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Sorbische Fußball-Auswahl: Mit der Feuerwehr ins Stadion

Trainer Frank Rietschel ist mit der sorbischen Auswahl von der Europeada zurückgekehrt. Und nun steckt er mit Bischofswerda in der Oberliga-Vorbereitung.

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Die sorbische Auswahl bei der Europeada in Kärnten. Am Ende gab es Bronze bei der EM der nationalen Minderheiten.
Die sorbische Auswahl bei der Europeada in Kärnten. Am Ende gab es Bronze bei der EM der nationalen Minderheiten. © privat

Bischofswerda. Wo nimmt der Mann die Power her? Frank Rietschel, 51, im Nebenjob mit Leib und Seele Fußball-Trainer, kennt keine Ruhepause. Hinter dem Ex-Profi liegt eine schwierige Oberliga-Saison mit dem Bischofswerdaer FV. Nur wenige Tage nach dem letzten Punktspiel reiste der dreifache Familienvater mit der sorbischen Auswahl, die er seit 2008 betreut, nach Kärnten zur Europeada. Am Ende gab es Bronze bei der EM der nationalen Minderheiten – ein großer Erfolg.

Nur einen Tag nach der Abschlussveranstaltung in Klagenfurt saß Rietschel bei Bischofswerdas erstem Test gegen Chemie Leipzig (1:2) wieder auf der Trainerbank.

Bei der Europeada standen zehn Lausitzer und 14 Oberlausitzer in der sorbischen Auswahl, die in verschiedenen Vereinen spielen. Wie bekommt man ohne eine richtige Vorbereitung eine gute Mannschaft auf die Beine gestellt?

Vor allem durch ein gut harmonierendes Funktionsteam, das schon im Vorfeld ständig unterwegs war. Dann fielen uns mit Tom Hentschel, meinem Sohn Niclas und Nico Katzer kurzfristig drei wichtige Spieler aus. Wir mussten schauen, dass wir auf den einzelnen Positionen ordentlich besetzt sind und es menschlich passt. Der Zusammenhalt ist entscheidend und hat uns zum Erfolg geführt. Wir hatten Spieler von der Oberliga bis zur Kreisliga im Kader.

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Wie groß war das Leistungsgefälle der teilnehmenden Auswahlen?

Ich vergleiche das mit einer EM oder WM. Die meisten Mannschaften haben vier, fünf Klassespieler drin, danach ist das Gefälle innerhalb der Teams unterschiedlich groß und dementsprechend auch ihr Niveau. Südtirol, der vierfache Turniersieger, stellte sich zum Beispiel aus Vereinen der vierten und fünften Liga auf. Das sieht man dann schon viel Klasse.

Im Halbfinale verlor Ihre Mannschaft nach einer indiskutablen Schiedsrichter-Leistung mit 0:1 gegen die Kärntener Slowenen. Was war da los?

Wir haben in den ersten 20 Minuten mehrere Gelbe Karten kassiert, fühlten uns verschaukelt. Der junge Mann, ein Einheimischer, war dem Halbfinale unwürdig, der Sieg der Kärntener Slowenen aber nicht ganz unverdient. Ich will allerdings nicht länger darauf herumreiten, denn die Gastgeber haben logistisch wirklich alles hervorragend hinbekommen.

Sorben-Cheftrainer Frank Rietschel (rechts) in einer Europeada-Pause mit den Physiotherapeuten Martin Spittank (Mitte) und Frank Domsch.
Sorben-Cheftrainer Frank Rietschel (rechts) in einer Europeada-Pause mit den Physiotherapeuten Martin Spittank (Mitte) und Frank Domsch. © privat

Wie war die Resonanz in Kärnten?

Wir sind in vier verschiedenen Orten angetreten. Das Halbfinale war herausragend. In Zell, einer zweisprachigen Gemeinde, haben wir auf fast 1.000 Meter Höhe gespielt. Ein überwältigendes Panorama. Wir wurden von der Feuerwehr abgeholt, weil dort auf einem halben Kilometer keine zwei Fahrzeuge aneinander vorbeikommen. In der Bergregion liegt noch bis in den März hinein ein Meter Schnee, aber der Rasenplatz war hervorragend. Beide Halbfinals gingen in Zell über die Bühne und am Abend gab es eine große Party.

Steht schon fest, wann und wo die 5. Europeada ausgetragen wird?

Die fünfte Auflage soll 2024 kommen, um wieder in den Vier-Jahres-Rhythmus zu gelangen. Es wird gemunkelt, die EM soll in der Region um Flensburg stattfinden.

Werden Sie dann immer noch Auswahl-Trainer sein?

Davon gehe ich aus. Hätten wir gewonnen, wäre ich vielleicht auf den Gedanken gekommen, aufzuhören – aber mir macht diese Aufgabe einfach Riesenspaß.

Am vergangenen Sonntag waren Sie schon wieder bei der Oberliga-Mannschaft. Wie verlief das erste Testspiel?

Das war in Ordnung. Chemie Leipzig war tonangebend, hat verdient gewonnen. Wir waren erst ein paar Tage im Training, einige Spieler fehlten noch, daher war ich nicht unzufrieden. Vor allem defensiv wurden wir gefordert und haben weitgehend dagegengehalten.

Insgesamt stehen bereits 16 Neuzugänge im Kader. Das klingt nach dem nächsten Neuaufbau, oder?

Wir wussten, dass unser Kader in der Vorsaison in der Breite zu klein war. Im April und Mai häuften sich die Ausfälle. Wir hatten sehr viele Spiele und haben Federn gelassen. In der kommenden Saison kommen wir auf fast 40 Pflichtspiele, daher mussten wir personell aufstocken. Wichtige Stützen, also den Kern der Truppe, haben wir aber gehalten.

Kapitän Pavel Cermak muss seine Laufbahn beenden. War die Rückkehr von Spielmacher Jakub Moravec aus deshalb so wichtig?

Pavels Ausscheiden ist schon bitter, aber es geht körperlich einfach nicht mehr. Jakub Moravec ist ein Glücksfall. Er hat sich selbst bei uns angeboten und wir haben sofort zugegriffen. Jakub kann den Takt auf dem Feld vorgeben. Ich finde es auch wichtig, dass unser Jiri Valenta, der verlängert hat, weiterhin einen Landsmann im Kader hat.

Ihr 19 Jahre alter Sohn Niclas hat beim FC Neugersdorf sein erstes Oberligajahr absolviert. Warum nehmen Sie ihn jetzt unter ihre Fittiche?

Niclas ist ein Teil unserer Strategie. Wir wollen mehr Spieler hier aus der Region, also Jungs, die hier groß geworden sind. Egal, ob Katzer, Rettig, Sobe, Krautschick oder Schiemann, auf sie alle trifft das zu. Johan Weiß, der aus Auerbach zu uns gestoßen ist, hat früher in Königswartha gekickt. Die Jungs kennen sich, bilden eine Art regionales Korsett. Das gefällt mir.

Der Verband hat den neuen Spielplan bekanntgegeben, Ihre Mannschaft beginnt beim SV 1890 Westerhausen. Haben Sie schon von dem Verein gehört?

Nein, diese Truppe kenne ich noch nicht. Ich musste erst einmal nachschauen, wo Westerhausen liegt. Jetzt weiß ich, dass es ein Ortsteil von Thale im Harz ist. Wir werden uns intensiv auf das Gastspiel beim Neuling vorbereiten, haben im Vorjahr erlebt, welche Euphorie bei einem Aufsteiger herrscht. Wir spielten in Wernigerode vor rund 700 Zuschauern und verloren mit 1:2. Das soll uns nicht noch mal passieren.

Über Jahre galt die Oberliga als graue Maus. 2022/23 spielen acht sächsische Vereine in der 5. Liga. Sehen Sie diese Spielklasse aufgewertet?

Absolut, wir haben die Derbys gegen Budissa Bautzen und den FC Oberlausitz Neugersdorf. Auch die Duelle mit dem ambitionierten Staffel-Neuling SC Freital sehe ich als Derbys an. Hinzu kommen die Regionalliga-Absteiger aus Auerbach und Eilenburg. Auch der VFC Plauen und der VfL Halle sind Vereine, die ganz oben mitspielen können. Das Erscheinungsbild der fünften Liga hat sich sehr positiv verändert.

Das Gespräch führte Jürgen Schwarz.