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Schmöllns letzte Bäckerei macht zu

Fast 37 Jahre stand Gudrun Polak am Ofen und im Laden. Dabei hatte sie einst andere Pläne - und kam schon in der Welt herum, als viele das noch nicht konnten.

Die Bäckerei Polak in Schmölln schließt am Sonnabend. Besitzerin Gudrun Polak hört nach fast 37 in der Backstube auf.
Die Bäckerei Polak in Schmölln schließt am Sonnabend. Besitzerin Gudrun Polak hört nach fast 37 in der Backstube auf. © SZ/Uwe Soeder

Schmölln-Putzkau. Nach 36,5 Jahren voller 16-Stunden-Schichten ist Schluss. Die einzige in Schmölln verbliebene Bäckerei wird es ab kommender Woche nicht mehr geben. "Es ist schon ein seltsames Gefühl, wenn man sich mit dem Gedanken trägt", erzählt Bäckerin Gudrun Polak gegenüber Sächsische.de. Doch ganz aufhören kommt für sie noch nicht infrage.

"Ich mache nicht frei, da müsste ich mich ja erst umgewöhnen", erzählt sie mit einem leichten Grinsen im Gesicht. Denn die in der Bäckerei angesiedelte Postfiliale möchte sie zumindest für zwei Stunden am Nachmittag weiterhin öffnen. "Aber da muss ich erstmal sehen, wie sich das entwickelt", sagt Gudrun Polak.

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Sollte das Angebot nicht angenommen werden, dann sei endgültig Schluss. Denn etwas Neues möchte die 67-Jährige nicht mehr anfangen. Dafür habe sie lange genug in der Backstube gestanden.

"Normal in der Woche fange ich um eins an, 17 Uhr ist Ladenschluss. Am Wochenende geht’s noch eher los, da starte ich Donnerstag und Freitag um 23 Uhr", sagt sie. Mehr als vier Stunden Schlaf seien bei dem Zeitplan gar nicht möglich. Doch Gudrun Polak ist das gewohnt.

Statt Urlaub nur ein Pfingstausflug

Schon in ihrer Kindheit war Urlaub ein Fremdwort für sie. Damals leiteten ihre Eltern die Bäckerei. "Solche Gedanken hatten wir gar nicht", sagt sie und betont, dass der jährliche Pfingstausflug nach Pillnitz einer der wenigen Höhepunkte in jedem Jahr gewesen sei.

Doch viele Freiheiten habe es für die Familie in der DDR ohnehin nicht gegeben, denn sie sei politisch "nicht so beliebt" gewesen, erzählt Gudrun Polak. "Jugendweihe stand für uns nie zur Debatte, wir wurden einfach konfirmiert und fertig", sagt sie.

Über eine Hintertür habe sie es aber dennoch geschafft, eine Lehrstelle in Dresden zu bekommen. Als Konditorin, weil sie das schon immer fasziniert habe. Doch nach ihrem Abschluss hatte sie erstmal etwas ganz anderes vor.

Von Schmölln nach Südamerika und zurück

"Ich bin zur Seereederei nach Rostock gegangen und hab' mich da versucht", erzählt Polak. Als sie nach zahlreichen Vorstellungen und Lehrgängen endlich ihr Seefahrtbuch hatte, reiste sie direkt nach Chile. "Dann bin ich rund um Südamerika auf dem Bananendampfer gefahren", sagt sie.

Später habe sie sich einen Kindheitstraum erfüllen und die japanische Stadt Kobe kennenlernen wollen, daher habe sie den Flottenbereich gewechselt. "Ich bin aber nur bis China und Nordkorea gekommen", erzählt sie. Insgesamt habe sie in ihren acht Jahren an Bord zwei Putsche miterlebt. "In Chile war ich, als dort geputscht wurde. Ein Jahr später war ich in Portugal, da wurde wieder geputscht. Dann hat man mir gesagt, wir nehmen dich nimmer mit", erzählt sie.

Nachdem sie Spanisch gelernt hatte und Obersteward geworden war, erhielt sie die Nachricht, dass ihr Vater krank sei. "Ich bin zurückgegangen, obwohl das niemand verlangt hatte", betont sie. Zuerst habe sie in der Schiebocker Milchbar gearbeitet, während der Vater die Bäckerei schloss.

Dann sei die Schmöllner Bürgermeisterin mehrfach auf sie zugekommen, in der Hoffnung, dass sie das Geschäft wieder öffnen würde. Und das tat sie dann auch. "Ich bekam Auflagen, dass ich innerhalb von zwei Jahren den Meister machen muss. Ich wollte Konditormeister werden", sagt sie. Doch das sei in der DDR nicht so einfach gewesen.

"Der Obermeister fand eine Konditorin unnötig"

Nach einem Jahr in Dresden mit drei weiteren Personen, die Konditormeister werden wollten, habe sie einfach keine Einladung mehr zum Weitermachen bekommen. Denn um den Meister zu machen, hätten damals die örtliche Versorgungswirtschaft, die Handwerkskammer und der Obermeister zustimmen müssen. Doch Letzterer habe abgelehnt, weil er eine Konditormeisterin in Schmölln als "unnötig" empfand.

"Ich wurde einfach gestrichen, ohne dass man mir es gesagt hat", erzählt Gudrun Polak. Doch ein Kollege habe es damals für sie "gerichtet", und so habe sie ein bisschen später doch noch ihren Meister machen können. Allerdings konnte sie das Wichtigste für die Bäckerei in Schmölln zu diesem Zeitpunkt noch nicht. "Am Anfang arbeiteten hier etliche Leute, auch meine Mutter hat noch mitgeholfen, weil ich da erst Brotbacken lernen musste", erinnert sich Polak.

Nach der Wende kamen weniger Kunden

Es folgten sechs gute Jahre, in denen jeden Tag die Kunden zahlreich gekommen seien. Mit dem Mauerfall und dem Aufkommen von Discountern sei damit allerdings Schluss gewesen. "Bis heute muss es bei manchen immer viel und billig sein", stellt Gudrun Polak fest. Seither kamen nie mehr so viele Menschen zu ihr wie vor der Wende.

Auch eine Softeis-Maschine, die sie sich 1990 anschaffte, habe nur kurzen Aufwind gebracht. "Anfangs hatte ich sogar Sonntagmittag zum Eisholen offen, da hatte ich auch draußen Tische stehen", erklärt sie. Doch dann wurde die Straße gebaut, Kindergarten und Schule wurden geschlossen. Das sei die größte Krise gewesen, die sie in ihren knapp 37 Jahren als Bäckerin zu überwinden hatte.

Jetzt wäre Zeit für ihren größten Traum

Dass sie jetzt wirklich schließt und es keinen Bäcker mehr in Schmölln gibt, tue ihr vor allem für ihre Stammkunden leid. "Die Leute sind ganz erstaunt und bisschen betroffen auch, haben aber Verständnis dafür", sagt sie. Allerdings habe sie es bisher noch kaum jemandem erzählt. "Ich will da kein großes Gewese drum herum machen", erklärt sie.

Die Bäckerei an einen neuen Besitzer weitergeben möchte sie nicht. Denn als Familie könne man von den Einnahmen nicht leben. Deshalb habe sie auch nie aktiv nach einem Nachfolger gesucht. Daher werde im Haus nach 123 Jahren Bäckerei-Geschichte nun Ruhe einkehren.

Trotz der Umstellung freut sich Gudrun Polak auch auf die kommende Zeit. "Ich habe ein großes Grundstück, das immer vernachlässigt worden ist. Da habe ich im Sommer viel zu tun", erzählt sie. Auch ihr größter Traum sei noch offen. "Nach Japan werde ich vielleicht nicht mehr kommen, aber ich habe es auch noch nicht ganz zur Seite gelegt", sagt sie.

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