt sie. Zwar gebe es aufgrund fehlender Testmöglichkeiten noch eine Überbrückungszeit. Doch sollte es dazu kommen, stehe eines fest. "Da sagen mir viele Kunden ab", sagt sie. Auch, wie es weitergeht, falls die Sieben-Tage-Inzidenz mehrere Tage über 100 liegt, weiß sie noch nicht. Und sollte sie wieder schließen, würde "das ganze Theater von vorne beginnen".

Der Beitrag wurde am 17. März um 18.55 Uhr aktualisiert.

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