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Hindernisfahrt durch Bischofswerda

Bordstein, Mülltone, Pflasterweg - Menschen mit Handicap stoßen immer wieder auf Hindernisse. Das stellt sie vor große Probleme.

Wieland Hantzsch auf seinem Elektro-Scooter. Sobald er aus dem Haus gerollt ist, muss er über das holprige Kopfsteinpflaster fahren.
Wieland Hantzsch auf seinem Elektro-Scooter. Sobald er aus dem Haus gerollt ist, muss er über das holprige Kopfsteinpflaster fahren. © SZ/Uwe Soeder

Bischofswerda. Dass man auch in einem 200 Jahre alten Innenstadthaus modern leben kann, spürt Wieland Hantzsch jeden Tag. Mittels Fernbedienung kann er die Haustür öffnen. Sie bleibt dann 30 Sekunden lang offen, bis sie sich automatisch wieder schließt. Ausreichend Zeit für den 69-Jährigen, der seit einem Schlaganfall an den Rollstuhl gefesselt ist, um mit seinem Elektro-Scooter aus dem Haus zu fahren. 

Für den Weg hoch zur Pfarrgasse braucht er dann allerdings einen guten Magen. Auf dem Kopfsteinpflaster rumpelt, holpert und schaukelt es. Mehrmals am Tag nimmt Wieland Hantzsch diesen Weg - am Morgen und am Abend, wenn er seinen Hund ausführt, und tagsüber um Besorgungen zu machen.

Late Night Shopping Dresden
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Zur langen Einkaufsnacht unter dem Motto "Late Night Shopping" lädt das City Management Dresden am Freitag, 2. Oktober, in die Dresdner Innenstadt ein. Vom Neumarkt an der Frauenkiche bis zur Prager Straße beteiligen sich zahlreiche Händler und die großen Einkaufsgalerien an der Aktion.

Gelbe Tonnen versperren den Weg

Wo sich Pfarrgasse und Kirchgasse treffen, ist der Bordstein abgesenkt. Wieland Hanztsch kommt hier problemlos hoch auf den Fußweg. Die Abfalltonnen, die an diesem Tag geleert werden und an einer Hauswand stehen, stören ihn nicht. Während der Tour durch die Innenstadt wird das nicht überall so sein. Mehrmals werden ihm die Tonnen den Weg versperren, weil sie mitten auf dem Fußweg oder an Straßenecken genau dort hingestellt wurden,  wo der Fußweg für Rollstuhlfahrer, aber auch Menschen mit Rollator oder Kinderwagen abgesenkt ist.  

Ein paar Meter weiter auf der Kirchgasse, am früheren Gasthaus Gambrinus,  stoppt Wieland Hantzsch und zeigt auf eine tiefe Delle auf dem noch unsanierten Fußweg. Der schmale Weg ist abschüssig in Richtung Straße. Zweimal schon kippte er hier mit seinem kleineren Scooter um, berichtet er. Dann kann er nur auf hilfsbereite Menschen hoffen, die ihm wieder aufhelfen. 

Baumängel auf dem Altmarkt wirken bis heute

Die Stadt Bischofswerda lässt seit den 1990er die Innenstadtstraßen nach und nach sanieren. Für Menschen, die in ihrer Bewegung eingeschränkt sind, hat sich dadurch schon viel verbessert. Wieland Hantzsch lobt die Einmündung  der Spargasse in die Bahnhofstraße. Dort wurde das Pflaster im Bereich des Fußweges abgeschliffen, sodass er gut darüber fahren kann. 

Doch gleich danach muss er auf die Fahrbahn ausweichen. Ein Baugerüst und parkende Baufahrzeuge versperren ihm den Weg. Schnell fährt er zur nächsten Einmündung,  wo er wieder auf den Fußweg kommt. "Ich habe ein Versicherungskennzeichen und darf deshalb auch auf der Straße fahren", sagt er. 

Der Altmarkt wurde vor etwa 15 Jahren saniert. Die Mitte des Platzes ist für Menschen im Rollstuhl oder mit einem Rollator so gut wie nicht passierbar. Das liegt nicht nur an dem Wildpflaster, das auf Grund einer Forderung des Denkmalschutzes wieder verwe
Der Altmarkt wurde vor etwa 15 Jahren saniert. Die Mitte des Platzes ist für Menschen im Rollstuhl oder mit einem Rollator so gut wie nicht passierbar. Das liegt nicht nur an dem Wildpflaster, das auf Grund einer Forderung des Denkmalschutzes wieder verwe © SZ/Uwe Soeder

Doch nicht auf jeder sanierten Straße kommt er gut voran. Auf dem klobigen Wildpflaster in der Mitte des Altmarktes macht es schon Menschen mit zwei gesunden Beinen keinen Spaß, in leichten Schuhen zu laufen. Denn die Steine drücken durch die Sohlen. Bauexperten sprechen offen von Pfusch, für den die Stadt vor Jahren hätte die Baufirma in Regress nehmen müssen. Doch das wurde damals versäumt.

Die Perspektive von Wieland Hantzsch ist eine andere, als sie Menschen ohne Handicap haben. Beim Stichwort Altmarkt fällt ihm als Erstes nicht die Marktmitte, sondern eine Delle am Abzweig Dresdner Straße ein. Anderen fällt sie gar nicht auf.

Ganz langsam über Baumwurzeln

Ein kürzlich vom sächsischen Landesverband Selbsthilfe Körperbehinderter gestartetes Projekt „Bischofswerda Inklusiv ­­­– ein Netzwerk ohne Barrieren“  will Menschen mit Behinderung den Alltag erleichtern und ihnen bessere Möglichkeiten geben, am öffentlichen Leben teilzunehmen. Wieland Hantzsch möchte dort seine Erfahrungen einbringen. Vor allem gehe es ihm darum, für die Belange von Menschen mit einem Handicap im Alltag zu sensibilisieren, sagt er. 

Oft helfen schon kleine Dinge, wie Mülltonnen, die mit Rücksicht auf Andere abgestellt  werden, oder zeitweilige Verkehrsschilder, die Rollstuhlfahrer nicht  blockieren. Wieland Hantzsch kennt die Gefahrenstellen in der Stadt aus dem Effeff. Wie zum Beispiel die Baumwurzeln, die an der Straße am Lutherpark den Fußweg heben. Dort muss er mit dem Scooter ganz langsam darüber fahren. 

Rathaus-Sprecher: Stadt ahndet Verstöße

Werbeaufsteller vor Geschäften sind für den ehemaligen Buchhändler dagegen kaum ein Problem. Die meisten Geschäftsleute nehmen Rücksicht und stellen sie unmittelbar an die Hauswand, sodass man auch mit einem Rollstuhl daran vorbei kommt. 

"Die Stadtverwaltung ist für die Probleme sensibilisiert", versichert Rathaus-Sprecher Sascha Hache. Der städtische Vollzugsdienst achte bei seinen Kontrollgängen auch darauf. Jede Form von Verstößen habe den gleichen Stellenwert. "Trotzdem werden sicherheitsrelevante Verstöße, wie zum Beispiel  das Zuparken einer Feuerwehrzufahrt, oder ein Fehlverhalten, das gehandicapten Menschen das Leben noch mehr erschwert, schneller geahndet", sagt Sascha Hache. 

Abenteuerliche Heimfahrt nach einer Bahnreise

Die meisten Barrieren, auf die Wieland Hantzsch in der Stadt stößt, sind aber klein im Vergleich zu den fehlenden Aufzügen auf dem Bahnhof. Als er kürzlich am späten Abend von der Ostsee zurück kam, hatte er Glück: Der Fahrdienstleiter in Dresden leitete den Zug auf Gleis 1 in Bischofswerda um, sodass er problemlos aussteigen konnte. "Am Tag, wenn viel mehr Verkehr ist, geht das natürlich nicht", weiß Wieland Hantsch. Dann kommen die Züge auf dem Inselbahnsteig in Bischofswerda an. Von dem aber kommen Menschen im Rollstuhl nicht runter. 

Ihm bleibt dann nur, schon eine Station früher in Weickersdorf auszusteigen und die drei Kilometer bis in die Stadt mit seinem Scooter auf der Landstraße zu fahren. Höchst gefährlich, gerade wenn es dunkel ist, obwohl das kleine Fahrzeug vorn und hinten Licht hat. 

Baustart für Aufzüge am Bahnhof soll im nächsten Jahr sein - jedenfalls nach den Planungen der Bahn vor einem Jahr. Für Menschen wie Wieland Hantzsch ein kleiner Lichtblick. 

Vier Barrieren für Rollstuhlfahrer auf sanierten Straßen

Ecke Herrmannstraße/Birkengasse: Die Gelben Tonnen stehen genau dort, wo die Bordsteinkante abgesenkt ist. Hier kommt Wieland Hantzsch mit seinem Scooter nicht hoch auf den Fußweg. 
Ecke Herrmannstraße/Birkengasse: Die Gelben Tonnen stehen genau dort, wo die Bordsteinkante abgesenkt ist. Hier kommt Wieland Hantzsch mit seinem Scooter nicht hoch auf den Fußweg.  © SZ/Uwe Soeder
Bahnhofstraße: Fußgänger - Straßenseite wechseln. Für Menschen, die laufen können, kein Problem. Für Wieland Hantzsch dagegen schon. Denn gegenüber ist die Bordsteinkante nicht abgesenkt. 
Bahnhofstraße: Fußgänger - Straßenseite wechseln. Für Menschen, die laufen können, kein Problem. Für Wieland Hantzsch dagegen schon. Denn gegenüber ist die Bordsteinkante nicht abgesenkt.  © SZ/Uwe Soeder
Herrmannstraße: Gut saniert - und trotzdem gibt es ein Problem. Vor dieser Einfahrt ist der Fußweg so abschüssig, dass ortsunkundige Rollstuhlfahrer leicht umkippen können. 
Herrmannstraße: Gut saniert - und trotzdem gibt es ein Problem. Vor dieser Einfahrt ist der Fußweg so abschüssig, dass ortsunkundige Rollstuhlfahrer leicht umkippen können.  © SZ/Uwe Soeder
Dresdner Straße: Ein zeitweilig aufgestelltes Verkehrsschild versperrt den Weg. Es steht genau dort, wo das Haus einen kleinen Vorbau hat. Doch diese wenigen Zentimeter fehlen um durchzukommen. Die Stadt prüfte auf einen Hinweis der SZ  das Problem. Sie bestätigt es, sieht aber aufgrund der Verkehrssituation - hier befinden sich zwei abgehende Straßen dicht hintereinander - keine andere Lösung. 
Dresdner Straße: Ein zeitweilig aufgestelltes Verkehrsschild versperrt den Weg. Es steht genau dort, wo das Haus einen kleinen Vorbau hat. Doch diese wenigen Zentimeter fehlen um durchzukommen. Die Stadt prüfte auf einen Hinweis der SZ  das Problem. Sie bestätigt es, sieht aber aufgrund der Verkehrssituation - hier befinden sich zwei abgehende Straßen dicht hintereinander - keine andere Lösung.  © SZ/Uwe Soeder

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