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Bischofswerda: Keine Chance auf einen Hautarzt-Termin

In der Stadt gibt es nur eine Hautarztpraxis. Für eine Behandlung nimmt mancher eine beschwerliche Tour auf sich. Und es droht, sogar noch schlimmer zu werden.

Agnes Kunert ist auf einen Rollator angewiesen und hat kein Auto. Deshalb fährt sie mit dem Zug zum Hautarzt nach Dresden, denn in Bischofswerda behandelt sie niemand. Die einzige Praxis nimmt keine Patienten mehr auf.
Agnes Kunert ist auf einen Rollator angewiesen und hat kein Auto. Deshalb fährt sie mit dem Zug zum Hautarzt nach Dresden, denn in Bischofswerda behandelt sie niemand. Die einzige Praxis nimmt keine Patienten mehr auf. © SZ/Uwe Soeder

Bischofswerda. Bis vor ein paar Jahren war die Welt für Agnes Kunert noch in Ordnung. Aufgrund einer Erkrankung muss die 82-Jährige aus Bischofswerda regelmäßig zu einer Untersuchung beim Hautarzt. "Ich war jahrzehntelang bei Frau Dr. Kretschmer, die aber dann in den Ruhestand gegangen ist", erzählt sie im Gespräch mit Sächsische.de. Was bis dahin kein Problem darstellte, wurde von einem Tag auf den anderen zu einer großen Herausforderung.

Denn die einzig verbliebene Schiebocker Hautärztin - Katrin Werner - nahm die Seniorin nicht auf. "Ich habe mehr als genug zu tun mit meinen Patienten, die ich jahrzehntelang behandle", sagt sie heute. Für weitere Patienten habe sie einfach keine Kapazität. Für Agnes Kunert begann damit die Suche nach einer Alternative, die schließlich auch gefunden werden konnte. "Ich bin vor drei Jahren durch die Kassenärztliche Vereinigung an einen Hautarzt in Dresden vermittelt worden", erzählt Kunert.

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Doch für eine Seniorin, die zur Fortbewegung auf einen Rollator angewiesen ist, bedeutet das eine ungeheure Anstrengung. "Ich bin den ganzen Tag unterwegs. Ich fahre früh so los, dass ich nach neun Uhr das Katzensprung-Ticket nutzen kann und lasse mir für ungefähr elf Uhr einen Termin geben", erzählt sie. In Dresden angekommen, muss sie dann noch Straßenbahn und Bus nutzen, um die Praxis im Ortsteil Bühlau zu erreichen.

"Dort sitze ich aber natürlich auch eine ganze Zeit im Wartezimmer. Bis ich wieder zu Hause bin, ist der Tag um", erzählt Kunert. Von den Unannehmlichkeiten beim Treppensteigen am nicht barrierefreien Bischofswerdaer Bahnhof mal ganz abgesehen.

Warum will auf dem Land niemand Hautarzt werden?

Hinter diesem Fall steckt ein strukturelles Problem. Das behauptet jedenfalls Hautärztin Katrin Werner. "Wir bekommen pro Patienten im Quartal 15 Euro. Dafür kommt kein junger Hautarzt mehr aufs Land. In der Stadt können viel mehr Privatpatienten behandelt und andere Leistungen angeboten werden, um das Honorar aufzubessern", sagt sie, beispielsweise das Spritzen von Hyaluronsäure.

Die Kassenärztliche Vereinigung (KVS) hingegen sieht andere Gründe, die bei der Wahl des Praxisstandortes viel wichtiger seien. "Dass vor allem junge Fachärzte urbane Regionen für ihre Niederlassung beziehungsweise Anstellung bevorzugen, hat verschiedene Ursachen, die sich durch eine optimale Infrastruktur, vielfältigere familiäre Angebote sowie soziale Aspekte erklären lassen", betont Pressesprecher André Reiche.

Ist das Leben in der Kleinstadt also einfach nicht attraktiv genug? Das lässt ein Blick auf die aktuell ansässigen Fachärzte vermuten: Derzeit sind laut KVS genau 1,5 Zulassungen für Hautärzte im Landkreis Bautzen frei. Das bedeutet, ein Facharzt in diesem Bereich könnte sofort beginnen.

Letzte Hautarztpraxis in der Stadt sucht einen Nachfolger

Um Interessenten den Umzug - beispielsweise nach Bischofswerda - schmackhaft zu machen, gibt es sogar Förderprogramme durch die KVS. "Zur Sicherstellung der vertragsärztlichen Versorgung in Gebieten mit Unterversorgung, drohender Unterversorgung oder zusätzlichem lokalem Versorgungsbedarf", wie es von der KVS heißt. Und trotzdem ist kein neuer Hautarzt für Bischofswerda in Sicht.

Es könnte sogar bald noch schlimmer werden. "Wenn ich innerhalb der nächsten zwei Jahre keinen Nachfolger finde, mache ich auch meine Praxis zu", sagt Katrin Werner. Auch sie sei mittlerweile über 60 Jahre alt. Für die Patienten, die dann ohne Hautarzt dastehen würden, sei das zwar ein riesiges Problem, aber: "Für die Sicherstellung der ärztlichen Versorgung ist die KVS zuständig", sagt Werner ganz klar.

Katrin Werners Suche nach einem Arzt, der ihre Praxis übernimmt, läuft bereits seit zwei Jahren. Am fehlenden Nachwuchs würde das bisherige Scheitern aber nicht liegen. "Es werden genug Hautärzte ausgebildet, die sich in der Regel zu dritt in einer Stadt niederlassen und sich eine Zulassung teilen", sagt sie.

Kassenärztliche Vereinigung setzt auf Telemedizin

Die Kassenärztliche Vereinigung will nun neue Wege gehen, damit junge Ärzte das Leben in der Stadt und das Arbeiten auf dem Land miteinander verbinden können. "Es wird derzeit verstärkt an innovativen Lösungen gearbeitet", teilt die KVS mit. Genauer gesagt geht es um Telemedizin. Das bedeutet, der Arzt ist nicht mehr persönlich anwesend, sondern wird per Computer zur Behandlung dazu geschaltet. Damit sollen laut KVS die "ärztlichen Ressourcen effizienter genutzt werden und wohnortnahe und qualifiziert hochwertige Versorgung von Patienten sichergestellt werden".

Diese Zukunftspläne bringen akut Betroffenen wie Agnes Kunert allerdings nichts. "Man muss überlegen, ob man auf die Behandlung verzichtet", sagt sie. Ihr stehe aufgrund von Pflegestufe 1 auch kein Fahrdienst oder wenigstens ein Kostenzuschuss über die Krankenkasse zur Verfügung, der die Reise nach Dresden vereinfachen beziehungsweise zumindest günstiger machen würde.

"Aktuell versuche ich, es auf alle halben Jahre zu begrenzen, aber manchmal muss ich halt auch öfter hin", sagt Kunert. Ihr sei eigentlich egal, auf welchem Wege Ärzte in die Region geholt werden. "Ich möchte einfach nur, dass ich behandelt werde."

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